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Kinderbetreuung Vierzig Stunden in der Kita

 ·  Yannics Mutter arbeitet Schicht bei McDonald’s. Sein Vater stapelt bis in den Abend Paletten. Ihr Kind bringen sie in eine 24-Stunden-Kita. Die Einrichtung rettet solchen Eltern den Arbeitsplatz. Doch Familien und Erzieher bringt sie an ihre Grenzen.

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© F.A.Z./schä. Vergrößern Volle Konzentration: Yannic schneidet einen Stern aus

Yannic tobt und schreit. Zusammen mit seinem Freund Finnlay rennt der Fünfjährige an einem kalten Winternachmittag über den Spielplatz der Kita „Nidulus“ in Schwerin. Seine Mama hat Yannic seit 22 Stunden nicht mehr gesehen.

„Das prüfe ich genau“

Für die 58 Kinder der Einrichtung ist das nichts Ungewöhnliches. Die Nidulus, was lateinisch so viel wie „Nestchen“ bedeutet, hat sich auf Eltern spezialisiert, die ein Betreuungsproblem haben. Einen Kita-Platz erhalten nur Familien, in denen beide Elternteile regelmäßig abends, nachts, an Wochenenden oder Feiertagen arbeiten müssen. „Wer eine normale Kita nutzen könnte, kommt hier nicht rein“, sagt Leiterin Grit Brinkmann. Alle Eltern müssen ein Mal im Monat ihren Dienstplan einreichen. Wenn die Eltern einen freien Tag haben, dürfen sie ihr Kind nicht abgeben. „Das prüfe ich genau.“

Bildergalerie: Wenn Mama arbeiten muss

Trotz des strengen Reglements wird die Kita mit Anfragen überhäuft. Jeden Tag riefen mindestens zwei Interessenten an, erzählt Brinkmann. Für dieses Jahr seien alle Plätze bereits vergeben. Eine Warteliste führe sie längst nicht mehr: „Wenn ich eine hätte, wäre das Kind schon eingeschult, bis es dran wäre.“ Telefonate mit verzweifelten, bettelnden Eltern gehören für die Kitaleiterin zum Alltag. Und doch gibt es immer wieder Gespräche, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätte. Vor ein paar Tagen erst fragte eine Ärztin, wann sie schwanger werden dürfe, um garantiert einen Platz in der Nidulus zu bekommen. „Das ist schon skurril“, sagt Brinkmann.

Auch an Weihnachten geöffnet

Die Kita trifft einen Nerv der modernen Arbeitswelt. Sie hat 365 Tage im Jahr geöffnet, auch an Weihnachten. Schließzeiten gibt es nicht. Damit ist die Nidulus in Deutschland eine extreme Ausnahme. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind knapp 99 Prozent der deutschen Kitas schon unter der Woche nach 18 Uhr nicht mehr geöffnet, eben so viele sind am Samstag geschlossen.

Das geht am Bedarf vorbei. Einer anderen Erhebung des Statistischen Bundesamtes zufolge arbeiten mittlerweile 60 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland gelegentlich oder häufiger am Wochenende, nach 18 Uhr oder in Wechselschichten. Die Bundesagentur für Arbeit spricht mit Blick auf die unflexiblen Öffnungszeiten der Kindertagesstätten von einem „grundlegenden Problem“. „Stellen Sie sich mal vor, eine Verkäuferin bei Karstadt eröffnet ihrem Arbeitgeber, sie könne nur von Montag bis Freitag zwischen 8 und 15 Uhr arbeiten“, sagt eine Sprecherin. „Dann kriegt sie zu hören: Unsere Stoßzeiten sind aber am Samstag und nach Feierabend.“ Der Bäckereifachverkäuferin, die um 5 Uhr morgens ihre Backlinge geliefert bekomme, gehe es nicht anders.

Harter Alltag

Auch in der Nidulus wuseln keineswegs die Kinder von Spitzenmanagern, reichen Selbständigen oder Prominenten. Zwar besuchen auch einige Kinder von Ärzten oder besseren Bankangestellten die Einrichtung. Die meisten Eltern aber gehen schlechter bezahlten, teils einfachen Berufen nach. Es sind Busfahrer, Köche und Kellner, Polizisten und Soldaten. Manch einer arbeitet am Band, andere als Pfleger oder Krankenschwester.

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13.01.2013, 08:45 Uhr

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