22.05.2007 · Der Zeitarbeit haftet in Deutschland noch immer etwas Unanständiges an. Den Markt stört das wenig: Er wächst und wächst. Zwei Drittel der Leiharbeiter waren vorher arbeitslos.
Von Sven AstheimerDer Markt für Zeitarbeit in Deutschland ist im vergangenen Jahr deutlich gewachsen. Das Marktvolumen stieg um 22 Prozent auf 10,5 Milliarden Euro. Die größten 25 Unternehmen der Branche steigerten ihren Umsatz im Durchschnitt sogar um mehr als 43 Prozent. Von dem hohen Bedarf nach Zeitarbeitnehmern profitierten zunehmend auch Langzeitarbeitslose, während der Anteil von Akademikern und Absolventen einer Ausbildung auf Grund der verbesserten Arbeitsmarktsituation sank. Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie des Marktforschungsinstitutes Lünendonk, die am Dienstag in Frankfurt vorgestellt wurde.
Auch für die Zukunft sind die Zeitarbeitgeber demnach optimistisch. Für das laufende Jahr rechnen die mehr als 70 befragten Unternehmen mit einem Plus von fast 27 Prozent. Der deutsche Zeitarbeitsmarkt war lange Zeit gesetzlich streng reguliert und gilt im europäischen Vergleich nach wie vor als unterentwickelt, obwohl im laufenden Jahr erstmals die Zahl von mehr als 600.000 Beschäftigten im Jahresdurchschnitt erreicht werden dürfte. Damit hat die Zeitarbeit einen wesentlichen Anteil am derzeitigen Beschäftigungsaufbau. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sorgt das Geschäft mit der Arbeitnehmerüberlassung für jeden dritten neuen Arbeitsplatz.
Zwei Drittel waren vorher arbeitslos
Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag bekanntgab, stieg nach vorläufigen Berechnungen die Erwerbstätigkeit im ersten Quartal 2007 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fast 570 000 Personen oder 1,5 Prozent auf rund 39,0 Millionen. Auch um jahreszeitliche Einflüsse bereinigt, legte die Zahl der Erwerbstätigen noch um 0,4 Prozent zu. Neben dem Baugewerbe (plus 3,3 Prozent) trägt weiterhin der Dienstleistungsbereich (plus 1,7 Prozent), zu dem auch die Zeitarbeit zählt, maßgeblich zum Anstieg der Erwerbstätigkeit bei.
Laut der Lünendonk-Studie kamen zwei Drittel der Zeitarbeitnehmer aus der Arbeitslosigkeit. Dabei sticht besonders der gestiegene Anteil von Langzeitarbeitslosen (länger als ein Jahr) um 4 Punkte auf 16 Prozent hervor. Der Anteil des Personals mit Berufsausbildung sank dagegen im Vorjahresvergleich von 68 auf 64 Prozent. Während im Helferbereich für einfache Tätigkeiten noch genügend Arbeitskräfte zu bekommen seien, mache sich der Fachkräftemangel bei den qualifizierten Tätigkeiten bereits bemerkbar, sagte Lünendonk-Geschäftsführer Hartmut Lüerßen. „Die Unternehmen können manche Geschäfte nicht machen, weil ihnen das Personal dazu fehlt.“ Deshalb sehen die Unternehmen die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter auch als eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft an.
Vor allem in der Produktion eingesetzt
Die Industrie ist nach wie vor der mit Abstand wichtigste Kunde der Branche und sorgt für jeden zweiten Zeitarbeitsplatz. Eingesetzt werden Zeitarbeiter dort vor allem in der Produktion, aber auch für IT- und Büro-Service. Als größtes Hindernis sehen die Marktteilnehmer das Preisdumping an. Mit diesem Argument fordern die Branchenarbeitgeberverbände BZA und IGZ von Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD), dass dieser ihren mit den DGB-Gewerkschaften ausgehandelten untersten Tariflohn von derzeit 7,38 Euro allgemeinverbindlich erklärt. Die Aktivitäten der Gewerkschaften sehen die Zeitarbeitsfirmen als zweiten wichtigen Behinderungsgrund an, was laut Lüerßen vor allem auf die Kampagne der IG Metall zur Eindämmung der Zeitarbeit zurückzuführen ist.
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- 23.05.2007, 00:30 Uhr
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Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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