Home
http://www.faz.net/-gqg-11xaj
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arm und reich Die gefühlte Ungerechtigkeit wächst

 ·  Trotz der sich schon anbahnenden Krise schätzten mehr Deutsche im Jahr 2008 ihre wirtschaftliche Lage als gut ein. Doch das Unbehagen über die ungleiche Verteilung wächst. Das zeigt eine neue Studie. Bemerkenswert: Nur etwa die Hälfte aller Befragten glaubt, dass harte Arbeit zu Reichtum führe.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Reichtum und soziale Ungleichheit werden in Deutschland nicht grundsätzlich abgelehnt; allerdings haben viele Deutsche strenge Maßstäbe für eine gerechte Verteilung von Lebenschancen und Geld. So empfinden es 77 Prozent als gerecht, wenn Menschen mit höheren Einkommen bessere Wohnungen haben; 70 Prozent bejahen, dass diese auch höhere Renten beziehen sollen.

Deutlich weniger Menschen befürworten hingegen, dass Besserverdiener ihren Kindern eine bessere Ausbildung ermöglichen können sollen (39 Prozent), mehr politischen Einfluss haben (12 Prozent) oder eine bessere medizinische Versorgung erhalten sollten (13 Prozent). Das sind Ergebnisse einer Studie des Instituts für Gesellschafts- und Politikanalyse der Universität Frankfurt, die Einstellungen zum Reichtum untersucht hat.

Viele sehen einen starken Konflikt zwischen Arm und Reich

Rund vier Fünftel der Befragten (77 Prozent) gaben an, dass es einen starken Konflikt zwischen Arm und Reich in Deutschland gebe, vor zehn Jahren hatten dies nur 55 Prozent bejaht, vor 30 Jahren lag der Anteil bei 67 Prozent. Studienautor Wolfgang Glatzer spricht von einem gewachsenen latenten Spannungspotential, das sich allerdings kaum in sozialen Protesten niederschlage.

Eine Erklärung sieht der Soziologe darin, dass die individuelle Lage häufig anders bewertet werde als die gesellschaftliche Situation. Das könne damit zusammenhängen, dass das Thema heute sehr viel intensiver öffentlich diskutiert werde, seit die Einkommensungleichheiten messbar zunähmen. „Aufgebauscht ist das Phänomen nicht, denn die Menschen fühlen tatsächlich mehr Ungerechtigkeit“, sagt Glatzer.

Nur die Hälfte glaubt: Harte Arbeit führt zu Reichtum

Erstaunlich stabil ist hingegen der Anteil in der Bevölkerung, der seine eigene wirtschaftliche Lage als sehr schlecht einschätzt. Die Forscher bezeichnen dies als strenge subjektive Armutsquote; sie lag 2008 bei 4 Prozent und damit in etwa auf dem Niveau 30 Jahre zuvor. „Die vieldiskutierte Auflösung der Mittelschicht lässt sich ebenfalls nicht feststellen“, sagt Glatzer. Vielmehr nehme seit Jahren der Anteil derer zu, die ihre Lage als gut oder sehr gut einschätzten. 2008 waren dies 56 Prozent der Befragten; 8 Prozent ordneten sich der gehobenen Wohlstandszone zu – gegenüber 2 Prozent zehn Jahre zuvor. Diese wachsende Gruppe gibt auf einer Skala bis 10 die eigene Lebenszufriedenheit durchschnittlich mit 9,1 an, wobei nur 13 Prozent den eigenen Anteil am wirtschaftlichen Leben als ungerecht empfinden. Genau umgekehrt sieht es in der Gruppe aus, die die eigene Lage als schlecht empfindet: Hier liegt die Zufriedenheit nur bei 6,1; 93 Prozent sehen ihr Gerechtigkeitsempfinden als verletzt an.

Nur etwa die Hälfte aller Befragten meinte, dass harte Arbeit zu Reichtum führe. Dagegen gaben 82 Prozent an, gute Beziehungen seien entscheidend, 80 Prozent hielten bessere Ausgangsbedingungen für ausschlaggebend, 68 Prozent Begabung und immerhin 54 Prozent Unehrlichkeit. Die repräsentative Befragung von 5000 Personen wurde im Rahmen des Sozialstaatssurveys für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erstellt und wurde vor Ausbruch der Finanzkrise abgeschlossen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen

Jahrgang 1977, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Alles auf Anfang in der Werbung

Von Julia Löhr

Mit neuer Technik soll Werbung nun endlich die Verbraucher erreichen, zu deren Interessen sie wirklich passt. Aber wenn die Branche es tatsächlich ernst meint mit dem Neuanfang, dann sollte sie damit am besten in den Personalabteilungen beginnen. Mehr 1


Wichtigste Werte
Name Kurs Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --