Home
http://www.faz.net/-hoa-76cka
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Armut und Reichtum Die Unterschicht verfestigt sich

 ·  Allen Vorurteilen zum Trotz wird die Unterschicht in Deutschland kaum größer. Allerdings gelingt es weniger Armen, in eine höhere Schicht aufzusteigen.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (48)
© Daniel Pilar Jeder Fünfte zählt in Deutschland zur (Einkommens-)Unterschicht, jeder Zwanzigste ist wirklich materiell arm

Das Dokument, dessen Veröffentlichung die Bundesregierung immer weiter hinausschiebt, hat Sprengkraft. Im vierten Armuts- und Reichtumsbericht muss sie offiziell zu einigen der brisantesten Fragen der Politik Stellung nehmen. Sie muss beantworten, wie viele Menschen in Deutschland arm sind, wie viele in die Armut gerutscht und wie viele in die Oberschicht aufgestiegen sind. Sie muss sagen, wie Einkommen und Vermögen verteilt sind. Letzten Endes geht es um soziale Gerechtigkeit und damit um eine der zentralen Fragen des aufziehenden Bundestagswahlkampfs.

Entsprechend heftig wird bereits im Vorfeld um den Wortlaut des Berichts gerungen. Kanzleramt und Wirtschaftsministerium ließen den Satz streichen, wonach „die Bundesregierung prüft, ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann“. Auch der Satz „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“ fiel weg. Sozialverbände und Oppositionsparteien warfen der Regierung flugs vor, die Menschen „für dumm zu verkaufen“. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles unterstellte gar, die Bundesregierung weigere sich, „etwas gegen die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft zu tun“.

Ist es wirklich so schlimm um das Gemeinwesen bestellt? Ein nüchterner Blick auf die Fakten bietet jedenfalls keinen Anlass für Alarmismus. Aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung geht hervor, dass 1984 jeder Fünfte in Deutschland zu wenig verdiente, um noch zur Mittelschicht zu gehören. 27 Jahre später sind die Zahlen nur unwesentlich schlechter: Demnach zählten im Jahr 2010 etwas mehr als 21 Prozent der Bevölkerung zur Einkommensunterschicht - die weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Einheit ist die Lage in den alten und neuen Bundesländern allerdings sehr unterschiedlich. Im Osten sind knapp 30 Prozent in der Einkommensunterschicht.

Jede Armutsdefinition ist willkürlich

Ist das bedenklich? Und: Wer ist wirklich arm? Die Antwort darauf ist - wie so oft - Definitionssache. Fachleute unterscheiden subjektive Armut (der Betroffene fühlt sich arm, ist es aber nicht unbedingt), absolute Armut (wenn es ums nackte Überleben geht) und relative Armut (das Leben ist gesichert, das soziokulturelle Existenzminimum jedoch nicht).

In Entwicklungsländern interessiert der Anteil der Menschen in absoluter Armut: Einer Definition der Weltbank zufolge trifft das auf jeden zu, der weniger als 1,25 Dollar am Tag zum (Über-)Leben hat. In voll entwickelten Industriestaaten wie der Bundesrepublik ist die relative Armut entscheidend. Weithin akzeptiert ist eine Definition des Rates der Europäischen Gemeinschaft von 1984, wonach diejenigen arm sind, „die über so geringe materielle, soziale und kulturelle Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“.

Was das in konkreten Zahlen bedeutet, ist umstritten. Der EU zufolge lebt in relativer Armut, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens („Median“) in seinem Land verdient. Im Jahr 2010 war nach dieser Definition in Deutschland arm, wer als Single weniger als 993 Euro im Monat netto zur Verfügung hatte. Für ein Ehepaar mit zwei Kindern betrug die Einkommensgrenze 2086 Euro (siehe Tabelle). Im Jahr 2011 lagen 15,1 Prozent aller Menschen in Deutschland unter diesen Werten, sechs Jahre vorher waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge 14,7 Prozent. Auch wenn die 60-Prozent-Definition weit verbreitet ist - sie bleibt willkürlich. Manche Forscher setzen die Armutsgrenze bei 50 Prozent. Für den Aufstieg in die Mittelschicht wiederum benötigt jemand meist mehr als 70 Prozent des mittleren Einkommens.

Wächst der Wohlstand, sinkt die Zahl der Armen nicht

Die 15,1 Prozent der „relativ Armen“sind aber noch nicht wirklich arm. Unter „erheblichen materiellen Entbehrungen“ leidet in Deutschland jeder Zwanzigste (5,3 Prozent), teilte das Statistische Bundesamt nach der EU-Studie „Leben in Europa“ mit. Diese 5,3 Prozent der deutschen Gesellschaft können beispielsweise ihre Wohnung nicht ausreichend heizen.

Armutsforscher streiten nicht nur darüber, ob die relative Armut bei weniger als 50 oder 60 Prozent des Einkommens beginnt. Auch das Konzept der relativen Armut selbst wird kontrovers diskutiert. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn beispielsweise monierte bereits vor Jahren: „Wer in einer Steuerenklave, in der der Durchschnittsbürger eine Million Euro verdient, nur über ein Jahreseinkommen von 590.000 Euro verfügt, ist nach dieser Definition arm.“

Kritisiert wird ferner, dass die Zahl der Armen allein dadurch steigt, dass es immer mehr Alleinlebende und Alleinerziehende gibt. Konkret stieg der Anteil der Einpersonenhaushalte zwischen 1991 und 2010 von 34 auf mehr als 40 Prozent. Das liegt zum einen daran, dass die deutsche Gesellschaft älter wird und es mehr alleinstehende Witwen und Witwer gibt. Zum anderen lassen sich immer mehr Ehepaare scheiden. Das treibt die Zahl der Armen, statistisch gesehen, in die Höhe, weil Größenvorteile wegfallen. Beide Singles brauchen nun einen eigenen Kühlschrank und eine eigene Waschmaschine. Die Kosten für Miete, Strom und Heizung können sich die Singles nicht mehr teilen. „Wenn sich ein Paar aus der Mittelschicht trennt, habe ich anschließend meist zwei arme Haushalte“, sagt der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel.

Vor allem aber kritisieren Forscher ein Phänomen, das dem Konzept der relativen Armut untrennbar innewohnt: Wächst allgemein der Wohlstand, so sinkt dadurch die Zahl der Armen nicht. Würden alle Deutschen schlagartig doppelt so viel verdienen, würde sich an der Zahl der relativ Armen nichts ändern. Sinn kritisiert: „Das alles zeigt, dass man mit den veröffentlichten Zahlen Schindluder treiben kann.“

Alleinerziehende haben es schwer

Trotz aller berechtigten Kritik: Ein besserer Indikator für Armut als die relative Einkommensposition ist nicht in Sicht. Deshalb lohnt es durchaus, die Gruppen zu benennen, deren Angehörige in großer Zahl zu den Betroffenen zählen. Arm oder armutsgefährdet sind vor allem Kleinstrentner, Langzeitarbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Geringverdiener, kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Migranten und Studenten.

Ob und wie man ihnen helfen muss, steht auf einem anderen Blatt. Langzeitarbeitslosigkeit etwa ist dem Armutsbericht der Regierung zufolge zwar „eine der gravierendsten Ursachen für Armutsrisiken“. Dennoch erhalten die Betroffenen schon deshalb keine allzu üppigen Transferleistungen, um einen Anreiz zur Arbeitsaufnahme zu erhalten. Ihnen ist aus Sicht der Regierungsparteien am besten mit einer Politik geholfen, die neue Arbeitsplätze schafft. Im Beschluss ihres Bundesparteitags vom Dezember schreibt die CDU: „In diesem Sinne gilt für uns ,Sozial ist, was Arbeit schafft.“‘ Gerne verweist die Bundesregierung darauf, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen von 2007 bis 2011 um rund 700.000 auf 1,06 Millionen sank.

Anders sieht die Lage bei den Alleinerziehenden aus, die etwa 950.000 Kinder großziehen. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fällt jede zweite Alleinerziehende mit zwei oder mehr Kindern unter die Armutsgrenze. Von den Alleinerziehenden mit einem Kind seien es etwa 30 Prozent. Hauptursache ist laut Armutsbericht, dass es „gerade für Alleinerziehende besonders schwierig ist, Kinderbetreuung und Arbeit zu vereinbaren“. Von einem allgemeinen Aufschwung am Arbeitsmarkt kann diese Gruppe nur wenig profitieren, den Alleinerziehenden ist am besten durch einen Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten geholfen.

Der Aufstieg wird zunehmend schwierig

Am problematischsten ist die Lage der Migranten. Ihre Zahl erhöhte sich von 1996 bis 2006 in Deutschland um 3,5 Millionen. Davon waren Sozialwissenschaftler Miegel zufolge 2,9 Millionen einkommensschwach. Sie stellten somit knapp 71 Prozent jener 4,1 Millionen Menschen, um die die untere Einkommensschicht in dieser Dekade wuchs. „Migranten in Deutschland haben häufig unzureichende Qualifikationen“, sagt Miegel. Die deutsche Gesellschaft sei daran aber nicht schuld. „Diese Menschen würden überall auf der Welt zu den Einkommensschwachen gehören.“ Tatsächlich waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr im Durchschnitt 15,8 Prozent aller ausländischen Erwerbspersonen in Deutschland arbeitslos. Die Quote der Deutschen war mit 7,1 Prozent nicht einmal halb so groß. Auch unter den Hartz-IV-Empfängern lag die Quote der Ausländer mit 15,5 Prozent mehr als doppelt so hoch. Rosig sieht das Bild auch bei jenen Ausländern nicht aus, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Von ihnen arbeitet knapp jeder Dritte im Niedriglohnsektor, unter den Deutschen ist es jeder Fünfte.

Die Zunahme des Niedriglohnsektors sowie die steigende Zahl der Singlehaushalte sind einigen Armutsforschern zufolge die wesentlichen Gründe dafür, dass die Zahl der Armen trotz des Wirtschaftsaufschwungs der vergangenen Jahre nicht sank. Andere Wissenschaftler sind überzeugt, dass sich das Wirtschaftswachstum demnächst in den Zahlen widerspiegeln wird. „Wir haben für die Jahre nach der Finanzkrise noch nicht ausreichend Daten“, sagt DIW-Forscher Markus Grabka. Der erhebliche Beschäftigungsaufbau der jüngsten Zeit werde sich aller Wahrscheinlichkeit nach sehr bald in den Zahlen über die Unterschicht niederschlagen. „Belastbare Zahlen zur Einkommensverteilung kommen mit etwa drei Jahren Verzögerung“, sagt auch Miegel. Davor sei es wie bei Wahlprognosen: Es gebe zu viele unbekannte Variablen, um das Ergebnis zuverlässig vorherzusagen.

Weitgehend unstrittig ist allerdings, dass der Aufstieg in höhere soziale Schichten in Deutschland zunehmend schwierig wird. Die Unterschicht verfestigt sich. „Der Traum, vom Kind eines Tellerwäschers zum Millionär zu werden, ist eine Legende“, schrieb das DIW jüngst in seinem Wochenbericht. Auch der Armutsbericht der Regierung kommt zum Ergebnis: „Die Dynamik absoluter Aufwärtsmobilität scheint deutlich erlahmt zu sein.“ Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von der „sozialen Mobilität“ innerhalb einer Gesellschaft. Um diese zu messen, hat die Bertelsmann Stiftung den Anteil der Personen ausgewiesen, die innerhalb von drei Jahren ihre Einkommensposition beibehielten (siehe Grafik). Zu erkennen ist, dass sich über den gesamten Zeitraum mehr als 80 Prozent aller Mittelschichtsangehörigen auch nach drei Jahren noch in dieser Schicht befanden. Bei den Einkommensschwachen hat die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs in Armut indes stark zugenommen - von etwa 60 auf 70 Prozent.

Marx wetterte einst gegen das „Lumpenproletariat“

Um die deutsche Unterschicht zu charakterisieren, reicht der Blick auf die Einkommen allerdings nicht aus. Soziologen berücksichtigen auch, wie lange jemand mit wenig Geld auskommen muss. „Der Student etwa zählt nicht zur Unterschicht, weil er nach seinem Studium enorme Aufstiegschancen hat“, erklärt der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. Zudem müssen die Bildung, der gesellschaftliche Status und das Vermögen einer Person berücksichtigt werden. Schließlich gehörten weder der vermögende Pensionär mit geringer Rente der Unterschicht an noch der Sohn einer reichen Adelsdynastie, der selbst keiner Arbeit nachgeht. „Der Begriff Unterschicht ist nicht nur durch ökonomische Daten geprägt“, sagt Butterwegge. Gerade weil das so ist, werde das Etikett „Unterschicht“ gerne für politische Schlachten genutzt, sagt der Politologe, der der Linkspartei nahesteht. „Der Begriff steht dann leider nicht mehr für jene, die weniger als 70 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen“, sagt der Armutsforscher, „sondern für jemanden, der säuft und hurt und ansonsten nur im Trainingsanzug dasitzt und Chips futtert.“

Neu ist freilich auch diese Polemik nicht: Karl Marx unterschied einst zwischen der arbeitenden Industriebevölkerung mit Klassenbewusstsein und dem „Lumpenproletariat“, mit dem er nichts zu tun haben wollte. In seinem Werk „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ schreibt der Kommunist: „Sie gehörten großen Teils dem Lumpenproletariat an, das in allen großen Städten eine vom industriellen Proletariat genau unterschiedene Masse bildet, ein Rekrutierplatz für Diebe und Verbrecher aller Art, von den Abfällen der Gesellschaft lebend, Leute ohne bestimmten Arbeitszweig, Herumtreiber, zwielichtige Gestalten.“ Trotz allen Streits um den Wortlaut des Armutsberichts - derart Deftiges wird die Regierung sicher nicht hineinschreiben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Worüber sollten die Parteien im Bundestagswahlkampf streiten?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.