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Armut und Reichtum Essen: Die gespaltene Stadt

Arm und Reich driften auseinander in deutschen Großstädten. Besonders extrem sieht man das in Essen. Ein Ortsbesuch.

© dpa Wie eine Grenze zwischen Arm und Reich: die Stadtautobahn A 40 durchschneidet Essen.

Ciara gibt gerne den Ton an. Auf dem Spielplatz hinter der Kirche weist die Vierjährige den anderen die Plätze zu: Schwester Laura, sechs Jahre alt, muss alleine schaukeln, während sie mit ihrer Freundin zusammen die andere Schaukel erklimmt. Das ist zwar ungemütlich, aber zu zweit kommen sie höher hinaus als die große Schwester. Was für ein Triumph!

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Dann fliegen Ciaras Zöpfe, ihr Lachen tönt über den Kirchplatz bis zu dem beigefarbenen Eckhaus, in dem die Familie lebt, oben im dritten Stock. Dann ist alles in Ordnung für das Mädchen mit dem dichten, dunklen Haar, das ein paar Brocken Italienisch spricht, wegen der Großeltern. Sie ist zufrieden mit sich und ihrer Welt.

Sie kennt nicht die Sorgen ihrer Eltern, die ihren Töchtern gerne alles ermöglichen wollen, eine sichere, gute Zukunft. „Wir leben für die beiden Mädchen“, sagt Vater Lorenzo Anelli, ein Industriemechaniker, und verschränkt die kräftigen Arme vor der Brust. „Seit sie auf der Welt sind, dreht sich unser Leben nur noch um sie.“ Trotzdem fragen die Eltern sich, ob es reicht, was sie ihnen bieten können.

Kleine Welt vom Eckhaus zum Kindergarten

Ciaras kleine Welt erstreckt sich vom Eckhaus über Kirchplatz und Spielplatz bis zum evangelischen Kindergarten, in den sie geht. Sie kennt den Weg dorthin, es sind nur wenige Schritte. Trotzdem begleitet ihr Vater sie jeden Morgen. Er bringt auch Laura zur Grundschule, ein Stückchen weiter. Er hat ja Zeit dafür: Seit dem Herbst ist der Metallarbeiter arbeitslos. Sein Job war befristet, wie die seiner Kollegen auch - ihre Verträge sind alle nicht verlängert worden. Nun ist er „arbeitssuchend“, wie er betont. Er ist keiner, der sich auf die faule Haut legt. Aber die Zeiten sind schwierig in seiner Branche. Und solange er keine Arbeit hat, keinen Schichtbetrieb wie sonst, macht er die Mädchen morgens fertig. Denn seine Frau Verena verlässt in aller Frühe das Haus. Die Bürokauffrau arbeitet in einem großen Gastronomiebetrieb. Trotz der beiden Kinder zieht sie den Vollzeitjob durch, sie brauchen ihr Gehalt.

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Erwischt sie nach der Arbeit die Straßenbahn, schafft sie es gerade noch, die Kinder um 16 Uhr abzuholen. Alleine wollen sie die Mädchen nicht nach Hause gehen lassen. „Das ist uns hier zu unsicher.“

Hier, das ist Essen. Essen-Altendorf. Im Essener Norden. Und der Norden der Revierstadt hat es in sich. Wer hier lebt, ist arm. Oder besser gesagt: Es leben immer mehr Menschen in dem heruntergekommenen Stadtteil, die arm sind, bedürftig, sozial schwach, von der Gesellschaft abgehängt, wie immer man es nennen will, wenn das Geld nicht reicht.

Wer durch Altendorf geht, sieht die Zurückgebliebenen

Wer durch Altendorf geht, sieht sie vor den Bierbuden auf der Helenenstraße, Essens Drogen-Umschlagplatz Nummer eins, sie sitzen in den Döner-Buden, lungern vor dem Supermarkt oder sitzen auf den Bänken, stumm und teilnahmslos. Es sind die Zurückgebliebenen. Denn wer kann, zieht weg aus dem Arbeiterviertel am Rande der Essener Innenstadt.

Und es kommt kaum jemand nach. Essen schrumpft. Wohnungen und Geschäftszeilen in Altendorf stehen leer. Schulen werden hier und in den angrenzenden Gebieten geschlossen, Schwimmbäder, Sportplätze, öffentliche Büchereien. Der Bezirksbürgermeister Klaus Persch zeigt frustriert auf die brachliegenden Flächen, während er seinen Teil von Essen zeigt. Er kennt die Stadtteile hier seit seiner Kindheit, weiß, dass die Probleme im Sprengel eher zu- als abgenommen haben. Trotzdem zeigt er Optimismus: „Wir fliegen auf den Mond, da werden wir hier auch eine Lösung finden.“

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