http://www.faz.net/-gqg-75g2r

Armut und Reichtum : Wie schlägt sich Deutschlands Mittelschicht?

Mein Auto, mein Häuschen: Beschauliche Mittelschichtssiedlung in Bad Vilbel Bild: Dieter Rüchel

Sind in Deutschland die Mittelschicht kleiner geworden und die Armut größer? Statistiken sagen: Etwas schon. Verglichen mit anderen Ländern erscheint sie nach wie vor aber breit und solide. Was denken Sie?

          Sozialverbände und Gewerkschaften schlagen Alarm: „Rekordarmut“ gebe es in Deutschland. Frank Bsirske, der grüne Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, wählte drastische Worte: „Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so groß, noch nie musste sich die Mittelschicht so bedroht fühlen“, sagte er kürzlich in der „Bild“-Zeitung. Der Paritätische Wohlfahrtsverband verwies auf einen steigenden Anteil von 15,1 Prozent der Bevölkerung, der als „armutsgefährdet“ gelte. Vor einigen Wochen schrieb das Statistische Bundesamt in einer Pressemitteilung zugespitzt, dass gar „jeder Fünfte“ in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sei. Erst weiter unten in einer Tabelle war zu lesen, dass tatsächlich 5,3 Prozent - also jeder Zwanzigste - arm („erheblich materiell depriviert“) seien. Die Vielzahl der Statistiken und Studien stiftet Verwirrung und Verunsicherung. Der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder kritisierte jüngst im Interview in der F.A.Z. eine „politisch motivierte Armutsforschung“.

          Die Mittelschicht wird kleiner Bilderstrecke
          Die Mittelschicht wird kleiner :
          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Politisch brisant sind die sich häufenden Studien über eine angebliche Erosion der Mittelschicht. Gerade in Deutschland wird die Mittelschicht als soziales Rückgrat des Landes angesehen. Bislang galt sie im internationalen Vergleich als breit und stabil. Doch einige Studien lassen Zweifel aufkommen. Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kam jüngst zum Ergebnis, dass die Mittelschicht seit fünfzehn Jahren schrumpfe und um 5,5 Millionen Menschen kleiner geworden sei. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist gegenüber 1997 um 7 Prozentpunkte auf 58 Prozent gesunken. Zur Mittelschicht zählt nach dieser Studie, wer ein verfügbares Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens hat, gewichtet nach Haushaltsgrößen. Das mittlere Nettoeinkommen betrug 2009 knapp 1600 Euro monatlich. Für einen Paarhaushalt unterstellen die Forscher das 1,5-Fache.

          Verzerrender Effekt der Wiedervereinigung

          Jeder Vierte in der Mittelschicht mache sich „latente Sorgen“, dass er seinen Status verlieren könne, warnte die Bertelsmann-Stiftung in der Studie. In einer früheren Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), auf deren Daten im Soziooekonomischen Panel (Soep) die meisten Forscher aufbauen, war sogar von „Statuspanik“ die Rede. Olaf Groh-Samberg, Juniorprofessor für Soziologie an der Universität Bremen, der die Bertelsmann-Studie maßgeblich erstellt hat, sagte allerdings: „Es ist nicht so, dass wir einen massenhaften Abstieg aus der Mittelschicht hatten.“ Vielmehr gebe es eine Verfestigung der unteren Einkommensschichten, weil der Aufstieg in die Mittelschicht schwieriger geworden sei.

          Ob die Mittelschicht tatsächlich gravierend geschrumpft ist, darüber streiten Ökonomen und Sozialwissenschaftler. „Die deutsche Mittelschicht ist stabil“, betont etwa das Institut der deutschen Wirtschaft. IW-Ökonomin Judith Niehues gibt zwar zu: „Auch wir halten in unserer Studie fest, dass die Mittelschicht um die Jahrtausendwende gesunken ist. Aber von andauerndem Schrumpfen der Mittelschicht zu sprechen, das passt nicht zu der stabilen Entwicklung seit 2005.“ Bei einer längerfristigen Betrachtung erkenne man, dass die Mittelschicht aktuell nur geringfügig unter den Werten zu Beginn der neunziger Jahre liege. Christian Arndt, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen, bestätigt dies: „Seit Anfang der neunziger Jahre ist die Einkommensmitte um etwa 4 Prozentpunkte zurückgegangen. Das kann man aber nicht als Bröckeln bezeichnen, wenn man die Schwankungen in diesem langen Zeitraum betrachtet“, sagt Arndt, der für die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Überblickstudie über die Mittelschicht erstellte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Wahlsonntag im Liveblog : Martin Schulz hat gewählt

          Spitzenpolitiker geben ihre Stimme ab +++ Wähler so alt wie nie zuvor +++ Rund 61,5 Millionen Deutsche dürfen wählen +++ Union zuletzt deutlich vor SPD ++++ Verfolgen Sie alles Wichtige zum Wahltag im FAZ.NET-Liveblog.
          Der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani wirft Donald Trump vor, in seiner Rede vor den UN viele Lügen verbreitet zu haben.

          Iran : Parlamentspräsident vergleicht Trump mit Goebbels

          Mit Trumps Überlegungen, das Atomabkommen mit Iran zu kündigen, hat sich der Konflikt zwischen beiden Ländern zugespitzt. Der iranische Parlamentspräsident Laridschani wirft dem amerikanischen Präsidenten nun vor, Lügen zu verbreiten.

          Tag der Bundestagswahl : Bauch siegt über Kopf

          Für die Parteipräferenzen ist das Gefühl offenbar wichtiger als die Vernunft. Deshalb präsentierten sich die Kandidaten im Wahlkampf emotionaler. Ist das gut oder schlecht für die Demokratie?

          Ähnlichkeiten der Parteien : Erst der Computer löst das Suchbild

          Sind die Parteien einander wirklich so ähnlich, wie es oft wirkt? Tatsächlich gibt es wesentliche Unterschiede – aber um die zu entdecken, braucht man schon ausgefuchste mathematische Verfahren und Big Data.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.