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Veröffentlicht: 21.07.2014, 09:24 Uhr

Ungleichheit überschätzt Die Deutschen fühlen sich gerne schlecht

In Deutschland geht es nicht gerecht zu, findet die Mehrheit der Deutschen. Eine neue Studie zeigt aber: Die Ungleichheit ist viel geringer als gedacht.

von , Berlin
© Wresch, Jonas Armut ist überall: Bilder wie dieses in Frankfurt nähren das Gefühl, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

Deutschland ist im Urteil seiner Bürger ein sehr ungerechtes Land. In einer repräsentativen Umfrage des Allensbach-Instituts vertraten in diesem Jahr fast 60 Prozent die Ansicht, dass es hierzulande nicht fair zugehe. Vor diesem Hintergrund sprachen sich sogar mehr als drei Viertel der Befragten für höhere Rentenzahlungen und den gesetzlichen Mindestlohn aus. Mit Erfolg – die große Koalition aus Union und SPD hat beides noch vor der Sommerpause geliefert.

Dietrich Creutzburg Folgen:

Deutschland ist aber auch ein Land, in dem Wahrnehmung und Wirklichkeit in solchen Gerechtigkeitsfragen weit auseinanderklaffen. Das zeigt eine neue internationale Vergleichsstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dieser Zeitung vorab vorliegt. Tatsächlich sind die Einkommen nicht annähernd so ungleich verteilt, wie die Bevölkerung es vermutet. Der Anteil der Bürger, die am unteren Rand der Einkommensskala stehen, ist erheblich kleiner, als die Öffentlichkeit glaubt. Und umgekehrt unterschätzt sie, wie stark Deutschland tatsächlich noch immer dem Bild der sogenannten Mittelschichtgesellschaft entspricht.

Ganz anders die Dänen und die Schweizer: Sie haben ein recht realistisches Bild von der Einkommensverteilung in ihrer Gesellschaft, wie die IW-Verteilungsforscherin Judith Niehues durch einen systematischen Vergleich von Bevölkerungsumfragen und Einkommensstatistiken ermittelt hat. In den Vereinigten Staaten wird die Kluft zwischen Arm und Reich dagegen sogar deutlich unterschätzt. In Deutschland hingegen dominiert ein zu pessimistisches Bild.

Den Befragungsergebnissen zufolge gehen die Deutschen im Durchschnitt davon aus, dass jeder vierte Bürger hierzulande der untersten von – in diesem Vergleich – insgesamt sieben Einkommensschichten angehört. Auf dieses untere Siebtel würde damit zugleich die übliche Definition der sogenannten relativen Armut zutreffen; dies sind Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in der Gesellschaft. Tatsächlich fallen anstelle der vermuteten 25 Prozent jedoch nur 15,6 Prozent der Bürger in diese Einkommensklasse.

Fast die Hälfte der Deutschen gehört zur Mittelschicht

Demgegenüber gehört in der Wirklichkeit fast die Hälfte der Deutschen der Mittelschicht an, die Niehues mit einer Bandbreite von 80 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens definiert. Den Wahrnehmungen der Bürger zufolge bewegen sich jedoch vermeintlich nur 30 Prozent in dieser Schicht. Umgekehrt wird der Anteil der Spitzeneinkommen, die oberhalb der Schwelle von 250 Prozent des gesellschaftlichen Mittelwerts liegen, stark überschätzt: Statt der tatsächlichen 3 Prozent ordnet die Öffentlichkeit etwa 8 Prozent der Bürger dieser Gruppe zu. Für einen Single entspricht der Schwellenwert von 250 Prozent des Medians laut Niehues einem monatlichen Nettoeinkommen von rund 4000 Euro.

Zu den bemerkenswertesten Erkenntnissen des internationalen Vergleichs gehört daneben der Befund, dass kaum ein direkter Zusammenhang zwischen der tatsächlichen und der wahrgenommenen Einkommensverteilung in einer Gesellschaft besteht. So unterscheidet sich etwa die Einkommensschichtung in der Schweiz, gemessen an der Verteilung der Bevölkerung auf die sieben Klassen, in der Wirklichkeit kaum von der deutschen – trotzdem hat die Schweizer Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild. Umgekehrt unterscheidet sich auch die entsprechende Schichtung in Frankreich nur wenig von der hiesigen. Die Franzosen nehmen den Anteil des unteren Siebtels in ihrer Gesellschaft aber sogar noch ein wenig größer wahr als die Deutschen; und dies im Übrigen, obwohl es in Frankreich schon lange einen gesetzlichen Mindestlohn gibt.

Demgegenüber schätzen die Amerikaner den Anteil der Bürger in der untersten der sieben EInkommensschichten auf etwa 24 Prozent, also niedriger als Deutsche und Franzosen in ihren eigenen Gesellschaften. Tatsächlich liegt dieser Anteil in den Vereinigten Staaten aber deutlich über 30 Prozent. In Großbritannien und Spanien sind die Nettoeinkommen ebenfalls überdurchschnittlich ungleich verteilt – doch auch dort bewerten die Bürger die Unterschiede im Durchschnitt nicht besonders kritisch, wie die Studie zeigt.

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Die Erkenntnisse deuten auch darauf hin, dass der Kurs der Sozial- und Umverteilungspolitik in der Praxis weniger von realen Ungleichheiten beeinflusst wird als vielmehr von gefühlten. Auch die Einführung des Mindestlohns, der Rente mit 63 und der Ausbau der Mütterrente seien hierzulande vor allem von Gerechtigkeitsdebatten getrieben, urteilt Forscherin Niehues und erkennt einen „Teufelskreis“. Denn die Gerechtigkeitsdebatten „dürften die Bevölkerung in ihrer Einschätzung noch bestätigen, dass mit der Wohlstandsverteilung eben doch nicht alles in Ordnung ist“.

Wie stark solche Debatten die Wahrnehmungen verzerren können, hatte im vergangenen Jahr auch eine Studie des Marktforschungsunternehmens Lünendonk gezeigt: Rund zwei Drittel der Befragten schätzten den Anteil der Zeitarbeiter an der Gesamtzahl der Beschäftigten in Deutschland auf 20 Prozent oder mehr. Tatsächlich liegt der Anteil jedoch unter 3 Prozent. Zuweilen können sogar amtliche Statistiken solche Wirkungen haben. Dies zeigte sich zu Jahresbeginn am Beispiel der sogenannten Aufstockerstatistik der Bundesagentur für Arbeit: Nach einer Datenrevision zeigte sich, dass die Zahl der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer, die neben dem Lohn ergänzende Hartz-IV-Leistungen beziehen, jahrelang überschätzt worden war – die Zahl wurde von 331.000 auf 218.000 korrigiert. Die Ursache lag in diesem Fall indes bei den Unternehmen: Sie hatten in ihren Statistikmeldungen offenbar nicht sorgfältig zwischen Teil- und Vollzeitkräften unterschieden.

Quelle: F.A.Z.

 

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