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Aufschwung: Zweifel an Nachhaltigkeit Boom und kleine Brötchen

21.08.2010 ·  Gestern Kurzarbeit, heute schon wieder Überstunden. Die deutsche Wirtschaft wächst derzeit in beachtlichem Tempo. Doch wie viel vom „Aufschwung XL“ für die breite Bevölkerung abfällt, ist ungewiss.

Von Philip Plickert
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Seit einer Woche ist es amtlich: Ein überraschend starker Aufschwung trägt die deutsche Wirtschaft. Die Meldung der Statistiker über stolze 2,2 Prozent Zuwachs im zweiten Quartal hat manchen Volkswirt fast vom Stuhl geworfen. „Wahnsinn“, „Sensation“, riefen Analysten. Auch in den Unternehmenszentralen sieht man vielfach sehr zufriedene Gesichter. Fast ein Drittel der 30 Dax-Konzerne vermeldet Rekordgewinne. Kein anderes großes Industrieland ist in diesem Frühjahr so kräftig gewachsen wie Deutschland, dessen exportorientierte Wirtschaft vom rasanten Aufschwung in Asien gezogen wird. Für das Gesamtjahr sind 3 Prozent fast schon sicher. Damit rechnet nun auch die Bundesbank. Kein Wunder, dass Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle übers ganze Gesicht strahlt. Er nennt es „Aufschwung XL“ und sogar „Boom“, was sich derzeit abspielt.

Doch die Verluste des vergangenen Krisenjahrs, das immerhin einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4,7 Prozent brachte, sind noch lange nicht ausgeglichen. "Trotz des hohen Wachstums hat die deutsche Wirtschaft bislang erst 60 Prozent des Einbruchs wieder aufgeholt, der durch die Finanzkrise verursacht wurde", gibt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, zu bedenken. Fraglich sind zudem zwei Punkte: Wie nachhaltig ist dieser Aufschwung, der bislang ganz überwiegend vom Export getrieben ist? Viele blicken mit Sorge nach Amerika, dessen Erholung schwächelt, und auch auf China, dessen hohe Wachstumsraten schon fast unheimlich sind. Dort könnten eine Überhitzung und eine Blase am Immobilienmarkt drohen. Und die zweite Frage, die viele umtreibt: Wird die breitere Bevölkerung von diesem Aufschwung richtig profitieren? Es bleiben Zweifel.

Der Rückgang der Kurzarbeit bringt den Beschäftigten mehr Einkommen

Am Export hängt, zum Export drängt doch fast alles. Viele der Branchen, die nach dem globalen Einbruch der Nachfrage 2008/09 besonders tief fielen, etwa die Maschinenbauer, reiten nun wieder obenauf. Zum Beispiel das in Bielefeld ansässige Unternehmen Gildemeister. In seinem Kerngeschäft Werkzeugmaschinen meldete es im zweiten Quartal ein Auftragsplus von 63 Prozent, der Verkauf neuer Maschinen soll im Gesamtjahr um 40 Prozent steigen. Bis zur Jahresmitte hatte Gildemeister einen Teil seiner Belegschaft noch auf Kurzarbeit gesetzt, nun werden Überstunden gemacht, sonst kommt das Unternehmen mit der Produktion nicht nach.

Auf dem Tiefpunkt des Rezessionstals im Frühjahr 2009 hatten rund 1,5 Millionen Menschen nur noch reduzierte Stundenzahlen gearbeitet. Diese Zahl hat sich rund halbiert. Der Lohn der Mitarbeiter, zuvor durch Kurzarbeiter geschmälert, steigt dadurch sprunghaft. In der Autoindustrie erhielten die zuvor von Kürzungen geplagten Arbeiter im Juni nach Angaben des Statistischen Bundesamts fast 14 Prozent mehr Lohn als im Vorjahr, wobei der Wert auch durch Urlaubsgelder nach oben verzerrt sein könnte. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat errechnet, dass die Metall- und Elektroarbeiter im zweiten Quartal um 7 Prozent mehr Lohn erhielten als im Frühjahr 2009, als in den Unternehmen noch vielfach die Bänder stillstanden und sie Mitarbeiter mangels Aufträgen nach Hause schickten. Das Ende der Kurzarbeit macht sich besonders in der Autoindustrie bemerkbar. Grund zum Jubel haben die Premiumhersteller Audi, BMW oder Mercedes. Sie produzieren unter Volldampf, zum Teil an der Kapazitätsgrenze. Für die BMW-Tarifmitarbeiter sprang da im Juli eine Sonderprämie von durchschnittlich 1060 Euro heraus.

In der Breite der Wirtschaft jedoch merken die Arbeitnehmer den Aufschwung im eigenen Geldbeutel bislang kaum. Für die meisten gibt es weiter kleine Brötchen.

Die Gewerkschaften werden nervös und fordern vorgezogene Lohnerhöhungen

Das sorgt für Unmut und macht auch die Gewerkschaften nervös, etwa die IG Metall. Sie hatte in der Krise angesichts der hohen Verluste vieler Unternehmen einem maßvollen Tarifvertrag zugestimmt, der für 2010 bloß eine Einmalzahlung von 320 Euro und von April 2011 an 2,7 Prozent mehr Lohn vorsieht. Jetzt wollen viele Gewerkschafter diese Lohnerhöhung beschleunigen. "Im Tarifvertrag gibt es eine Klausel, die es ermöglicht, die Erhöhung um zwei Monate vorzuziehen", betont Detlef Wetzel, der Zweite Vorsitzender der IG Metall. "Angesichts der besseren Exporterfolge der Unternehmen wachsen die Entgelterwartungen der Mitarbeiter", sagt Armin Schild, Vorsitzender des Frankfurter Bezirks der Gewerkschaft. Allerdings weiß er auch, dass es immer noch viele Betriebe gibt, die auf wackeligen Beinen stehen.

"Es gibt eine gespaltene Konjunktur", klagt auch Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomik und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf. Während der Export brummt, bleibt die Binnenwirtschaft flau. Von den "sensationell guten Zahlen" im zweiten Quartal will er sich deshalb nicht blenden lassen. Und mit Grausen denkt er daran, was der Aufschwung vor der Krise der Mehrheit der Bevölkerung real gebracht habe. "Für die privaten Haushalte ist praktisch gar nichts abgefallen", kritisiert Horn. Dafür nennt er mehrere Gründe, zum einen die Energieverteuerung, weil der Ölpreis stark anzog, die Mehrwertsteueranhebung 2006 und, nicht zuletzt, "zu magere Tarifabschlüsse".

Nur mit kräftigen Lohnzuwächsen, meint Horn, ließe sich die Binnenkonjunktur beleben. Auch der Würzburger Ökonom Peter Bofinger, der im Sachverständigenrat die gewerkschaftsnahe Position vertritt, fordert eine Abkehr von der Lohnmoderation der Vergangenheit. "Es gab und gibt überhaupt keine Begründung dafür." Ganz anders sieht das naturgemäß der Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt. Er warnt "vor einer Diskussion über Lohnerhöhungen zur Unzeit". Auch die Mehrheit der Volkswirte plädiert dafür, die maßvolle Tarifpolitik beizubehalten. Sie hat es den Unternehmen erlaubt, eine starke Wettbewerbsposition auf dem Weltmarkt aufzubauen. "Das hat auch den Arbeitnehmern genutzt", betont Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats. Mehr als 1,5 Millionen Stellen sind im Aufschwung geschaffen worden, und in der Krise gingen erstaunlich wenige verloren.

Beschäftigung und private Nachfrage steigen

In dieser Beziehung hat Deutschland während der tiefen Krise wahrlich Glück gehabt. Von einem "deutschen Wunder" sprechen ausländische Beobachter. Auf rund 40,3 Millionen - einen Rekordwert - ist die Zahl der Beschäftigten gestiegen, obwohl die Zahl der Erwerbspersonen wegen des demographischen Wandels zu schrumpfen beginnt. Statt der 5 Millionen Arbeitslosen, die in den schlimmsten Szenarien zur Weltwirtschaftskrise erwartet wurden, ist die Zahl auf 3,2 Millionen gesunken. Wirtschaftsminister Brüderle nimmt gar das Wort "Vollbeschäftigung" in den Mund. Das ist gar nicht so abwegig, wie es scheint. Der Volkswirt Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics etwa prognostiziert, dass wegen des schrumpfenden Potentials an Arbeitskräften bis 2014 weniger als 2 Millionen Menschen in Deutschland offiziell arbeitslos sein werden.

Durch eine breitere Beschäftigung steigt die volkswirtschaftliche Lohnsumme, das könnte nun endlich auch den Konsum beflügeln. In den Vorjahren, selbst im Aufschwung, verlief der Konsum "flach wie ein Brett", wie der damalige Vorsitzende des Sachverständigenrats Bert Rürup beklagte. Im Frühjahr hat sich die private Nachfrage immerhin etwas belebt und zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Der Einzelhandel ist bescheiden geworden. Nach einem Minus von 2 Prozent im Jahr 2009 hofft der Handelsverband HDE, dass die Branche den Umsatz in diesem Jahr real halten kann.

In den Einkaufsstraßen der Republik herrscht bislang nur mäßiger Andrang. Vor den Supermärkten stehen leere Einkaufswagen und warten auf Kunden. Erst am Ende eines Konjunkturzyklus profitieren die Einzelhändler vom Aufschwung, weiß der HDE-Geschäftsführer Stefan Genth aus Erfahrung. Drei Bereiche laufen schon jetzt: Die Deutschen kaufen wieder mehr Kleidung. Ebenso steigt der Absatz von Unterhaltungselektronik. Und sie leisten sich eine neue Einrichtung. "Das ist ein gutes Zeichen, wenn die Leute eine neue Küche oder Wohnzimmermöbel bestellen", freut sich Genth, "denn dann müssen sie sich schon recht sicher sein, dass die Zukunft besser wird, wenn sie solche Ausgaben tätigen." Die Stunde der Wahrheit für den Einzelhandel kommt freilich erst im Herbst- und Weihnachtsgeschäft.Einiges spricht dafür, dass die gute Stimmung so lange trägt.

Die Risiken für den Aufschwung bleiben - eine Abkühlung kündigt sich an

Dabei helfen wohl auch die niedrigen Zinsen, welche die Europäische Zentralbank mit ihrer expansiven Geldpolitik auf ein Rekordtief gedrückt hat. Das billige Geld soll die Menschen zum Konsumieren und Investieren anregen. Mit rekordniedrigen Bauzinsen etwa dürfte der bislang schwache Wohnungsbau einen Schub erhalten. Doch nicht alle Fachleute sehen den niedrigen EZB-Zinssatz von 1 Prozent, der wohl noch weit ins nächste Jahr bestehen wird, uneingeschränkt positiv. "Für deutsche Verhältnisse ist der Leitzins beim gegenwärtigen Aufschwung eigentlich zu niedrig", meint etwa David Milleker, Chefvolkswirt von Union Invest. "Der grundsätzliche Konstruktionsfehler der Währungsunion ist doch, dass sich der Leitzins an den schwächsten Mitgliedstaaten orientiert."

Daraus können in den anderen Staaten mit stärkerem Wachstum ein überhitzender Boom und Blasen entstehen. So war es vor der Krise in den südeuropäischen Ländern. Nun könnte Deutschland eine Zeitlang auf der Welle des billigen Geldes reiten. "Wenn aber die Sorgen um die Staatsschulden im Euro-Raum zurückkehren, könnte das der Konjunktur einen Schlag versetzen", warnt Joachim Scheide, der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. "Die Bäume wachsen nach der Finanzkrise nicht in den Himmel", meint Wolfgang Franz. Sein Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung macht monatlich eine Umfrage unter Finanzexperten über deren Konjunkturerwartungen - "und die lassen sich von der Euphorie aus einigen Branchen nicht anstecken", sagt Franz. Seit April schon sinkt der ZEW-Index. Das kündigt eine Abkühlung an.

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