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Armut und Reichtum Die Unterschicht verfestigt sich

Allen Vorurteilen zum Trotz wird die Unterschicht in Deutschland kaum größer. Allerdings gelingt es weniger Armen, in eine höhere Schicht aufzusteigen.

© Daniel Pilar Vergrößern Jeder Fünfte zählt in Deutschland zur (Einkommens-)Unterschicht, jeder Zwanzigste ist wirklich materiell arm

Das Dokument, dessen Veröffentlichung die Bundesregierung immer weiter hinausschiebt, hat Sprengkraft. Im vierten Armuts- und Reichtumsbericht muss sie offiziell zu einigen der brisantesten Fragen der Politik Stellung nehmen. Sie muss beantworten, wie viele Menschen in Deutschland arm sind, wie viele in die Armut gerutscht und wie viele in die Oberschicht aufgestiegen sind. Sie muss sagen, wie Einkommen und Vermögen verteilt sind. Letzten Endes geht es um soziale Gerechtigkeit und damit um eine der zentralen Fragen des aufziehenden Bundestagswahlkampfs.

Christoph Schäfer Folgen:      

Entsprechend heftig wird bereits im Vorfeld um den Wortlaut des Berichts gerungen. Kanzleramt und Wirtschaftsministerium ließen den Satz streichen, wonach „die Bundesregierung prüft, ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann“. Auch der Satz „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“ fiel weg. Sozialverbände und Oppositionsparteien warfen der Regierung flugs vor, die Menschen „für dumm zu verkaufen“. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles unterstellte gar, die Bundesregierung weigere sich, „etwas gegen die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft zu tun“.

Ist es wirklich so schlimm um das Gemeinwesen bestellt? Ein nüchterner Blick auf die Fakten bietet jedenfalls keinen Anlass für Alarmismus. Aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung geht hervor, dass 1984 jeder Fünfte in Deutschland zu wenig verdiente, um noch zur Mittelschicht zu gehören. 27 Jahre später sind die Zahlen nur unwesentlich schlechter: Demnach zählten im Jahr 2010 etwas mehr als 21 Prozent der Bevölkerung zur Einkommensunterschicht - die weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Einheit ist die Lage in den alten und neuen Bundesländern allerdings sehr unterschiedlich. Im Osten sind knapp 30 Prozent in der Einkommensunterschicht.

Jede Armutsdefinition ist willkürlich

Ist das bedenklich? Und: Wer ist wirklich arm? Die Antwort darauf ist - wie so oft - Definitionssache. Fachleute unterscheiden subjektive Armut (der Betroffene fühlt sich arm, ist es aber nicht unbedingt), absolute Armut (wenn es ums nackte Überleben geht) und relative Armut (das Leben ist gesichert, das soziokulturelle Existenzminimum jedoch nicht).

Infografik / Der Wechsel zwischen den Schichten wird schwieriger © F.A.Z. Vergrößern

In Entwicklungsländern interessiert der Anteil der Menschen in absoluter Armut: Einer Definition der Weltbank zufolge trifft das auf jeden zu, der weniger als 1,25 Dollar am Tag zum (Über-)Leben hat. In voll entwickelten Industriestaaten wie der Bundesrepublik ist die relative Armut entscheidend. Weithin akzeptiert ist eine Definition des Rates der Europäischen Gemeinschaft von 1984, wonach diejenigen arm sind, „die über so geringe materielle, soziale und kulturelle Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“.

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Veröffentlicht: 07.02.2013, 11:52 Uhr

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