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Artenschutz Millionen für Molche

01.08.2010 ·  Der Artenschutz wird absurd. Molche bekommen teure Tunnel, Feldhamster verzögern Gewerbegebiete, und Fledermäuse verhindern ganze Autobahnen. Auch mit Windrädern im Meer könnte es bald vorbei sein. Wegen der Schweinswale.

Von Winand von Petersdorff
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Ende Mai dieses Jahres begannen die Bauarbeiten für das sechs Kilometer lange Teilstück der Autobahn A 44, das die nordhessischen Orte Helsa und Hessisch Lichtenau miteinander verbinden wird. Für Ingenieure ist der Abschnitt eine Herausforderung. Denn vier von sechs Kilometern werden durch einen Tunnel geführt.

Einen Vier-Kilometer-Tunnel gibt es in Hessen noch nicht, und er ist Amphibien zu verdanken. Ursprünglich hatten die Planer auch nur zwei kurze Tunnel vorgesehen und nicht einen langen. Dann stieß man auf eine Kolonie von Molchen. Um deren Lebensraum zu schützen, werden die Tunnel nun verbunden. Die Steuerzahler kostet diese Verbindung 50 Millionen Euro - ein Fünftel der geplanten Tunnelkosten. Weil die Molchkolonie rund 5000 Mitglieder zählt, wie man aus umfassenden gutachterlichen Aktivitäten weiß, gibt der Steuerzahler für jeden Molch 10 000 Euro aus, rechnet der hessische Verkehrsminister Dieter Posch grimmig vor.

Man könnte sagen: Der Molch ist kein Einzeltier. Mal sind es Feldhamster oder Wachtelkönige, mal Kreuzkröten und Fledermäuse, die sich neuen Straßen, Schienen und sogar Windrädern in den Weg stellen.

Besonderer Ruhm kommt dabei der Großtrappe zu. Für diesen fast ausgestorbenen Vogel ließ die Bahn an der ICE-Strecke Hannover-Berlin sieben Meter hohe Erdwälle auf sechs Kilometer Länge aufschichten. Die 20 Millionen Euro zeigen Wirkung: Die Trappen erholen und vermehren sich, wobei auch Aufzucht- und Auswilderungsprogramme helfen. Rund 100 Großtrappen werden jetzt gezählt, anstelle der 50 Mitte der neunziger Jahre. 20 Millionen Euro geteilt durch 100 Trappen ergeben 200 000 Euro je Tier.

Schnell sucht man die Schuld bei Ämtern, die sinnenthoben teure Auflagen erlassen und für Zukunftsprojekte Hürden errichten. Doch die Genehmigungsbehörden müssen auf strengen Artenschutz achten, seit die Umweltgesetze in den vergangenen zehn Jahren verschärft worden sind. Früher hatten die Ämter den Gesetzesauftrag, die Umweltschäden durch neue Straßen, Brücken oder Bahnen zu vermeiden, zu minimieren und auszugleichen. Sie hatten Spielraum, konnten abwägen zwischen menschlichen Wünschen und tierischen Bedürfnissen. Heute ist es schlicht verboten, das Leben bedrohter Tierpopulationen erheblich zu beeinträchtigen. Es gibt keinen Spielraum, wenn Tiere wie die Bechstein-Fledermaus betroffen sind. Das kann gravierende Konsequenzen haben.

Bei den Planungen für die A 44, wurde ein Quartier dieser Fledermäuse entdeckt, genauer gesagt: vier Bäume. Die ursprüngliche Trasse der A 44 hätte das Quartier durchschnitten. Nun hat man eine Route gefunden, die zumindest juristisch unbedenklich ist: Die Trasse wird an den Ort Kaufungen herangerückt. Die Bewohner verschwinden hinter 6,50 Meter hohen Lärmschutzwänden, der Asphalt wird offenporig gehalten, damit er den Krach schluckt. Manchmal gewinnt eben das Tier. Und Minister Posch seufzt in stiller Stunde: Ach, hätte es sich doch nicht um ein Fledermaus-Quartier gehandelt, sondern um einen Bauernhof. Den Bauernhof hätte man einfach umgesiedelt.

Das Artenschutzgesetz hat bemerkenswerte Nebeneffekte: Es wirkt wie ein Konjunkturprogramm für das Gutachterwesen. Denn die entlastende Aussage, das Lebensgefühl des Wachtelkönigs oder Spechts sei durch das neue Baugebiet ungetrübt, bedarf akribischer Untersuchungen. Wie wirken der Lärm, der Verkehr, das Bauwerk auf das Wesen? Tauchen Schadstoffe auf? Wird ein Tierwechsel durchschnitten? Viele Fragen, viele Gutachter, denn was weiß der Brutvogelexperte über Fledermäuse und Kreuzkröten? Auch der Botaniker muss konsultiert werden.

So verrinnt die Zeit, gilt es doch Fortpflanzungs- und Vegetationszyklen zu berücksichtigen. Für die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens gab es allein zwölf Fledermausgutachten, eines mit einem beklagenswerten Teilergebnis: Im untersuchten Areal, dem Schwanheimer Wald, gab es nur eine männliche Bechstein-Fledermaus, die sexuell nicht aktiv war.

Trivial sind derlei Erkenntnisse nicht, denn Genehmigungen können verwehrt werden, wenn Fachwissen fehlt. So hat ein Verwaltungsgericht den Bau der umstrittenen Waldschlößchenbrücke in Dresden vorübergehend gestoppt. Das Gericht begründete das Urteil mit dem lückenhaften Wissensstand über die "Kleine Hufeisennase", eine geschützte Fledermausart. Auch sei nicht ausreichend belegt worden, dass die vorgesehenen Schutzmaßnahmen wie eine insektenfreundliche Beleuchtung nachhaltig greifen würden. Als man mehr wusste, durfte weitergebaut werden.

Doch nicht nur die Menge der Gutachten wächst, sondern auch die Macht der Gutachter. Kommt der Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass eine bedrohte Spezies die neue Straße nicht verträgt, dann gibt es grundsätzlich erst einmal keine neue Straße. "Im Extremfall bestimmt der Ornithologe, ob die Autobahn gebaut werden darf", klagt Minister Posch.

In ganz Deutschland warten Gemeinden auf Umgehungsstraßen. Früher fehlte es oft an Geld. Doch in der Phase des Konjunkturprogramms, als plötzlich Geld da war, fehlte es an Zeit. Denn der Artenschutz bringt längst gewünschte, ausgehandelte und ausgeplante Projekte juristisch ins Wanken. Da baut man dann lieber Grünbrücken über Bundesautobahnen, damit Dachse und Füchse freies Geleit haben. Das ist weniger heikel.

Eine neue Dimension kommt ins Spiel, seit der Artenschutz mit Umweltpolitik in Konflikt gerät. Zur Rettung des Klimas entstehen in der Nordsee gerade Windräder, die mit großem Radau in den Meeresboden gerammt werden. Lärm vertreibt die Schweinswale in der See, die sich an Schallwellen orientieren. Beim Bau der ersten Windräder für Alpha Ventus verzogen sich die raren Säuger, ergaben erste Untersuchungen.

Alpha Ventus ist gebaut, 26 Windparks sind genehmigt, aber 70 weitere Windparks stehen noch zur Genehmigung an. Für viele dürfte es eng werden. "Ausschließlicher Klimaschutz ist nicht die alleinige Lösung, die biologische Vielfalt ist eine ebenso wichtige Lebensgrundlage des Menschen", sagt die Chefin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel. Sie muss die Anlagen als unbedenklich für Flora und Fauna einstufen. Sonst ist es aus mit Windkraft aus dem Watt.

Unterdessen hat sich in Dresden eine gewisse Unruhe breitgemacht. An der Waldschlößchenbrücke, wo mächtig gebaut wird, ließ sich jüngst ein Biber nieder. Elbebiber sind rar und dürfen nicht gestört werden, wenn sie sich fortpflanzen und ihre Jungen aufziehen. Baulärm könnte eine solche Störung sein. Manch ein Brückenfreund sah in Dresden schon seine Felle davonschwimmen. Ein eigens ausgeschickter Beamter der unteren Naturschutzbehörde konnte das Tier aber nicht entdecken, was die Stadt Dresden zu der von Erleichterung bestimmten Mitteilung veranlasste: Der Biber war nur ein Wanderbiber.

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