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Atomindustrie Wie die Welt mit der Kernkraft umgeht

15.03.2011 ·  Im atomfreundlichen Frankreich stellt man seit der Japan-Katastrophe die Frage nach der Sicherheit mit unbekannter Dringlichkeit. In China werden fleißig neue Atomkraftwerke gebaut. Italiens Entscheidung steht noch aus. F.A.Z.-Korrespondenten berichten, wie die Welt mit der Kernkraft umgeht.

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Frankreichs Atomindustrie ist verunsichert

Französische Hoffnungen auf eine höhere Wertschätzung der einheimischen Nuklearindustrie im Nachgang der japanischen Atomkrise sind am Montag an der Börse enttäuscht worden. Der weltgrößte Kraftwerkshersteller Areva verlor in Paris zeitweise fast zehn Prozent an Wert. Der französische Stromproduzent EdF, der mit seinen 58 Kernkraftwerken mehr auf Atomkraft setzt als alle anderen Konkurrenten der Welt, erlitt bis zum Nachmittag Einbußen von fast 5 Prozent oder rund 2,8 Milliarden Euro. „Die nukleare Renaissance wird sich wahrscheinlich verzögern“, sagt Per Lekander, Branchenanalyst bei UBS in Paris, voraus.

Am Vorabend hatte der französische Präsidentenberater Henri Guaino im Fernsehen noch seine Zuversicht geäußert, dass Frankreichs Erfahrung, Wissen und seine moderne Technologie künftig besonders gefragt sein könnten. Doch die nun losgetretenen Debatten über die Zukunft der Atomindustrie - auch im ansonsten eher nuklearfreundlichen Frankreich - verunsicherten die Anleger. Auch Areva, EdF und GDF Suez hielten sich mit Stellungnahmen auffallend zurück. „Wir wollen die Lage erst genau verstehen“, sagte eine EdF-Sprecherin.

Die Hoffnung auf ein Comeback der Nuklearindustrie war bis zum japanischen Beben groß gewesen. Die Zahl der sich weltweit im Bau befindlichen Atomkraftwerke könne bis 2018 von 65 auf 110 steigen, schätzte etwa Ben Alias, Analyst beim amerikanischen Brokerhaus Sterne Agee. In Europa hatten mindestens elf Länder ihre Bereitschaft zum Bau neuer Nuklearreaktoren signalisiert oder machten sich schon an die Arbeit (Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Litauen, Rumänien, Bulgarien, Tschechische Republik, Niederlande, Schweden und Finnland). Nun aber herrscht in der Branche große Skepsis vor (siehe Zaghafter Beginn einer Debatte). Immer wieder hat die Nuklearindustrie die Sicherheit ihrer Anlagen beschworen, und jetzt droht selbst im Hochtechnologieland Japan eine atomare Katastrophe. Vor allem in Ländern wie Italien und Großbritannien sei ein Kurswechsel möglich, vermutet Analyst Lekander.

Frankreichs Ausrüster könnte dies zu einer strategischen Neuausrichtung zwingen. Areva und EdF haben sich vom Export ihrer Technik viel versprochen. Weltweit bieten die französischen Hersteller ihre Kraftwerke samt Wartung an. Präsident Sarkozy hatte sich 2007 selbst für einen Verkauf des von Areva und Siemens entwickelten Reaktors EPR-3 an Libyen eingesetzt. Nun beginnt aber das Zurückrudern: „Zehn bis fünfzehn Jahre braucht ein Land, um über die angemessene Infrastruktur, den Rechtsrahmen und eine Sicherheitskultur zu verfügen“, sagte der Präsident der französischen Behörde für Nuklearsicherheit (ASN), André-Claude Lacoste, in einem Interview. „Wenn Frankreich irgendwo seine Fahne hisst, wo es nicht ausreichende Sicherheitsgarantien gibt, dann wird die ASN öffentlich protestieren“, kündigt er an.

Vor Kraftwerksbauten in unsicheren Ländern warnt auch Sterne-Agee-Experte Ben Elias. Der Iran will in diesem Jahr in Buschehr ein Atomkraftwerk in Betrieb nehmen - in einer Region, wo drei tektonische Platten zusammenkommen. Das in den siebziger Jahren einst mit deutscher Technologie begonnene Kraftwerk werde jetzt mit russischer Hilfe ohne grundlegende Änderungen vollendet, kritisiert Elias. Saudi-Arabien und die Hauptstädte der Golfstaaten liegen vom Standort nur wenige Stunden entfernt. Deren lebenswichtige Entsalzungsanlagen wären von einer Kontaminierung des Meereswassers schwer betroffen.

„An der russischen Technologie sind Zweifel angebracht. Die von Siemens angestrebte Partnerschaft mit Rosatom ist zwar riskant. Doch wenn einer es schaffen kann, dann Siemens“, meint Elias.

Der deutsche Konzern streitet immer noch mit dem Areva-Konzern über den Verkauf seiner 34 Prozent hohen Beteiligung an der Tochtergesellschaft Areva NP. Es geht um den Preis, den die Franzosen bezahlen sollen. Als Alternative planen die Deutschen eine Allianz mit dem russischen Kraftwerkskonstrukteur Rosatom; vor der Trennung von Areva darf diese jedoch nicht starten. Der Siemens-Konzern will bei den Franzosen aussteigen, weil er kein gleichberechtigter Partner war. Die Deutschen drängten eine Weile auch auf eine Erhöhung der Anteile an Areva, doch die französische Regierung verweigerte dies. Wie solle man Kernkraftwerke mit einem Partner verkaufen können, der in seiner Heimat keine mehr baue, meinte Sarkozy und blockierte.

Was ist die Alternative zur Kernkraft? „Denken Sie allein an den Landverbrauch. Für ein Kernkraftwerk brauchen Sie rund einen Quadratkilometer. Für einen Windpark der gleichen Kapazität brauchen Sie 200 Quadratkilometer“, sagt Elias. Angesichts der Klima-Debatte um den Kohlendioxidausstoß halten etliche Experten jetzt einen verstärkten Neubau moderner Reaktoren für möglich. Sie könnten schweren Erdbeben, Abstürzen eines Großflugzeugs vom Typ A380 sowie Terroranschlägen widerstehen, glauben die Befürworter.

„Unsere Branche zieht immer wieder Lehren aus neuen Erfahrungen, um die Atomenergie sicherer zu machen“, sagte Jim Bernard, Präsident des amerikanischen Kraftwerk-Konstrukteurs Shaw Group, am Montag. Der EPR-3, der heute in Finnland, Frankreich und in China gebaut wird, verfüge beispielsweise über vier voneinander unabhängige Sicherheitssysteme zum Abschalten, berichtet Elias. Beim Konkurrenzmodell AP-1000 aus der Produktion des amerikanischen Herstellers Westinghouse sei das Kühlwasser oberhalb des Reaktors so gelagert, dass zum Kühlen kein Strom, sondern nur die Schwerkraft gebraucht werde. „Abu Dhabi entschied sich im vergangenen Jahr gegen Areva und für ein billigeres Modell aus Korea; das heißt aber, dass sie nicht den besten Reaktor bekommen“, meint Elias.

Ob mit Atomenergie oder ohne - auf jeden Fall dürfte Energie in Zukunft teurer werden. Denn allein die nun wahrscheinlichen Verschärfungen der Sicherheitsauflagen werden die Kosten erhöhen, lautet das Fazit von Fachleuten.

Christian Schubert, Paris

Quelle: F.A.Z.
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