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Arbeitsmarktpolitik Mindestlohn sticht Aufstiegschancen

23 Prozent der deutschen Arbeitnehmer verdienen derzeit so wenig, dass ihrem Einkommen das Etikett „Armutslohn“ anhaftet. Das ist eine scheinbar klare Zahl. Und doch ist gar nicht so klar, was sie bedeutet.

© dpa Vergrößern Wohin geht die Fahrt auf dem Arbeitsmarkt? Taxifahrer protestieren in Berlin für einen gesetzlichen Mindestlohn

Der Anteil der Niedriglöhne ist in Deutschland vergleichsweise hoch. Diese Feststellung ist unter den Parteien unstrittig, und für Arbeitsmarktforscher gilt das im Grundsatz auch - mindestens für diejenigen, die Stundenlöhne von weniger als 10 Euro für Niedriglöhne halten. Denn etwa dieser Wert markiert nach gängiger Definition die sogenannte relative Armutsschwelle. 23 Prozent der deutschen Arbeitsplätze verdienen nach diesem Maßstab derzeit das Etikett „Armutslohn“.

Das ist eine scheinbar klare Zahl. Und doch ist gar nicht klar, was sie bedeutet. Vor zehn Jahren war der so gemessene Anteil der Niedriglöhner zwar um drei Prozentpunkte geringer - die Arbeitslosenquote allerdings um drei Prozentpunkte höher. Die Bundesregierung hat in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht dazu etwas unschlüssig festgestellt: Einerseits seien „Löhne, die nicht mehr ausreichen, um den Lebensunterhalt selbst in Vollzeitbeschäftigung zu sichern, kritisch zu sehen“. Andererseits habe „der Niedriglohnsektor wesentlich zum Beschäftigungsaufbau beigetragen und vielen Geringqualifizierten eine Chance gegeben“.

Kein Aufstieg aus dem Niedriglohnsektor

Der Brennpunkt aller Arbeitsmarktpolitik ist umso mehr die Frage, ob und in welchem Ausmaß es diese Chancen wirklich gibt. Der von Gewerkschaften, SPD, Grünen und Linkspartei stets erhobene Vorwurf lautet, dass nach den Reformen der Agenda 2010 zwar etliche Arbeitslose in den Niedriglohnsektor gekommen seien - doch anstatt weiter aufzusteigen, steckten sie dort nun perspektivlos fest. Und tatsächlich ist der Vorwurf für einen erheblichen Prozentsatz der Betroffenen schwer zu widerlegen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hat dazu mit einer Stichprobe die rund 1,3 Millionen Erwerbstätigen untersucht, die ergänzend zu ihrem Arbeitslohn staatliche Einkommensaufstockung beziehen. Ergebnis: Von denjenigen, die 2010 aufgestockt hatten, taten 61 Prozent dies auch 2011 noch immer. 22 Prozent waren nach einem Jahr wieder arbeitslos. Nur 17 Prozent hatten den Ausstieg aus Hartz IV geschafft.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die Aufstiegschancen kürzlich etwas günstiger bewertet. Anstelle der Aufstocker hat es das unterste Fünftel der Einkommensskala in Deutschland untersucht. Von den betroffenen Personen konnte etwa jede vierte diese Einkommenszone binnen eines Jahres wieder verlassen. Allerdings: Von denjenigen, die im Jahr 2005 zum untersten Fünftel zählten, hatten 17 Prozent selbst sechs Jahre später noch keinen Aufstieg geschafft.

In jedem Fall aber bleibt es eine politische Schlüsselfrage, wie sich Aufstiegschancen sichern und verbessern lassen. Immerhin würde Niedriglohnarbeit einen Teil ihres Schreckens verlieren, wenn jeder einzelne Niedriglöhner zuversichtlich sein könnte, dass er sehr bald wieder eine höher bezahlte Arbeit hat. Ebenso wäre die viel diskutierte Gefahr massenhafter Altersarmut entschärft, wenn sich die Tätigkeit im Niedriglohnsektor für jeden Einzelnen höchstens auf kurze Episoden des Erwerbslebens beschränkt.

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