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Veröffentlicht: 20.12.2012, 18:21 Uhr

Politologe Klaus Schroeder „Die Gesellschaft unterschätzt die Ungleichheit“

Eine gewisse Ungleichheit ist gut, wenn sie auf Leistung beruht: So argumentiert der Politologe Klaus Schroeder. Hinter der Diskussion über Armut und Reichtum sieht er auch politische Interessen.

© ZB Weihnachtsfeier für Bedürftige in Potsdam

Herr Schroeder, kurz vor Weihnachten, dem Fest des Geschenkeverteilens, hat die Debatte über Arm und Reich Schwung bekommen. Die Bundesregierung hat die Verabschiedung des umstrittenen Armuts- und Reichtumsberichts ins neue Jahr aufgeschoben. Welche Erkenntnis hat Ihnen das Werk beschert?

Der Bericht soll aus politischen Gründen zeigen, dass Arme immer ärmer und Reiche reicher werden - auch wenn das in dieser Pauschalität nicht stimmt. Mir ist wieder klar geworden, dass die Armutsforschung weitgehend politisch motiviert ist.

Als im September der Entwurf durchsickerte, war die Empörung groß über so viel Armut in Deutschland. Als die Regierung Passagen änderte, hieß es, der Bericht sei geschönt. Was stimmt?

Der Bericht beruht auf einigen falschen methodischen Annahmen. Die Ungleichheit im Land hat sich seit der Wiedervereinigung nicht wesentlich verschärft. Aber das Bundesarbeitsministerium legitimierte die Zuspitzung im Entwurf, um mehr Umverteilung durchzusetzen. Dass andere Regierungsvertreter - zum Beispiel das FDP-geführte Wirtschaftsministerium - sich das genau ansehen und korrigieren, ist verständlich. Ich bin stutzig geworden, da im vorigen Bericht kapitalisierte Rentenansprüche in einem Zusatzgutachten mit berechnet worden sind. Dieses Mal taucht nur auf, wenn sich ein Selbstständiger mit Kapitalvermögen absichert, aber die Rentenansprüche der gesetzlich Rentenversicherten kommen überhaupt nicht vor.

Was ändert sich, wenn man die Rentenansprüche mitzählt?

Um eine Durchschnittsrente von 1000 Euro zu erreichen, benötigen Sie etwa 240.000 Euro als Gegenwert. Das ist ein Vermögen, das Sie in die Rentenkasse eingezahlt haben und das Ihnen gutgeschrieben werden müsste. Aber dies haben weder Bundesregierung noch Armutsforscher aufgegriffen. Daraus schließe ich, dass das Vermögen ungleicher verteilt sein soll, als es tatsächlich ist.

Das ist Absicht?

Im sensiblen Bereich von Armut und Reichtum steckt oft Absicht dahinter. Da gibt es ganz viel Willkür. Ich nehme den Ginikoeffizienten, der die Ungleichheit misst, immer ab 1991, um die Entwicklung seit der Wiedervereinigung zu zeigen. In dem Zeitraum hat er sich kaum verändert. Viele Armutsforscher aber nehmen zum Beispiel 1992 als Referenzjahr, weil da die Ungleichheit größer war. Die Befragungen sind ohnehin schwierig, weil Menschen ihr Einkommen nicht exakt benennen können oder wollen. Bis zu einem Drittel der Werte werden unterstellt. Sie fallen je nach Institut unterschiedlich aus: Mal ist man armutsgefährdet mit 850 Euro, mal erst mit 1050 Euro.

Sie kritisieren, dass der gesellschaftliche Wandel nicht berücksichtigt wird...

Weil es mehr Alleinstehende, Alleinerziehende und Ältere gibt, ändert sich die errechnete Ungleichheit, aber die realen Einkommensverhältnisse ändern sich nicht. Wer allein lebt, gilt eher als arm. Wenn eine „arme“ Familie Schülerhilfe beantragt und erhält, geht das nicht in die Berechnung ein, während eine Mittelstandsfamilie das selbst bezahlen muss. Auch Geldgeschenke oder einige Sozialleistungen sind nicht in der Berechnung enthalten. Der größte unvermerkte Posten ist die Schwarzarbeit. 90 Prozent der Putzhilfen in Berlin sind schwarz tätig. Geben die das in einer Befragung nach dem Verdienst an? Das Dunkelfeld im unteren und oberen Einkommensbereich lässt sich nicht erhellen. Unberücksichtigt bleibt auch, dass seit 1990 Millionen Menschen neu ins Land gekommen sind, überwiegend aus Ländern, in denen zum Teil bittere Armut herrscht. Deshalb sind alle Befragungen im Detail jenseits der Lebenswirklichkeit.

Welche Rolle hat die deutsche Einheit für Armut und Reichtum gespielt?

Die Betrachtung der Armut müsste viel regionaler erfolgen, um das abzubilden. Der Osten ist dem Bericht zufolge viel ärmer, weil er am Westen gemessen wird. Man müsste aber auch die Kaufkraft berücksichtigen, die im Osten höher ist als im Westen: Mit 950 Euro im Monat sind Sie in Anklam nicht arm, aber in München schon. Nicht erwähnt wird auch die Ausgangslage der Ostdeutschen: Sie erreichten bei den durchschnittlichen Einkommen etwa 40 Prozent und bei den Geldvermögen knapp 20 Prozent des westdeutschen Niveaus.

50. Jahrestag des Mauerbaus - Klaus Schroeder © picture alliance / dpa Vergrößern Klaus Schroeder ist Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

Fühlen sich Ostdeutsche ärmer als Westdeutsche?

Auf jeden Fall. Dieses Gefühl „Wir kommen zu kurz“ ist immer noch da. In der Diskussion über die Rente wird immer nur hervorgehoben, dass der Rentenwert im Osten noch niedriger ist. Aber nur wenige wissen, dass es auch einen Hochwertungsfaktor für die Ostgehälter gibt, der den niedrigeren Rentenwert übersteigt. Wer im Osten das gleiche wie im Westen verdient, bekommt später mehr an Rente. Weil das verschwiegen wird, ist die Debatte sehr unzulänglich.

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