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Ausbau der Stromtrassen : Alarm, Bürgerdividende!

Überall in Deutschland müssen neue Stromleitungen her. Bild: Berthold Steinhilber/laif

Die Bundesregierung verspricht Anrainern der neuen Stromtrassen fünf Prozent Rendite, wenn sie sich an der Finanzierung beteiligen. Doch damit werden Bürger in riskante Spekulationsgeschäfte gejagt.

          Der Wutbürger André Tesch wohnt im Paradies. Wälder, Auen, Wiesen: Das Privatgrundstück des Anwalts nahe der schleswig-holsteinischen Kreisstadt Heide liegt mitten in freier Natur. Und mitten in der deutschen Energiewende. Bald könnte hinter Teschs Haus ein 80 Meter hoher Stahlmast gen Himmel ragen, der 380-Volt-Stromkabel zu tragen hat. Über eine Strecke von 150 Kilometern soll der Strom, den die Windräder an der Nordseeküste erzeugt haben, gen Süden fließen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tesch mag das nicht. Er will keine Leitungen hinterm Haus. Der Familienvater sorgt sich, dass die Hochspannung seine Kinder verstrahlt. Er wird gegen den Mast klagen, wie Hunderte weitere Anwohner. Vor ein paar Wochen schrieb ihm deshalb die niederländische Firma Tennet, die das Stromnetz baut. Insgesamt bekamen 160.000 Haushalte in den Kreisen Dithmarschen und Nordfriesland Post aus Holland, all jene, die links und rechts der geplanten Stromautobahn wohnen.

          „Liebe Anwohner“, schrieb Tennet, „gemeinsam die Energiewende umzusetzen heißt auch, gemeinsam davon zu profitieren.“ Deshalb habe der Konzern eine Anleihe aufgelegt, „mit der Sie sich direkt an der Erweiterung des deutschen Energienetzes finanziell beteiligen und von attraktiven Renditemöglichkeiten profitieren können“. Fünf Prozent pro Jahr soll es geben, deutlich mehr, als sichere Anlagen derzeit an Zinsen abwerfen.

          Die „Bürgerdividende“ soll fünf Prozent betragen

          Bürgerdividende“ hat Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) die Idee genannt: Jene, die sich von Großprojekten wie dem Bau der Stromnetze betroffen fühlen, sollen von diesen Vorhaben finanziell profitieren. Das klingt nach einem Friedensangebot an jene Bewegung, die während der vergangenen zwei Jahre in Politik und Wirtschaft für Angst und Schrecken gesorgt hat: die Wutbürger, die gegen die Stromleitungen in ihren Gärten Widerstand leisten. Ein „garantierter Zinssatz von etwa fünf Prozent“ auf die Beteiligung an der Hochspannungsleitung hinterm Haus, verkündet Altmaier seit einem Jahr landauf, landab, soll die Bürger gefügig machen und beweisen: Die Republik ist doch zukunftsfähig.

          Der Bürger investiert, und der Staat garantiert - ein genialer Einfall. „Die Geldanlage ist sicher“, warb Altmaier, als er die Idee vor einem Jahr im Interview mit der F.A.S. vorstellte. In Zeiten, in denen nichts mehr sicher ist, klingt das nach einem verheißungsvollen Versprechen. Fünf Prozent Rendite pro Jahr: Das sind stattliche 3,5 Prozentpunkte mehr, als sich derzeit mit zehnjährigen Bundesanleihen erzielen lässt.

          Erbitterte Gegner der überirdischen Stromtrassen, die gerne die Kabel unter die Erde verlegt sehen möchten, werde man mit der Bürgeranleihe nicht überzeugen, sagt der Dithmarscher Landrat Jörn Klimant, der den Bürgern vor Ort die Anleihe schmackhaft macht. Wer durch die Strahlung um Leib und Leben der Familie fürchte, lasse sich nicht kaufen. Doch bei einem Trassenbau über eine Strecke von 150 Kilometern gebe es reichlich weitere Gelegenheiten für Widerstand - bis hin zur Kleingemeinde, die sich querstellt, wenn Schwertransporter die brüchige Dorfstraße befahren wollen. Da bewirke eine schöne Rendite als Anreiz Wunder, glaubt Klimant: „Eine Bürgerbeteiligung kann die Grundstimmung gegenüber dem Leitungsbau positiv beeinflussen.“

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