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Arbeitszeitdebatte „Das bringt die Menschen auf die Bäume“

13.07.2004 ·  Der Bundeskanzler äußert sich, Angela Merkel natürlich auch, Wirtschaftsforscher tun es und Unternehmen geben laut: Die Debatte um längere Arbeitszeiten bekommt täglich neue Nahrung.

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Die Debatte um längere Arbeitszeiten erhält täglich neue Nahrung. Nach der Einführung der 40-Stunden-Woche in zwei Werken von Siemens wird derzeit auch bei Daimler-Chrysler, Linde und der Deutschen Lufthansa über eine Ausdehnung der Arbeitszeiten gerungen. Wissenschaftler wie auch die Bundesregierung erneuerten unterdessen ihre Warnung vor einer generellen Verlängerung der Wochenarbeitszeit.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat eine Versachlichung der Diskussion um eine längere Wochenarbeitszeit gefordert. Der SPD-Politiker sagte am Dienstag in Stuttgart bei einer Tagung des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), er warne vor jeder Einseitigkeit in der Debatte. „Das bringt die Menschen auf die Bäume.“ Der Bundeskanzler sprach sich erneut für eine Flexibilisierung aus und gegen eine Fixierung auf eine bestimmte Wochenstundenzahl. Durch die Tarifabschlüsse in der jüngsten Vergangenheit sei ein „Maß an betrieblicher Flexibilität“ geschaffen worden.

„Ganze Sauherde durch das Dorf getrieben“

Schröder sagte, er finde es werde ein großer Fehler gemacht, wenn die Diskussion „ideologisch geführt“ werde. Der Vizechef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Otmar Zwiebelhofer, sagte am Rande der Veranstaltung: „Es wird eine ganze Sauherde durch das Dorf getrieben.“ In die Debatte müsse wieder Ruhe einkehren. In Deutschland gebe es ein Kostenproblem. Das könne aber nicht nur durch die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich gelöst werden. „Jeder Einzelfall muß beleuchtet werden.“ Generell zu fordern in Deutschland müsse 50 Stunden in der Woche gearbeitet werden, bringe „uns nicht weiter.“

VDA-Präsident Bernd Gottschalk sprach sich auch für längere Arbeitszeiten und niedrigere Arbeitskosten aus. Zu den von der Daimler-Chrysler-Führung geforderten Einsparungen sagte er, wenn man durch mehr Feiertage in Baden-Württemberg und durch teure Erholzeiten gegenüber norddeutschen Standorten im Nachteil sei, dann sollte man Mittel und Wege finden. Das könne je nach Unternehmen einmal über längere Wochenarbeitszeiten gehen, ein anderes mal über andere Faktoren der Arbeitskosten, wie etwa Schichtzuschläge. „Auch die Streichung des einen oder anderen Urlaubs- oder Feiertages sollte kein Tabu sein; man muß ja nicht gleich in Extreme fallen“, sagte Gottschalk.

"Jede Fixierung führt in die Irre"

"Jede Fixierung führt in die Irre", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg und verwies auf tarifliche Öffnungsklauseln, die flexible Lösungen in Unternehmen möglich machten. Auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel wandte sich gegen politische Forderungen nach einer Anhebung der Arbeitszeit. Dies sei Thema der Tarifpartner. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sieht in ihrem "Beschäftigungsausblick 2004" indes durchaus positive Effekte für die Wirtschaftsentwicklung, wenn länger gearbeitet wird, und verweist auf die Vereinigten Staaten.

"Die Entscheidung über die Ausdehnung der Arbeitszeit muß auf der betrieblichen Ebene getroffen werden", sagte der neue Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, dieser Zeitung. Es sei nicht zielführend, wenn jetzt statt über die 35-Stunden-Woche über eine 42- oder 50-Stunden-Woche debattiert werde. Ob die Beschäftigten länger arbeiten sollten und um wieviel, könne nur in den einzelnen Betrieben festgelegt werden. Das Arbeitszeitgesetz ermögliche bereits einen flexiblen Einsatz der Arbeitszeit, diesen gelte es noch stärker auszuschöpfen als bisher. An der Tatsache, daß Arbeit im Vergleich zum Einsatz von Kapital und zur Auslandsverlagerung günstiger werden müsse, führe allerdings kein Weg vorbei. Die Arbeitszeit sei dabei eine Stellschraube neben Einmalzahlungen und dem Jahresurlaub.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung lehnt pauschale Lösungen ebenfalls ab. Gleichzeitig warnte es vor einem europäischen Arbeitszeit-Wettlauf. "Wenn eine so große Volkswirtschaft wie Deutschland mit dieser Debatte anfängt, kommen die anderen gar nicht umhin, auch an der Arbeitszeitschraube zu drehen", sagte WSI-Tariffachmann Reinhard Bispinck. Es sei falsch, daß Deutschland mit Blick auf die Arbeitskosten und die Arbeitszeit nicht wettbewerbsfähig sei. Seit 1995 stiegen die Lohnstückkosten hierzulande schwächer als in anderen Ländern. Zudem böten die tariflichen Arbeitszeitbestimmungen im internationalen Vergleich hohe Flexibilität. Blicke man auf die tarifvertraglich vereinbarten Wochenarbeitszeiten, so liege Deutschland mit durchschnittlich 37,7 Stunden im westeuropäischen Mittelfeld.

Amerikaner arbeiten länger

Die OECD dagegen kommt in ihrem Beschäftigungsausblick zu dem Ergebnis, daß die Amerikaner ihren wirtschaftlichen Wohlstand vor allem der Tatsache verdanken, daß sie länger arbeiteten als Arbeitnehmer in anderen Ländern. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden je Kopf sei zwischen 1970 und 2002 in den meisten OECD-Staaten gesunken, in Frankreich sogar um 20 Prozent. In Amerika hingegen sei die Arbeitszeit um gut 20 Prozent gestiegen. Im Jahr 2002 habe die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden je Kopf in den Vereinigten Staaten 866 Stunden betragen, im Durchschnitt der 15 Mitgliedsländer der Europäischen Union seien es nur 691 Stunden gewesen.

Die wachsende Kluft zwischen Amerika und Europa erkläre sich zum einen mit dem schnelleren Anstieg der Beschäftigungsquote in den Vereinigten Staaten, vor allem aufgrund eines steigenden Anteils von Frauen an der Zahl der Erwerbstätigen. Zum anderen sei die durchschnittliche Jahresarbeitszeit in den Vereinigten Staaten weitgehend stabil geblieben, während sie im Vergleich in vielen europäischen Ländern, insbesondere Deutschland und Frankreich, durch die kürzeren Wochenarbeitszeiten deutlich gesunken sei.

Das Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen wies darauf hin, daß die OECD die Arbeitszeiten aller Beschäftigten aufführe und nicht nur die Arbeitszeiten der Vollzeitkräfte, um die sich die gegenwärtige Debatte drehe. Betrachte man diese, liege Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Aus Sicht des Instituts wirken kurze Arbeitszeiten als "Produktivitätspeitsche", weil sie die Phantasie anregten, wie in knapper Zeit besser gearbeitet werden könne. Dagegen verführten lange Arbeitszeiten zu "Denkfaulheit".

Quelle: FAZ.NET mit Material von clb./ctg./F.A.Z. und AP
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