So wenig die amerikanische Regierung von internationalen Klimaschutzabkommen vom Schlage des Kyoto-Protokolls hält, so sehr setzt sie sich ein für den weltweiten Ausbau der Nukleartechnologie. Was in deutschen Ohren befremdlich und wie ein Widerspruch klingen mag, ist für Präsident George W. Bush nur eine logische Antwort auf die Frage, wie die weltweit rasant wachsende Energienachfrage bei steigenden Öl- und Gaspreisen befriedigt werden kann, ohne dass immer mehr vom klimaschädlichen Kohlendioxid ausgestoßen wird.
Und Bush macht Druck. Am Sonntag findet in Wien auf amerikanische Initiative bereits die zweite Konferenz von Landesregierungen statt, die ein neues Regime mit weltweiten Standards für die friedliche Verbreitung der Atomenergie einführen wollen. Mitte Mai hatte man sich in Washington erstmals getroffen und gemeinsame Ziele verabredet. Mit von der Partie sind Russland, Japan, China und Frankreich, die größten Nuklearmächte der Welt. Australien, das gut ein Viertel des weltweiten Uranbedarfs ausmacht, will bald hinzustoßen, wie Ministerpräsident John Howard in der vergangenen Woche ankündigte. Auch Großbritannien wird bald im Club erwartet, Deutschland, ehedem in der Konstruktion von Kernkraftwerken führend in der Welt, eher nicht - vielleicht später einmal als Beobachter.
Weltweite Nuklearenergie-Partnerschaft
Dass das Treffen dieser Atom-G-5 kurz vor der Jahrestagung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) stattfindet, dürfte mehr als nur reisetechnische Gründe haben. Doch weist Dennis Spurgeon, Staatsekretär im amerikanischen Energieministerium und von Bush persönlich mit der „weltweiten Nuklearenergie-Partnerschaft“ betraut, Verdächtigungen zurück, es handle sich um eine Konkurrenzveranstaltung zur IAEA. Die ist den Vereinten Nationen unterstellt, denen man in Washington bekanntlich eher kritisch gegenübersteht. Der Bush-Administration gehe es um eine Ergänzung, nicht um eine Konkurrenz zur IAEA, sagt Spurgeon dieser Zeitung am Rande einer internationalen Kernenergiekonferenz.
Spurgeon fasst die im vergangenen Jahr in Washington gestartete Initiative etwa wie folgt zusammen: Die Energienachfrage steige weltweit rasant an. Um den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids dabei zu begrenzen, muss die Kernenergie, die heute 16 Prozent der weltweiten Strom- und 7 Prozent der Energienachfrage deckt, ausgebaut werden.
Kleine Kraftwerke mit Reaktoren aus U-Booten
Allerdings seien dafür mehrere Hürden zu nehmen: Die latente Abfall- und Endlagerproblematik müsse gelöst, die unerwünschte Weiterverbreitung von möglicherweise waffenfähigem Kernbrennstoff verhindert werden. Auch müsse der Kernbrennstoff besser ausgenutzt werden, nicht zuletzt um die Abfallmengen und damit die Zahl der Lagerstätten zu reduzieren. Derzeit würden durch unzureichende Wiederaufbereitung zudem große Mengen nutzbarer Energie verschwendet.
Nicht zuletzt wollen die Länder auch dafür sorgen, dass den Bedürfnissen und Wünschen von Entwicklungs- und Schwellenländern Rechnung getragen wird mit der Entwicklung kleinerer Kernreaktoren, die die oft unzulänglichen Stromnetze nicht überstrapazieren. Russland hatte hier vor Monaten mit einem Vorschlag Aufsehen erregt: Dort wird überlegt, kleine Kernkraftwerke - auf Basis von Reaktoren aus U-Booten oder Schiffen - auf Pontons zu montieren und an den Einsatzort zu schleppen. Was für entlegene sibirische Regionen passt, könnte auch für andere Regionen der Welt gelten, die nicht an ein Versorgungsnetz europäischer oder amerikanischer Güte angeschlossen sind.
Der Regierung Bush ist es ernst
Die Bush-Initiative für nukleare Partnerschaft sucht für alle diese Fragen verbindliche und möglichst einvernehmliche Antworten. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn es betrifft strategische Interessen nicht nur der Amerikaner. Wie ernst es der Regierung Bush damit allerdings ist, zeigt die Tatsache, dass sie dafür im ersten Jahr 168 Millionen Dollar zu Verfügung hat. Im nächsten Jahr dürfte es, so der Kongress mitmacht, noch mehr Geld sein. Zweistellige Millionenbeträge wurden zur Jahresmitte bereits an Industriekonsortien vergeben, die neue Konzepte für das Brennstoffrecycling erforschen.
Bushs Nuklearprogramm hat mehrere, auch aus nationalen Interessen begründete Stoßrichtungen: Es soll den technologischen Fortschritt fördern, die weitere Schädigung des Klimas begrenzen. Genauso soll es verhindern, dass noch mehr Staaten in den Besitz von Atomwaffen kommen. Deshalb soll die Verbreitung ziviler Nukleartechnik gleichsam unter der Kontrolle der Teilnehmer dieser weltweiten Nuklearpartnerschaft stattfinden. Hier überschneiden sich sicherheitspolitische und ökonomische Interessen.
Sarkozy: „Atom ist die Energie der Zukunft“
Die Teilnehmerstaaten lassen überdies keinen Zweifel daran, dass Kernenergie einen wesentlichen Beitrag zur Befriedigung ihres Energiehungers leisten wird. In Russland hat Präsident Wladimir Putin die Atomindustrie nicht nur in einem neuen Konglomerat zusammengefasst, sondern ihr auch ein ehrgeiziges Ausbauprogramm verordnet. Bis 2015 sollten zehn neue Reaktoren gebaut werden, auch, damit mehr Gas nach Europa verkauft werden kann. In Amerika erwartet das Energieministerium bis zum Jahreswechsel „mehr als ein halbes Dutzend“ Anträge für den Neubau von Kernkraftwerken.
China hat kürzlich Toshiba-Westinghouse beauftragt, neue Meiler zu bauen. Der französische, mit Siemens verbundene Areva-Konzern rechnet sich hier wie in Großbritannien gute Chancen für Aufträge aus. In Frankreich deckt Atomstrom 80 Prozent des Strombedarfs, woran sich auch unter dem neuen Präsidenten nichts ändern wird. „Atom ist die Energie der Zukunft“, sagte Präsident Nicolas Sarkozy am Montag bei seinem Deutschland-Besuch.
Und die ehemalige Techniknation Deutschland?
Hannes Ehrmann (hans1066)
- 11.09.2007, 12:53 Uhr