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Arbeitszeit Sind 30 Stunden in der Woche genug?

 ·  Linke Politiker und Wissenschaftler fordern die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Eine gute Idee? Und ob, sagt Sahra Wagenknecht. Unternehmerin Lencke Wischhusen findet: was für eine Schnapsidee!

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© Archiv Vergrößern Grund zur Freude oder Idee zum Wegwerfen?

Pro

Schluss mit dem Stress

Von Sahra Wagenknecht

Wer meint, das sei nicht bezahlbar, irrt. Wären die deutschen Reallöhne seit dem Jahr 2000 im Gleichklang mit der Produktivität gewachsen, müssten sie heute um zwölf Prozent höher sein. Eine Variante zur Steigerung der Stundenlöhne ist die Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn. Sie würde nicht nur die Arbeitslosigkeit verringern, sondern vielen Arbeitnehmern auch endlich wieder mehr Freiräume geben, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen.

Höhere Löhne bedeuten nicht automatisch schlechtere Chancen im Export. Früher wurden deutsche Exporterfolge überwiegend durch Qualität erzielt. „Made in Germany“ verkaufte sich nicht, weil es billig, sondern gut war. Es beruhte nicht auf prekärer Beschäftigung, Outsourcing und Leiharbeit, sondern auf hervorragender Ingenieurleistung und gutbezahlter Facharbeit. Mit der Agenda 2010 wurde Deutschland zum Lohndumpingmeister Europas.

Während die Reallöhne in Deutschland sanken, stiegen sie in anderen europäischen Ländern. In Frankreich zwischen 2000 und 2008 um knapp 10 Prozent und selbst in den exportstarken Niederlanden um gut zwölf Prozent. Diese Diskrepanz sicherte der deutschen Exportwirtschaft erhebliche Wettbewerbsvorteile. Auch deshalb erzielte Deutschland zwischen 2001 und 2011 Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von 1,2 Billionen Euro. Aber um welchen Preis? Die innereuropäischen Handelsungleichgewichte eskalierten, und mit ihnen die Außenverschuldung vieler Euroländer. In Deutschland selbst wurde die Verteilung des Wohlstands immer ungleicher. Von der steigenden Wirtschaftsleistung profitierten fast nur noch die Bezieher von Gewinn- und Vermögenseinkommen. Seit dem Jahr 2000 stiegen ihre Einkünfte um 56 Prozent.

Bei der Auseinandersetzung um die 30-Stunden-Woche geht es gar nicht um Arbeitszeiten. Die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahre haben die Arbeitszeit pro Beschäftigten im Durchschnitt dramatisch abgesenkt. Aktuell arbeiten in Deutschland 41,8 Millionen Erwerbstätige knapp 60 Milliarden Stunden pro Jahr. Im Schnitt haben wir also längst die 30-Stunden Woche. Allerdings nicht als ordentliches Vollzeitarbeitsverhältnis, sondern als Ergebnis der wachsenden Zahl von Minijobs, unfreiwilliger Teilzeitarbeit und anderen prekären Beschäftigungsformen. Beim Kampf der Arbeitgeberlobby gegen die 30-Stunden-Woche geht es also in Wahrheit um die Höhe der Löhne.

Die 30-Stunden-Woche würde die Benachteiligung der Beschäftigten ausgleichen und die üppigen Gewinnmargen verringern. Das wäre dringend notwendig. Trotz extrem hoher Gewinne sind die Investitionen in Deutschland seit Jahren kümmerlich. Der einst entscheidende Wettbewerbsvorteil der deutschen Industrie, über einen der modernsten und produktivsten Kapitalstöcke zu verfügen, ist so nicht zu halten. Die Verbilligung der Produktion durch sinkende Löhne erweist sich damit als gefährliches Ruhekissen. Nachhaltiger Erfolg muss durch überlegene Qualität und steigende Produktivität erwirtschaftet werden, wenn es nicht ein böses Erwachen geben soll.

Contra

Karneval ist vorbei

Von Lencke Wischhusen

Als zum Anfang vergangener Woche der Aufruf von Wissenschaftlern, Gewerkschaftern und Politikern zur Einführung einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich erschien, hätte man meinen können, es handele sich um einen Karnevalsscherz.

30-Stunden-Woche? Da war doch mal was? Richtig! In den 1980er Jahren hatte es zur Einführung der 35-Stunden-Woche eine lange Debatte gegeben. Zuletzt, Anfang der 2000er Jahre, ist die IG Metall mit diesem Projekt in Ostdeutschland mächtig auf die Nase gefallen. Warum soll heute etwas funktionieren, was gestern schon einmal grandios gescheitert ist?

Mit ihrem Aufruf suggerieren die Befürworter, dass die deutsche Wirtschaft mit einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich nichts an ihrer Wettbewerbsfähigkeit einbüßen würde. Zugleich wird argumentiert, dass man mit der frei werdenden Arbeitszeit die drei Millionen Erwerbslosen in den Arbeitsmarkt integrieren könnte. Hurra, wir hätten Vollbeschäftigung!

Genial einfach - einfach genial? So einfach ist es bei weitem nicht. 75 Prozent Arbeitszeit bei 100 Prozent Lohn katapultiert die Lohnkosten für die Unternehmen von heute auf morgen um 25 Prozent nach oben. Natürlich würde dies die Wettbewerbsfähigkeit unserer gesamten Wirtschaft sofort drastisch verschlechtern. Schon heute zählt Deutschland bei den Lohnkosten zur europäischen Spitzengruppe. Eine zusätzliche Verteuerung des Faktors Arbeit müsste durch eine noch viel höhere Effizienz der Arbeitnehmer ausgeglichen werden. Hier würden Arbeitsplätze vieler Geringqualifizierter und jener im Bereich einfacher Tätigkeit sofort unrentabel - und dann gestrichen. Also jener Gruppe, die man mit dem Vorschlag vermeintlich stärken möchte.

Auf den zweiten Blick wird auch deutlich, dass eine Arbeitszeitverkürzung bei den Erwerbstätigen definitiv nicht zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit dient. In den letzten Jahren konnten durch die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt viele in das Berufsleben integriert werden. Bei den noch verbleibenden drei Millionen Arbeitssuchenden bedarf es weiterhin großer Anstrengungen. Hier fehlt es aber vor allem an der Qualifikation. Es ist daher ein absoluter Irrglaube, man könne diese Arbeitslosen da einsetzen, wo hochqualifizierte Ingenieure oder Ärzte künftig ein Viertel ihrer Arbeitszeit reduzieren sollen. Sehr viel eher würde die Einführung einer 30-Stunden-Woche zu einer Verschärfung des Fachkräfteengpasses führen, als die Not der Arbeitslosen zu lindern.

Da sind wir auch schon beim eigentlichen Problem auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Wie gehen wir mit dem demographischen Wandel und dem Fachkräftemangel um? Statt eine ideologische Debatte über die 30-Stunden-Woche zu führen, haben die Unternehmen schon längst erkannt, dass der Schlüssel für die Fachkräfte- und Mitarbeitergewinnung unter anderem bei einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung liegt. Verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder von Pflege und Beruf sind hier die Stichworte.

Familienunternehmer sind beispielsweise schon lange dafür bekannt, betriebliche Bedürfnisse einerseits und die Wünsche der Mitarbeiter andererseits gut aufeinander abzustimmen. Wieder einmal zeigt sich, dass die betriebliche Praxis schon viel weiter ist, als manche denken, und dass Flexibilität in den Unternehmen besser ist als starre Vorgaben per Gesetz.

Wenn selbst diejenigen aus den Gewerkschaften und der Wissenschaft, die sonst immer gern für mehr Umverteilung zu haben sind, bei dem Vorschlag verächtlich die Nase rümpfen, wird schnell klar, dass die 30-Stunden-Woche nur noch für Traditionsabende ehemaliger Klassenkämpfer taugt. Uns allen ist wohl klar, dass die Forderung die Realität völlig außer Acht lässt.

Die Autoren des Aufrufes jedenfalls können von sich behaupten, eine Idee gehabt zu haben. Ja, eine Schnapsidee zur Karnevalszeit. Jetzt aber ist nüchterne Fastenzeit.

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