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Sozialdemokrat im Wahlkampf : Wie viel Trump steckt in Schulz?

Schulz ist der Trump und Anti-Trump zugleich. Das macht ihn im Moment für viele so unwiderstehlich. Bild: dpa, EPA, Bildbearbeitung F.A.S.

Der designierte Kanzlerkandidat der SPD stellt Gefühle über Fakten und wettert gegen die „da oben“. Das kommt uns bekannt vor. Wir wagen zum Vergleich einen Blick über den Atlantik.

          Bei den Sozialdemokraten ist die Empörung noch immer groß über den deutschen Finanzminister, der ihren Spitzenkandidaten vor ein paar Wochen mit dem bösen T-Wort in Verbindung brachte. „Wenn Schulz seine Unterstützer ,Make Europe great again‘ rufen lässt, dann ist das fast wortwörtlich Trump“, sagte Wolfgang Schäuble über Martin Schulz. „Und die Art, wie er populistisch die angebliche Spaltung der Gesellschaft beschwört, folgt der postfaktischen Methode des amerikanischen Wahlkampfs.“

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seither gibt sich Schulz ziemlich viel Mühe, diesen Eindruck zu widerlegen. Bei seinen Auftritten lobt er die kritische Presse und beteuert, wie sehr er sich - anders als Trump - über jeden Verriss seines politischen Wirkens freue. Er bekennt sich zum Freihandel, was in Europas größter Exportnation freilich ein überschaubares Risiko ist. Und er lobt die Europäische Union, seine bisherige Wirkungsstätte, die den gängigen Populisten von Donald Trump bis Frauke Petry als das Feindbild schlechthin gilt.

          Ängste als Lieblingsthemen der Rechtspopulisten

          Aber das sind nicht die Themen, auf denen der Erfolg des Kandidaten beruht, jedenfalls nicht allein. „Gerechtigkeit“, ruft Schulz allenthalben. Er macht sich zum Anwalt der Leute, „die hart arbeiten und sich an die Regeln halten“. Vor einem Vierteljahrhundert war das die Wahlparole einer ganzen Generation von Sozialdemokraten, von Bill Clinton über Tony Blair bis zu Gerhard Schröder. Die Zeiten sind vorbei. Das Gefühl, der Anständige sei der Dumme, wird längst von anderen Parteien bedient. Genauso wie der Vorwurf, in den westlichen Gesellschaften gehe es ungerecht zu. Es war nicht zuletzt dieses Gebräu von Gefühlen, das Donald Trump zu seinem Wahlsieg verhalf. Deshalb stellt in diesen Tagen nicht nur Schäuble die Frage: Wie viel Trump steckt in Schulz?

          Seine Auftritte sind auf andere Art „postfaktisch“ als bei Trump. Der Kandidat beharrt nicht auf falschen Tatsachenbehauptungen im Einzelnen. Als Schulz neulich überhöhte Zahlen zu befristeten Arbeitsverträgen nannte, gestand er das hinterher ein und beschimpfte nicht etwa seine Kritiker als Lügner. Es geht bei ihm um das Verhältnis von Empirie und Gefühl. Seine Diagnose einer sozialen Spaltung im Land stützt er nicht auf die Zahlen der Sozialwissenschaftler, die im zurückliegenden Jahrzehnt gar keine wachsende Ungleichheit nachweisen können. Er stützt sie auf Emotionen, die in der Wählerschaft weit verbreitet sind, und vor allem auf das mächtigste ihrer Gefühle: die Angst, besonders vor sozialem Abstieg, dem eigenen oder demjenigen der Kinder.

          Ängste sind die Lieblingsthemen der Rechtspopulisten: Angst vor dem Verlust der Ersparnisse, Angst vor einer wie auch immer gearteten Überfremdung, Angst vor dem Verlust des gewohnten Lebensumfelds, dem wirtschaftlichen Absturz oder gar dem Weltuntergang. Auch bei Trump und seinen Wählern aus dem „Rostgürtel“ der früheren Industrieregionen ging es nicht so sehr um reale Zurücksetzung. Im Schnitt verdienten seine Anhänger mehr Geld als die Befürworter der unterlegenen Gegenkandidatin Hillary Clinton.

          Argumente ohne Fakten

          Schulz weiß, dass er mit seinem Appell an diese Ängste aufpassen muss. Es soll nicht so aussehen, als ob er das Land nur schlechtredet. Als er vor zwei Wochen in Bielefeld mit seiner Kritik an der „Agenda 2010“ begann, verwahrte er sich ausdrücklich gegen diesen Vorwurf. SPD-Strategen beteuern, dass die Partei nach der Aufwärmphase den Blick wieder in die Zukunft richten werde: auf Chancen, auf Zukunft, auf Innovation. Bislang ist davon nicht viel zu sehen. Die Klage über die Benachteiligung breiter Bevölkerungsschichten funktioniert einfach zu gut. Dass er weniger bekommt, als ihm eigentlich zusteht, hat vermutlich jeder Wähler schon mal geglaubt. Und jede Wählerin auch.

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