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Veröffentlicht: 12.10.2013, 17:36 Uhr

Armutseinwanderung Alarm im Getto Dortmund-Nord

Roma fliehen vor der Armut aus Rumänien und Bulgarien ins Ruhrgebiet. Dort wachsen regelrechte Elendsquartiere heran. Mit Straßenzügen voller Armut, Kriminalität und Gewalt.

von
© Edgar Schoepal Das „Café Europa“ in der Dortmunder Nordstadt: Tagelöhner hoffen auf ein paar Stunden Arbeit

In der Dortmunder Nordstadt steht ein Café, es heißt: „Europa“. Wer das „Café Europa“ besucht, erfährt viel über den Kontinent. Über EU-Bürger, die der Armut der Heimat entfliehen und in deutschen Großstädten landen. In Straßenzügen voller Armut, Kriminalität und Gewalt, von denen der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft (DPolG) in Nordrhein-Westfalen sagt: „Die Kollegen sehen sich großen Hürden gegenüber, dort der Lage Herr zu werden.“ Es geht um Gettos mitten in Deutschland.

Hendrik Ankenbrand Folgen:

Alles, was ein Getto ausmacht, ist nördlich des Dortmunder Hauptbahnhofs vorhanden: Das Gründerzeithaus, aus dessen Fenster vor zwei Jahren die bulgarische Prostituierte flog. Ihr Freier hatte sie aus dem fünften Stock geworfen. Die Müllhäuser, aus denen achtköpfige rumänische Familien über Nacht verschwinden – 200 Euro hatte der Vermieter zuvor kassiert, pro Monat, pro Matratze. Und da ist der Arbeitsstrich vor dem Europa-Café, wo jene stehen, die es im Amtsdeutsch eigentlich nicht gibt, weil deutsche Behörden aus guten Gründen nicht nach Ethnien differenzieren bei der Statistik zu Arbeitslosigkeit, Leistungsbezug, Kriminalität. Es sind Roma.

Armut trifft auf Armut

Als die EU im Jahr 2007 Bulgarien und Rumänien als Mitglieder aufnahm, war die Ahnung bereits da: dass diese Länder, in denen die ärmsten Roma in Wäldern leben, vielleicht noch nicht auf Augenhöhe sind. Auf den Zusammenbruch der sozialistischen Staatssysteme waren die Roma am schlechtesten vorbereitet: Im Kommunismus wurde ihnen Werktätigkeit und Schulbildung schlicht verordnet. Als nach der Wende die Fabriken starben und die Staatswohnungen zum Verkauf standen, verloren als Erste die Roma Arbeitsplatz und Bleibe.

Infografik / Armutszuwanderung © F.A.Z. Vergrößern

Um knapp 300 Prozent hat die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in den vergangenen sechs Jahren zugelegt. Nicht alle davon sind arm. Rumänische Ärzte werden in deutschen Krankenhäusern dringend gebraucht. Im Schnitt sind Rumänen und Bulgaren seltener arbeitslos gemeldet als andere Migranten. Doch den Bürgern in Duisburg und Dortmund hilft das nicht. Wer herzieht, kommt nicht wegen Arztstellen. Sondern weil es sich in den Schrottimmobilien billig wohnen lässt.

In den neuen deutschen Gettos trifft Armut auf Armut. Er wolle nur weg, schimpft der Anwohner in der Schleswiger Straße in der Dortmunder Nordstadt: ein Türke, eingewandert in den 60er Jahren. Früher hatte er deutsche Nachbarn. Die sind längst weg. Jene, die ihren Platz einnehmen, verfügten meist über „keinerlei Qualifikation“, sagt die Sozialdezernentin Birgit Zoerner. „Viele sind Analphabeten.“ Man sei der „Reparaturbetrieb“ der EU-Erweiterung – das haben die Städte der Bundesregierung schriftlich gegeben. 4000 Rumänen und Bulgaren leben in Dortmund. Die Sozialdezernentin rechnet mit 250 Euro Ausgaben pro Kopf, macht eine Million jeden Monat: Kindergeld, Wohngeld, Arztkosten. Versichert sind die Roma nicht.

Offiziell dürfen nur selbständige Roma arbeiten

Sie kommen in Kleinbussen, die Kennzeichen verraten die Herkunft: Bulgarien und Rumänien, wo ein Rom – so lautet der Singular – auch mit Doppel-Promotion noch nicht mal auf eine Stelle als Kellner hoffen dürfte. Die Perspektivlosigkeit hat zu Ausweichstrategien geführt, die nicht in höherer Bildung münden, sondern in die Suche nach dem Glück im europäischen Ausland.

Italien und Spanien waren bei Roma wegen der ihnen verwandten Sprache beliebt. Arbeit gibt es in der Wirtschaftskrise dort nicht. In Deutschland schon. So haben es den Roma die Schlepper erzählt. Fünfzig Euro pro Kopf kostet der Trip ins Revier. Doch Bergarbeiter werden dort keine mehr gebraucht.

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