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Die neue Klassengesellschaft : Gleiche Chancen?

  • -Aktualisiert am

Klar benachteiligt: ein neunjähriger Junge verdient sein Taschengeld mit dem Sammeln von Pfandflaschen Bild: epd

Wir leben in einer neuen Klassengesellschaft: Je stärker die Mittelschicht ihre Kinder fördert, um so mehr wird die Unterschicht abgehängt. Ist das nun ein moralisches oder ein politisches Problem?

          Die Sommerferien sind vielleicht die Zeit des Jahres, in der die Gegensätze zwischen den Lebenswelten deutscher Kinder und Jugendlicher die krasseste Form annehmen. Da sind die bildungsbürgerlichen Einzelkinder, die nun der vollen Hingabe ihrer Eltern ausgeliefert sind. Sie werden vom Ballett- zum Chinesischunterricht gekarrt, vielleicht ergänzt um einen Sommerkurs mit einer englischsprachigen Yogalehrerin. Von klein auf lernen sie, sich eine politische Meinung zu bilden, lateinische Fremdwörter werden nicht nur erklärt, sondern auf Wurzel und Präfix zurückgeführt. Über Schul-, Musikschul- und Tanzschulerfolg wachen die Eltern mit Argusaugen - in Nordamerika wurde die wunderbare Vokabel „Helikopter-Eltern“ dafür erfunden. Und auch, wenn manche von ihnen heimlich den Kopf schütteln über den Aufwand, der da getrieben wird: Dürfte man für derartige Überzeugungen die Zukunft des eigenen Kindes aufs Spiel setzen, wenn alle das Spiel mitspielen?

          Wer die gentrifizierten Viertel der Städte verlässt, sieht die andere Seite des Lebens. Dort, wo die Mieten günstiger und die kulturellen Hintergründe gemischter sind, finden sich Kinder, die eine unbehütetere Kindheit haben: die stundenlang auf den Straßen und Hinterhöfen spielen, ihre jüngeren Geschwister hütend, den rostigen Spielplätzen und sich selbst überlassen. Dort gibt es keinen Wettbewerb um Plätze in Orff-Gruppen oder englischsprachige Kitas, mehrsprachig ist man sowieso, es hapert eher an der mangelnden Unterstützung bei der Bildung deutscher Adjektivendungen.

          „Rattenrennen“ ohne Überholspur

          Für Eltern oder potentielle Eltern, die sich dessen bewusst sind, verschärft diese Zweiteilung der Welt das Problem. Sie müssen sich nicht nur die Frage stellen, wie viel Aufwand sie für den eigenen Nachwuchs treiben wollen. Sie werden auch in ein moralisches Dilemma getrieben. Je mehr Förderung sie den eigenen Kindern zukommen lassen, je liebevoller sie deren Vorankommen unterstützen, desto eher werden Kinder aus weniger privilegierten Elternhäusern abgehängt. Aber kann man das wollen: zu geringeren Chancen für sowieso oft Benachteiligte, zum Abhängen ethnischer und sozialer Minderheiten, ja, letztlich zur Spaltung der Gesellschaft beizutragen?

          Dass unbeabsichtigte Nebenfolgen, die berühmten „unintended consequences“, unter bestimmten - ziemlich selten in Reinform vorliegenden - Umständen eigeninteressiertes Handeln in einen Beitrag zum Gemeinwohl ummünzen können, war die große Entdeckung der Sozialtheorien der schottischen Aufklärung. Leider gibt es auch das umgekehrte Phänomen: „unintended consequences“, die aus altruistisch motivierten Einzelhandlungen soziale Ungerechtigkeiten entstehen lassen. Die Sorge um den eigenen Nachwuchs ist hierfür ein trauriges Beispiel. Denn dass Elternliebe und der Einsatz für die Bildung der Kinder etwas an sich Begrüßenswertes sind, kann niemand bestreiten. Trotzdem bringen es die gesellschaftlichen Strukturen von Bildung und Erziehung mit sich, dass sie insgesamt problematische Folgen haben können.

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