http://www.faz.net/-gqg-73cdd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.10.2012, 12:34 Uhr

Armut und Reichtum Warum Frauen weniger verdienen als Männer

Die Lücke beim Gehalt von männlichen und weiblichen Führungskräften bleibt groß. Frauen in Führungspositionen verdienen laut Statistik im Schnitt 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Die vier häufigsten Fallen von Frauen im Berufsleben.

von Natascha Lenz
© Pilar, Daniel Mit dem Alter steigen laut dem Statistischen Bundesamt auch die Verdienstunterschiede

Während Brüssel mit der Frauenquote droht, beginnt in den Unternehmen schon im Vorgriff die Suche nach geeigneten Kandidatinnen in den eigenen Reihen. In den Personalabteilungen werden die Talente von morgen gescannt und auf ihr Potential für die weitere Karriere abgeklopft. Doch was die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen betrifft, hat sich kaum etwas geändert.

Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen liegt im Schnitt um 22 Prozent unter dem ihrer Kollegen. Zu diesem Ergebnis kommt die Verdienststrukturerhebung 2010, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag veröffentlichte. 2006 lag die Differenz bei 23 Prozent. Nur alle vier Jahre untersucht das Statistische Bundesamt die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen in einer umfangreichen Erhebung nach mehreren statistischen Merkmalen. Noch größer ist der Unterschied in den Chefetagen.

Infografik / Frauen verdienen weniger © dpa Vergrößern

Mehr zum Thema

Doch woran liegt das? Für die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen spielen gleich mehrere Faktoren eine Rolle, wie sich aus Zahlen der Statistiker entnehmen lässt. Die vier häufigsten Fehler von Frauen im Berufsleben:

1) Die Teilzeit-Falle

Die Erwerbsbiographien von Männern und Frauen entwickeln sich mit zunehmendem Alter erst allmählich auseinander. Frauen absolvieren Ausbildung und Studium mit genauso guten Ergebnissen wie ihre männlichen Kommilitonen. Dementsprechend fallen die Gehaltsunterschiede bei den bis zu 24-Jährigen mit zwei Prozent auch kaum ins Gewicht. Zehn Jahre später liegt der Unterschied bereits bei elf Prozent. In der Altersgruppe zwischen 35 und 44 Jahren hat sich der Abstand bereits mehr als verdoppelt. Ein Grund dafür ist der hohe Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen. Nach der Geburt eines Kindes kehren viele Frauen meist nur in Teilzeit in ihren Beruf zurück. Verbunden ist dies in der Regel mit einem Karriereknick und finanziellen Einbußen.

2) Die Minijob-Falle

Ähnlich verhält es sich mit Minijobs. Statt in größerem Umfang in das Erwerbsleben zurückzukehren, setzen viele Frauen nach der Elternzeit auf Minijobs. Die Bertelsmann-Stiftung bezeichnet daher in einer neuen Studie Minijobs als „vertane Chance“. Obwohl mehr als drei Viertel der Minijobberinnen eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, nehmen sie eine geringfügige Beschäftigung auf. Auch wenn sich die Frauen später entschließen, ihre Berufstätigkeit auszuweiten, haben sie oft Schwierigkeiten, in ein Arbeitsverhältnis mit mehr Arbeitszeit und Lohn zu wechseln.

3) Die Spaß-Falle

Trotz alljährlichem Girls’ Day ändert sich nichts: Jungs schrauben, hämmern und erforschen tote Mäuse, Mädchen schieben Puppenwagen und spielen mit rosa Lego-Figürchen Schönheitssalon. Das setzt sich bei der Berufswahl fort. Die beliebtesten Ausbildungsberufe bei Jungs sind Mechatroniker und Industriemechaniker, Mädchen entscheiden sich – mangels geeigneter Vorbilder – auch im Jahr 2012 noch immer überwiegend für eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau oder medizinische Fachangestellte. Bei Studium setzt sich die Tendenz fort. Junge Frauen studieren oft nach Neigung Germanistik, Anglistik oder Kunstgeschichte, während die jungen Männer in den volkswirtschaftlichen Fakultäten oder an den Technischen Hochschulen allzu häufig unter sich bleiben. Doch die „typischen“ Frauenberufe sind auch die, die deutlich schlechter bezahlt werden.

4) Die Alien-Falle 

Selbst die Frauen, die es geschafft haben, die Karriereleiter in den Unternehmen nach oben zu klettern, die Vollzeit im Beruf stehen und eine individuelle Lösung für die Vereinbarkeit von Kind und Karriere gefunden haben, verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen. Und nicht nur das: Laut Statistischem Bundesamt nehmen die Unterschiede dann sogar noch zu. Frauen in Führungspositionen verdienen im Durchschnitt sogar 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Die Ursachen dafür sind schwieriger nachzuvollziehen.

„Ein großer Teil der Verdienstunterschiede ist durch messbare Indikatoren nicht erklärbar“, erläutert Elke Holst, die sich für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin mit Gender-Fragen beschäftigt. Hier würden gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen eine Rolle spielen, etwa Stereotypen, die häufig zu Nachteilen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt führten. Denn Frauen sind in den Top-Etagen von Unternehmen noch immer eine seltene Spezies. Männer sitzen an den Schalthebeln der Macht. Sie netzwerken häufiger, tauschen sich mit anderen aus, die ihnen in ihrer beruflichen Laufbahn von Vorteil sein können. Als Mitstreiter stellen sie die ein, in denen sie sich wiedererkennen, nämlich junge Männer. Frauen haben das Nachsehen – auch in finanzieller Hinsicht. „Eine größere Transparenz, etwa durch Offenlegung der Verdienste innerhalb des Unternehmens, könnte daher die Debatte versachlichen“, so Elke Holst.

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Konfrontationskurs EU demonstriert Stärke gegenüber Erdogan

Die Europäische Union bekräftigt ihre Forderungen an die Türkei. Visaliberalisierung soll es nur gegen die Einhaltung demokratischer Prinzipien geben – auch dann, wenn der türkische Präsident im Gegenzug den Flüchtlingsdeal brechen sollte. Mehr

11.05.2016, 20:09 Uhr | Politik
Menschenhändler Flüchtlinge im Libanon zur Prostitution gezwungen

Libanesische Sicherheitskräfte haben vor kurzem 75 mehrheitlich syrische Frauen gerettet, die von einem Menschenhändlerring als Zwangsprostituierte ausgebeutet wurden. Seit Beginn des Krieges fallen mehr und mehr syrische Frauen Menschenhändlern zum Opfer. Mehr

05.05.2016, 11:27 Uhr | Gesellschaft
Olympia 2016 Termine & Ergebnisse im Radsport

Bei Olympia 2016 in Rio gibt es im Radsport 18 Entscheidungen, je neun bei den Männern und neun bei den Frauen. Vom 6. bis 21. August finden die Wettbewerbe auf der Straße, auf der Bahn sowie im BMX- und... Mehr

13.05.2016, 14:18 Uhr | Sport
Meseberg Bundesregierung einigt sich auf Integrationsgesetz

Das Gesetz soll die Integration von Migranten fördern und zeigt Rechte und Pflichten für Zuwanderer bei der Eingliederung auf. Geplant ist etwa ein verbesserter Zugang für Migranten zu Integrations- und Deutschkursen, ein Schutz vor Abschiebung für geduldete Ausländer während einer Ausbildung sowie 100.000 Minijobs für Flüchtlinge. Mehr

24.05.2016, 18:06 Uhr | Politik
Olympia 2016 Termine & Ergebnisse im Rudern

Bei Olympia 2016 in Rio gibt es im Rudern vierzehn Entscheidungen, acht bei den Männern, sechs bei den Frauen. Vom 6. bis 13. August finden die Wettbewerbe in der Lagoa Rodrigo de Freitas statt (10.000... Mehr

13.05.2016, 14:31 Uhr | Sport

Schweizer Wäsche

Von Johannes Ritter

Eine Tessiner Privatbank wird aufgelöst, weil sie einem korrupten malaysischen Staatsfonds bei der Geldwäsche geholfen hat. Richtig so. Mehr 1 10


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Umfrage Zwei Drittel der Europäer für Grundeinkommen

Gute Idee oder schlicht Schwachsinn? Immer mehr Menschen diskutieren über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Schweizer stimmen bald ab. Nun kommt eine überraschende Umfrage heraus. Mehr 62

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden