Reichtum und soziale Ungleichheit werden in Deutschland nicht grundsätzlich abgelehnt; allerdings haben viele Deutsche strenge Maßstäbe für eine gerechte Verteilung von Lebenschancen und Geld. So empfinden es 77 Prozent als gerecht, wenn Menschen mit höheren Einkommen bessere Wohnungen haben; 70 Prozent bejahen, dass diese auch höhere Renten beziehen sollen.
Deutlich weniger Menschen befürworten hingegen, dass Besserverdiener ihren Kindern eine bessere Ausbildung ermöglichen können sollen (39 Prozent), mehr politischen Einfluss haben (12 Prozent) oder eine bessere medizinische Versorgung erhalten sollten (13 Prozent). Das sind Ergebnisse einer Studie des Instituts für Gesellschafts- und Politikanalyse der Universität Frankfurt, die Einstellungen zum Reichtum untersucht hat.
Viele sehen einen starken Konflikt zwischen Arm und Reich
Rund vier Fünftel der Befragten (77 Prozent) gaben an, dass es einen starken Konflikt zwischen Arm und Reich in Deutschland gebe, vor zehn Jahren hatten dies nur 55 Prozent bejaht, vor 30 Jahren lag der Anteil bei 67 Prozent. Studienautor Wolfgang Glatzer spricht von einem gewachsenen latenten Spannungspotential, das sich allerdings kaum in sozialen Protesten niederschlage.
Eine Erklärung sieht der Soziologe darin, dass die individuelle Lage häufig anders bewertet werde als die gesellschaftliche Situation. Das könne damit zusammenhängen, dass das Thema heute sehr viel intensiver öffentlich diskutiert werde, seit die Einkommensungleichheiten messbar zunähmen. „Aufgebauscht ist das Phänomen nicht, denn die Menschen fühlen tatsächlich mehr Ungerechtigkeit“, sagt Glatzer.
Nur die Hälfte glaubt: Harte Arbeit führt zu Reichtum
Erstaunlich stabil ist hingegen der Anteil in der Bevölkerung, der seine eigene wirtschaftliche Lage als sehr schlecht einschätzt. Die Forscher bezeichnen dies als strenge subjektive Armutsquote; sie lag 2008 bei 4 Prozent und damit in etwa auf dem Niveau 30 Jahre zuvor. „Die vieldiskutierte Auflösung der Mittelschicht lässt sich ebenfalls nicht feststellen“, sagt Glatzer. Vielmehr nehme seit Jahren der Anteil derer zu, die ihre Lage als gut oder sehr gut einschätzten. 2008 waren dies 56 Prozent der Befragten; 8 Prozent ordneten sich der gehobenen Wohlstandszone zu – gegenüber 2 Prozent zehn Jahre zuvor. Diese wachsende Gruppe gibt auf einer Skala bis 10 die eigene Lebenszufriedenheit durchschnittlich mit 9,1 an, wobei nur 13 Prozent den eigenen Anteil am wirtschaftlichen Leben als ungerecht empfinden. Genau umgekehrt sieht es in der Gruppe aus, die die eigene Lage als schlecht empfindet: Hier liegt die Zufriedenheit nur bei 6,1; 93 Prozent sehen ihr Gerechtigkeitsempfinden als verletzt an.
Nur etwa die Hälfte aller Befragten meinte, dass harte Arbeit zu Reichtum führe. Dagegen gaben 82 Prozent an, gute Beziehungen seien entscheidend, 80 Prozent hielten bessere Ausgangsbedingungen für ausschlaggebend, 68 Prozent Begabung und immerhin 54 Prozent Unehrlichkeit. Die repräsentative Befragung von 5000 Personen wurde im Rahmen des Sozialstaatssurveys für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erstellt und wurde vor Ausbruch der Finanzkrise abgeschlossen.
Der Schluss der Umfrage
heinz herzing (heinz48)
- 10.02.2009, 20:45 Uhr
