Tagelang sah man sie: namenlose Anzeigen mit Motiven eines senkrecht die Wand ersteigenden Elefanten oder aus Sand geformten Kraftwerken am Meeresstrand, versehen mit dem Schriftzug: „Wer macht denn so was?“ Es war der RAG-Konzern, der Aufmerksamkeit für seinen Neubeginn erzeugen muss. Seit Werner Müller vor vier Jahren die Leitung übernahm, wird dort nicht mehr gekleckert, sondern geklotzt. In diesem Stil wurde auch die Namensgebung vorbereitet. Aus der RAG-Beteiligungsgesellschaft wurde an diesem Mittwoch Evonik. (Siehe: Die RAG heißt jetzt Evonik) Sie soll einmal einen Platz im Dax erobern.
Der 1969 als Ruhrkohle AG gegründete Essener Konzern steht am Start zu einer völlig neuen Karriere. Er kann zwar in seinen Arbeitsgebieten Spezialchemie und Stromerzeugung mit den beiden traditionsreichen Unternehmen Degussa und Steag auf Bewährtes setzen. Aber für den jetzt politisch vorgeschriebenen Börsengang muss die Vergangenheit völlig abgelegt werden. Denn der Stallgeruch des „sterbenden Steinkohlenbergbaus“ oder des „politisch bestimmten Subventionsempfängers“ ist für die Wertentwicklung am Kapitalmarkt kontraproduktiv. Bei dieser Herausforderung gibt es keinen Platz für heilige Kühe. Ade Degussa, Ade Steag: Auch sie heißen nun Evonik.
Nun gilt es, die Kritiker zu widerlegen
Ein Misserfolg wäre eine Katastrophe - für die zunächst noch zu gewinnenden neuen Aktionäre und erst recht für den Steuerzahler. Der würde dann nämlich doch wieder zur Kasse gebeten, wenn das am Kapitalmarkt zu mehrende Evonik-Vermögen nicht ausreicht, um nach dem Ende der Steinkohlenförderung nach 2018 die Kosten für Wasserhaltung und Bergschäden zu finanzieren. Es gibt genügend Kritiker, die meinen, das Stiftungs-Börsengang-Modell sei dafür nicht tragfähig. Diese gilt es nun zu widerlegen.
Müller hat sich als Architekt des Konzeptes trotzdem schon jetzt einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Der frühere Wirtschaftsminister strebte aus innerer Überzeugung zunächst einen Sockelbergbau als ein Element zur langfristig sicheren Energieversorgung an. Aber das war nicht mehr mehrheitsfähig, nachdem die rot-grünen Koalitionen im Kohleland Nordrhein-Westfalen und in Berlin abgelöst wurden. So focht Müller stattdessen für einen gestreckten und für die damals noch mehr als 40.000 Kumpel sozialverträglich gestalteten Auslaufbergbau.
Motiviertes Management
Nach hartem Ringen hat die Politik Müllers Vorschläge übernommen. Allein sein persönliches Anliegen, den Stiftungsvorsitz, hat ihm der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers verwehrt. Aber Müller gebührt das Verdienst, ein für Union, SPD und FDP sowie die Bergbaugewerkschaft konsensfähiges Auslaufkonzept für den Steinkohlenbergbau geschaffen zu haben.
Vor ihm hat sich niemand ernsthaft an diese Herkulesarbeit getraut. Noch vor zwei, drei Jahren schien diese Aufgabe unlösbar, trudelte der hochsubventionierte Steinkohlenbergbau mit seinen Beteiligungsgesellschaften unkalkulierbar einem unrühmlichen Ende entgegen. Als der Energiemanager bei der Übernahme des Vorstandsvorsitzes ankündigte, er werde aus der RAG ein „strotznormales“ Unternehmen machen, glaubte das niemand. Aber Müller stellte mit einem motivierten Management in wenigen Jahren den Konzern völlig neu auf. Die RAG trennte sich von fast 500 Unternehmen mit 35.000 Beschäftigten und straffte radikal die Führungsstrukturen.
Idealer Kandidat für den liberalisierten Markt
Diese Meisterleistung ist freilich nur die Basis für den Neubeginn als Publikumsgesellschaft. Die schwierigere Arbeit beginnt jetzt. Nach der geplatzten Internetblase verlangt der Kapitalmarkt heute mehr als wohl formulierte Geschäftsmodelle. Erste Zwischenberichte aus dem Beteiligungskonzern beinhalten zwar beeindruckende Ergebnisse, die freilich noch zu einem guten Teil aus Einmaleffekten stammten.
Degussa und Steag haben Wachstums- und Ertragspotential. Der Spezialchemiekonzern besetzt als Vorlieferant für Massenware und Hochleistungsprodukte schon international gute Marktpositionen. Seine Wissenschaftler haben die Tür zu vielversprechenden Arbeitsgebieten geöffnet. Der Stromproduzent ist der ideale Kandidat für den liberalisierten Markt. Als Dienstleister für RWE und eine Handvoll Großkunden erzeugt er - ohne eigenes Leitungsnetz - Elektrizität zu niedrigen Kosten und betreibt einige Kraftwerke erfolgreich auch in Übersee.
Öffentlichkeit und Kapitalmarkt überzeugen
Das lässt sich ausbauen. Nur mit dem dafür erforderlichen Kapital ist die neue Gesellschaft nach dem Zukauf der halben Degussa und der aufwendigen Restrukturierung nicht gerade üppig ausgestattet. Bisher stand das Aussondern ertragsschwacher Unternehmen im Vordergrund. Das ist einfacher als die neue Aufgabe, aus einer Fülle möglicher Investitionen die zukunftsträchtigsten aufzuspüren und aufwendige Vorleistungen zeitversetzt in attraktive Gewinne umzumünzen.
Der Börsenaspirant muss als Konglomerat aus Chemie-, Strom- und Immobilienunternehmen mit einem Bewertungsabschlag rechnen. Zwar gibt es Analysen, die solchen breiter aufgestellten Konzernen auf längere Sicht eine höhere Rendite zusprechen als den stark konzentrierten Unternehmen. Die Mischung aus stabilem Strom- und Immobiliengeschäft sowie zyklischer Spezialchemie ist jedoch erklärungsbedürftig. Noch wichtiger ist es, dem Kapitalmarkt zu beweisen, dass Evonik kein politisch bestimmtes Unternehmen mehr ist.
Solche Aufgaben lassen sich nicht aus dem Stand erledigen, zumal es ungemein schwierig ist, ein tief eingeprägtes Image grundlegend zu ändern. Der neue Name ist dafür erst ein Ansatz. Nun müssen die Öffentlichkeit und vor allem der Kapitalmarkt mit betriebswirtschaftlichen Erfolgen überzeugt werden.
