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Arbeitszeitdebatte „Wer krank ist, ist nicht im Urlaub“

20.06.2005 ·  Mit seinem Vorschlag, Krankentage auf den Urlaub anzurechnen, erntet der Handwerks-Präsident Kritik aus allen Parteien. „Irgendwann ist Schluß mit solchem Sozialabbau.“ Nicht jeder sieht das so.

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Seltene Einigkeit: Führende Politiker von Union und FDP sowie von SPD und Grünen lehnen es ab, Arbeitnehmern bei Krankheit den Urlaub zu kürzen. Handwerks-Präsident Otto Kentzler bekräftigte dagegen seine Forderung nach einer Anrechnung von Krankheitstagen auf den Urlaubsanspruch.

„Wir müssen doch in den Betrieben erwirtschaften, (...) daß wir Urlaub bezahlen können“, sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks am Montag im ZDF. CDU-Präsidiumsmitglied Karl-Josef Laumann sagte, in Deutschland gebe es den niedrigsten Krankenstand seit 1970. „Die Debatte erübrigt sich.“ Ähnlich äußerte sich Hessens Ministerpräsident Roland Koch am Rande der Präsidiumssitzung in Berlin. FDP-Chef Guido Westerwelle nannte Kentzlers Vorschlag „nicht sinnvoll“. Er sagte: „Urlaub ist Urlaub und Krankheit ist Krankheit, eine Verrechnung macht keinen Sinn.“

„Damit das wieder aufgeholt werden kann“

Kentzler sagte dagegen, sei ein Arbeitnehmer lange krank, müsse er „seine volle Arbeitskraft wieder der Firma zur Verfügung stellen, damit das wieder aufgeholt werden kann, damit dann auch Urlaub wieder bezahlbar wird“. Der Vorschlag war bereits am Wochenende auf heftigen Widerstand unter anderem bei den Gewerkschaften gestoßen.

Auch die SPD weist die Forderung Kentzlers zurück. Das sei ein „unsinniger Vorschlag“, sagte Finanzminister Hans Eichel am Montag vor einer Sitzung des Parteipräsidiums in Berlin. Er betonte: „Irgendwann ist Schluß mit solchem Sozialabbau.“ Wirtschaftsminister Wolfgang Clement fügte hinzu, so etwas auszuhandeln, wäre allein Sache der Tarifpartner. Der rheinland-pfälzische Regierungschef und SPD-Vize Kurt Beck sprach von einem „aberwitzigen Vorschlag“, der die politische Stabilität und den sozialen Frieden gefährde. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse warnte davor, den Sozialstaat „bis auf das Skelett“ auszehren zu wollen.

„Unsinn, Schwachsinn“

Die Grünen wiesen den Vorstoß Kentzlers als „Unsinn“ zurück. „In einer Zeit, in der es um eine ernsthafte Reform der sozialen Sicherungssysteme geht, ist das Schwachsinn“, sagte Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke am Montag in Berlin. Es könne nicht angehen, daß man Beschäftigten, die krank würden, den Urlaub wegnehme.

Doch es gibt auch Unterstützung für Kentzler, zumindest im eigenen Lager. Auch das Handwerk in Nordrhein-Westfalen ist dafür, Krankheitstage auf Urlaubsanspruch anzurechnen. „Wer bei fünf Millionen Arbeitslosen, zum Teil bedingt durch zu hohe Arbeitskosten, kein Verständnis für die Streichung von bis zu drei Urlaubstagen hat, der verspielt die Zukunftsfähigkeit Deutschlands“, sagte der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Handwerkstags, Wolfgang Schulhoff. „Wir haben so viel Urlaub wie kein anderes Land in Europa“, sagte er weiter. „Wir arbeiten pro Jahr 400 Stunden weniger als die Japaner, 300 weniger als die Amerikaner und 100 weniger als die Schweden.“ Das müsse sich ändern, damit Deutschland international konkurrenzfähig bleibt.

Einzelhandel: Weg mit dem Sonderurlaub

Die Gewerkschaft Verdi hält dagegen: „Der Jahresurlaub ist zur Wiederherstellung der Arbeitskraft und nicht zum Auskurieren von Krankheiten gedacht“, sagte der Vorsitzende Bsirske. Ohnehin hätten die Krankheitszeiten von Arbeitnehmern in Deutschland in einem erschreckenden Maße abgenommen. „Die Menschen sind nicht weniger krank, sondern sie gehen trotz Krankheit zur Arbeit, weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben“, betonte der Verdi-Chef.

Auch der Einzelhandel fordert Änderungen bei den Urlaubsregelungen. „Sonderurlaube sollten komplett gestrichen werden“, sagte der Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hubertus Pellengahr. Zusätzliche Urlaubstage für Hochzeit, Beerdigungen oder Umzüge seien angesichts von 28 bis 30 Tagen Jahresurlaub ein Luxus, den sich die Wirtschaft nicht mehr leisten könne. Ebenso sollten die Brückentage zur Disposition gestellt werden.

Quelle: FAZ.NET mit Material von ddp, dpa, AP
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