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Veröffentlicht: 04.02.2015, 13:26 Uhr

Armut in Deutschland Was die Zahl „3,1 Millionen“ über Armutslöhne sagt

Werden etwa immer mehr Erwerbstätige arm? Nein – denn die zuletzt verbreitete Zahl führt in die Irre. In Wahrheit werden mehr Arme erwerbstätig.

von , Berlin
© Your_Photo_Today Auch eine Frage der Interpretation: Wer in Deutschland arm ist, bleibt umstritten.

Die Linkspartei verbreitete kürzlich unter Berufung auf das Statistische Bundesamt eine verblüffende Zahl: Insgesamt 3,1 Millionen Erwerbstätige in Deutschland seien arm, glatte 25 Prozent mehr als noch im Jahr 2008. Das hätten die amtlichen Statistiker in einer Sonderauswertung so festgestellt – und damit indirekt die Forderung der Linkspartei nach sofortiger Erhöhung des Mindestlohns bestätigt.

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Verblüffend ist die Feststellung unter anderem, weil die amtliche Statistik den deutschen Arbeitnehmern seit fünf Jahren zugleich stets ordentliche Reallohnsteigerungen bescheinigt. Überdies hat das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen festgestellt, dass der Anteil der Erwerbstätigen mit Stundenlöhnen unter 8,50 Euro seit 2008 um gut 2 Prozentpunkte auf 19 Prozent gesunken sei.

Tatsächlich verschickt das Statistische Bundesamt auf Anfrage eine Zahlenreihe, aus der sich für 2013 eine Zahl von 3,1 Millionen Erwerbstätigen mit Einkommen unter der sogenannten Armutsgefährdungsschwelle ableiten lässt; und für 2008 gelangt man damit tatsächlich zu einer Vergleichszahl von 2,5 Millionen armutsgefährdeten Erwerbstätigen. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen hat sich in dem Zeitraum von 7,1 Prozent auf 8,6 Prozent erhöht. Als armutsgefährdet gelten dabei Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (des Medianwerts) für die betrachtete Gesamtheit beträgt.

Armut beginnt unter 12 Euro die Stunde

Die auch aus Sicht der Statistiker nicht ganz triviale Frage ist aber, was diese mit der Europäischen Haushaltsbefragung „EU-SILC“ gewonnenen Zahlen eigentlich über Arbeitslöhne aussagen. Dass sie unmittelbar eine fortschreitende Verarmung der Arbeitnehmer anzeigen, weist das Bundesamt auf Anfrage jedenfalls zurück.

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Das liegt vor allem daran, dass die Befragung in erster Linie die Einkommenssituation von Haushalten beleuchten soll und nicht die Löhne einzelner Erwerbstätiger. Für das Berichtsjahr 2013, die jüngste Erhebung, wurden hierzulande 14.000 Haushalte danach befragt, was sie im Jahr 2012 an Einkommen hatten.

So könnte es theoretisch dazukommen, dass ein Arbeitnehmer als armutsgefährdet gilt, wenn er einen Bruttolohn von bis zu 2056 Euro im Monat erzielt – mit 40-Stunden-Woche wären das 12 Euro je Stunde, mit 35-Stunden-Woche 13,50 Euro. Denn bei diesem Einkommen lag nach „EU-SILC“ im Berichtsjahr 2013 die statistische Armutsgefährdungsschwelle für Familien mit zwei Kindern. Für eine sechsköpfige Familie liegt diese bei 2648 Euro, für eine alleinlebende Einzelperson bei 979 Euro.

Ausbildung ist keine Erwerbstätigkeit

Mit dem Status „erwerbstätig“ wird in dieser Befragung allerdings auch nicht erfasst, ob die befragten Haushaltsmitglieder Vollzeit oder Teilzeit arbeiten. Überdies folgt die Messung von Erwerbstätigkeit in der Befragung nicht den üblichen Standards: Anstelle objektiver Kriterien kommt es auf die Selbsteinschätzung an. So könnten sich hier auch etwa Lehrlinge als erwerbstätig einstufen, weil sie von ihrem Betrieb vergütet werden. Nach der normalen Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ist Ausbildung aber keine Erwerbstätigkeit.

Das zeigt zunächst, dass „EU-SILC“ keine sehr genauen Daten über Löhne liefern kann. Es ändert aber noch nichts daran, dass diese Messung Hinweise auf eine im Zeitverlauf gestiegene Zahl an armutsgefährdeten Erwerbstätigen liefert. Allerdings kann das bei näherem Hinsehen sehr vielfältige Ursachen haben.

So wird schon die insgesamt gestiegene Erwerbstätigkeit dazu geführt haben, dass auch die Zahl der armutsgefährdeten Haushalte mit Erwerbstätigen gestiegen ist. Umgekehrt jedenfalls ging nach derselben Messung die Zahl der armutsgefährdeten Arbeitslosen um gut 10 Prozent auf 2 Millionen zurück. Und zugleich stieg die Gesamtzahl der Teilzeitbeschäftigten um knapp 7 Prozent auf 7,8 Millionen an.

Scheidungen lassen Armutsrisiko steigen

Daneben spielen veränderte Familienverhältnisse eine Rolle: Da die statistische Armutsschwelle für Haushalte aus zwei Erwachsenen nur das 1,5-Fache der Schwelle für die Einzelperson beträgt (1468 statt 979 Euro), kommen zusammenlebende Paare leichter darüber hinaus. Falls beide arbeiten gehen, müssen sie jeweils nur 734 Euro nach Hause bringen, um nicht als armutsgefährdet zu gelten.

Allein seit 2008 ist aber die Zahl der Ein-Personen-Haushalte in Deutschland um etwa eine halbe Million oder 3 Prozent gestiegen. Und wo Ehen in die Brüche gehen, wo aus Partnern mit Kindern Alleinerziehende werden, steigt das statistische Armutsrisiko erst recht.

Daneben zeigen andere Untersuchungen interessante Unterschiede zwischen statistisch gemessener und subjektiv empfundener Armut auf. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und das Wissenschaftszentrum Berlin haben dies einmal im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums näher untersucht.

Armut ist politisches Konstrukt

Ergebnis: Von den Erwerbstätigen, deren gemessenes Einkommen unterhalb der statistischen Armutsschwelle lag, empfanden sich weniger als 40 Prozent tatsächlich auch subjektiv als arm. Und unter jungen Menschen, ob Lehrlinge oder Studenten mit Nebenjobs, waren es noch deutlich weniger. Zuweilen ist Armut also offenbar ein statistisch-politisches Konstrukt.

Selbst wenn man die subjektive Seite außen vor lässt und sich allein auf die von der Linkspartei genutzte amtliche Zahlenreihe stützt, lässt sich freilich auch diese völlig anders interpretieren, wie Holger Schäfer von Institut der deutschen Wirtschaft deutlich macht: Bezogen auf die Gesamtbevölkerung, ist damit die Quote der armutsgefährdeten Erwerbstätigen seit 2008 zwar um 0,9 Prozentpunkte auf 4,2 Prozent gestiegen – die Quote der nichtarmutsgefährdeten Erwerbstätigen stieg jedoch zugleich sogar um 1,1 Prozentpunkte auf 44,9 Prozent. Eindeutig rückläufig war auf jeden Fall Anteil derer, die gar keine Erwerbsarbeit hatten.

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