Home
http://www.faz.net/-gqg-76cka
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Armut und Reichtum Die Unterschicht verfestigt sich

Allen Vorurteilen zum Trotz wird die Unterschicht in Deutschland kaum größer. Allerdings gelingt es weniger Armen, in eine höhere Schicht aufzusteigen.

© Daniel Pilar Jeder Fünfte zählt in Deutschland zur (Einkommens-)Unterschicht, jeder Zwanzigste ist wirklich materiell arm

Das Dokument, dessen Veröffentlichung die Bundesregierung immer weiter hinausschiebt, hat Sprengkraft. Im vierten Armuts- und Reichtumsbericht muss sie offiziell zu einigen der brisantesten Fragen der Politik Stellung nehmen. Sie muss beantworten, wie viele Menschen in Deutschland arm sind, wie viele in die Armut gerutscht und wie viele in die Oberschicht aufgestiegen sind. Sie muss sagen, wie Einkommen und Vermögen verteilt sind. Letzten Endes geht es um soziale Gerechtigkeit und damit um eine der zentralen Fragen des aufziehenden Bundestagswahlkampfs.

Christoph Schäfer Folgen:

Entsprechend heftig wird bereits im Vorfeld um den Wortlaut des Berichts gerungen. Kanzleramt und Wirtschaftsministerium ließen den Satz streichen, wonach „die Bundesregierung prüft, ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann“. Auch der Satz „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“ fiel weg. Sozialverbände und Oppositionsparteien warfen der Regierung flugs vor, die Menschen „für dumm zu verkaufen“. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles unterstellte gar, die Bundesregierung weigere sich, „etwas gegen die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft zu tun“.

Ist es wirklich so schlimm um das Gemeinwesen bestellt? Ein nüchterner Blick auf die Fakten bietet jedenfalls keinen Anlass für Alarmismus. Aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung geht hervor, dass 1984 jeder Fünfte in Deutschland zu wenig verdiente, um noch zur Mittelschicht zu gehören. 27 Jahre später sind die Zahlen nur unwesentlich schlechter: Demnach zählten im Jahr 2010 etwas mehr als 21 Prozent der Bevölkerung zur Einkommensunterschicht - die weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Einheit ist die Lage in den alten und neuen Bundesländern allerdings sehr unterschiedlich. Im Osten sind knapp 30 Prozent in der Einkommensunterschicht.

Jede Armutsdefinition ist willkürlich

Ist das bedenklich? Und: Wer ist wirklich arm? Die Antwort darauf ist - wie so oft - Definitionssache. Fachleute unterscheiden subjektive Armut (der Betroffene fühlt sich arm, ist es aber nicht unbedingt), absolute Armut (wenn es ums nackte Überleben geht) und relative Armut (das Leben ist gesichert, das soziokulturelle Existenzminimum jedoch nicht).

Infografik / Der Wechsel zwischen den Schichten wird schwieriger © F.A.Z. Vergrößern

In Entwicklungsländern interessiert der Anteil der Menschen in absoluter Armut: Einer Definition der Weltbank zufolge trifft das auf jeden zu, der weniger als 1,25 Dollar am Tag zum (Über-)Leben hat. In voll entwickelten Industriestaaten wie der Bundesrepublik ist die relative Armut entscheidend. Weithin akzeptiert ist eine Definition des Rates der Europäischen Gemeinschaft von 1984, wonach diejenigen arm sind, „die über so geringe materielle, soziale und kulturelle Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Lohnsteigerungen Mehr Geld für Deutschlands Angestellte

Die Löhne steigen – in Deutschland sogar doppelt so schnell wie in Frankreich. Das soll auch in den nächsten fünf Jahren so weitergehen. Aber wer profitiert davon? Mehr

25.06.2015, 10:27 Uhr | Wirtschaft
Menschenrechte Amnesty: Mehr Todesurteile, weniger Hinrichtungen

Jedes Jahr zählen die Menschenrechtler von Amnesty International Todesurteile und Exekutionen in aller Welt. Für 2014 haben sie wieder einen Trend herausdestilliert. Aber die Zahlen bleiben leider unvollständig. Mehr

01.04.2015, 09:44 Uhr | Politik
Kinder in der digitalen Welt Nicht ins Netz geboren

Ein Zehntel der Dreijährigen ist online? Es sind nicht so sehr die Zahlen, die bei der Studie Kinder in der digitalen Welt überraschen, sondern die Fragen, die unbeachtet bleiben. Mehr Von Fridtjof Küchemann

25.06.2015, 11:56 Uhr | Feuilleton
Teile Deutschlands Sommer für einen Tag

Ein Hauch von Hochsommer am Dienstag in München: Es ist auf einmal schon relativ warm, wenn auch die Sonne kaum zu sehen ist. Glücklich mögen sich jene schätzen, die nicht zur Arbeit oder zur Schule mussten, sondern schon mal Körper und Seele etwas baumeln lassen konnten. Mehr

05.05.2015, 16:51 Uhr | Gesellschaft
Jeb Bush Zerknirschter Steuerzahler

Mit der Veröffentlichung von insgesamt 33 Steuererklärung setzt Jeb Bush Maßstäbe in Sachen Transparenz. Dabei kam raus: Der Republikaner meint es gut mit dem Fiskus. Nur beim Spenden war er weniger großzügig. Mehr Von Andreas Ross, Washington

01.07.2015, 22:24 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.02.2013, 11:52 Uhr

Riester-Republik

Von Johannes Pennekamp

Muss der Staat die private Altersvorsorge bezuschussen? Wenn ja, dann sollte er das für die Geringverdiener tun. Doch die Riester-Rente erreicht sie nicht. Mehr 12 13


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --