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Risikoabsicherung

Fortschrittsindikator Neue Maßstäbe für Wohlstand und Wachstum

Das Bruttoinlandsprodukt soll künftig nicht mehr alleiniger Wachstumsmaßstab sein. Die Enquête-Komission schlägt zehn neue Messwerte vor, die Aufschluss über den materiellen Wohlstand, soziale Teilhabe und Umweltaspekte geben sollen. 

© dpa Vergrößern Auch die medizinische Versorgung geht in die neue Bewertung ein

Die Parteien im Deutschen Bundestag wollen künftig zehn Indikatoren verwenden, um den Wohlstand der Deutschen zu messen. Darauf hat sich die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ verständigt, die an diesem Montag in Berlin den Bericht einer Arbeitsgruppe zu diesem Thema beschließen will. Die Kommission wurde vor zwei Jahren eingesetzt. Eine ihrer Aufgaben ist es zu prüfen, wie Lebensqualität und gesellschaftlicher Fortschritt in einem Indikator angemessen dargestellt werden kann.

Philipp Krohn Folgen:

Seit vielen Jahren kritisieren Wissenschaftler und Politiker das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Wohlstandsindikator. Aus der Sicht der Kommission bildet es zwar die materielle Komponente des Wohlstands international vergleichbar und methodisch sauber ab. Allerdings könne es die verschiedenen Dimensionen von Wohlstand und Lebensqualität nicht abbilden. Nicht beschreiben könne das BIP den Wert von Tätigkeiten, die nicht über den Markt abgegolten werden (wie die Haushaltsproduktion). Zudem würden negative externe Effekte des Wirtschaftens ausgeklammert: so etwa die Schädigung von Umwelt und Klima und der Verbrauch von nicht nachwachsenden Ressourcen. Als weiteren Kritikpunkt nennt der Bericht, dass Einkommens- und Vermögensverteilung unberücksichtigt bleiben.

Ein verständliches Maß für die Öffentlichkeit

Die Kommission hatte sich zur Aufgabe gesetzt, keine neue Maßzahl zu entwickeln, sondern aus den vorhandenen eine geeignete Auswahl von Indikatoren zusammenzustellen, die der Öffentlichkeit ein verständliches Maß bereitstellt. Dabei standen die 16 Mitglieder des Bundestags und 16 externen Sachverständigen vor einem Grunddilemma, das sie selbst in ihrem Bericht beschreiben: „Vielfalt und Breite sollten gewahrt bleiben, ohne gleichzeitig durch Tiefe und Komplexität zu überfordern“. Zudem erkannten sie an, dass es nicht die Aufgabe der Politik sei zu entscheiden, was die Individuen als Wohlstand zu verstehen haben. Früh war außerdem klar, dass die Komplexität des Themas ausschließen würde, einen einzelnen Gesamtindikator zu erstellen. Hier hätte sich das kaum lösbare Problem gestellt, verschiedene Kategorien gegeneinander zu gewichten und Veränderungen des Indikators im Zeitverlauf zu erklären.

Ergebnis der Diskussionen ist nun ein Ansatz, der den Wohlstand in drei Dimensionen misst: materiell, sozial und ökologisch. Dafür sollen bekannte Messgrößen eingesetzt werden. So soll das BIP sowohl in seiner absoluten Höhe als auch mit seiner Veränderungsrate weiterhin verwendet werden, weil es aus Sicht der Kommission den materiellen Wohlstand am besten abbilden kann. Als zusätzliche materielle Komponente soll die Einkommensverteilung berücksichtigt werden, weil sie für die Lebenszufriedenheit eine wichtige Rolle spiele.

Hierbei orientiert sich das Leitindikatoren-Modell an der 80/20-Relation: Sie besagt wie viel mehr das Prozent der Bevölkerung verdient, das mehr bekommt als 79 Prozent der Bevölkerung,  im Vergleich zu dem, was das Prozent verdient, das weniger erhält als 80 Prozent der Bevölkerung. Als dritte Komponente nimmt die Arbeitsgruppe die Schuldenstandsquote auf, weil sie aufzeige, welchen Handlungsspielraum die öffentliche Hand hat.
Noch komplizierter wird das Modell der Leitindikatoren, weil zusätzliche Warnlampen für die Wohlstandsentwicklungen eingebaut werden. Für den materiellen Wohlstand sind das die Nettoinvestitionsquote, die Vermögensverteilung und die  finanzielle Nachhaltigkeit des Privatsektors, die sich unter anderem an der Kreditvergabe und den Immobilienpreisen bemisst.

Auch bei der sozialen Dimension des Wohlstands verwendet dieser Ansatz neben vier festen Kriterien solche Warnlampen. Dazu zählen etwa die Weiterbildungs- und die Unterbeschäftigungsquote. Als Hauptkriterien benennt der Bericht aber die Erwerbstätigenquote, die weniger beeinflussbar und international vergleichbarer sei als die Arbeitslosenquote. Die Bildungskomponente des Wohlstands wird über den Anteil der 20- bis 24-jährigen abgebildet, die einen berufsqualifizierenden Abschluss, einen Schulabschluss oder die Fachhochschulreife besitzen. Als weitere Kategorien kommen die Gesundheitssituation ins Spiel, die über die Lebenserwartung abgebildet wird, sowie die Freiheit, die durch den Weltbank-Indikator „Voice and Accountability“ ausgedrückt wird.

Schließlich kommt die ökologische Dimension des Wohlstands in dem Leitindikatoren zum Ausdruck. Dafür verwenden die Kommissionsmitglieder die Treibhausgasemissionen, den nationalen Überschuss an Stichstoff und einen Indikator, der den Grad der Artenvielfalt misst.

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Grüne legen alternatives Modell vor

Innerhalb der Enquetekommission gibt es aber Widerstand gegen den gewählten Ansatz. Die Mitglieder der Grünen halten die zehn Leitindikatoren inklusive Warnlampen für zu breit und wenig zielführend und legen alternativ ein Modell mit vier Komponenten vor: dem ökologischen Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität, der Einkommensverteilung, einer subjektiven Befragung über die Lebenszufriedenheit und dem BIP. Dies erlaube der Öffentlichkeit besser, die Wirkungen von politischen Maßnahmen zu bewerten.

Quelle: FAZ.NET

 
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