02.01.2012 · Im Jahr 2011 wurden fast dreimal so viele Stellen neu geschaffen wie gestrichen. Tendenz steigend. In einigen Regionen und Branchen herrscht großer Fachkräftemangel.
Von Georg Giersberg, FrankfurtRekorde am Arbeitsmarkt - das sind heute richtig gute Nachrichten. Jahrelang war der einzige Rekord die Höhe der Arbeitslosenzahlen. Heute sind die Einstellungen rekordverdächtig. In diesem Jahr sind mehr neue Stellen in deutschen Unternehmen geschaffen worden als vor der Krise (siehe Grafik). Das geht aus der Auswertung des F.A.Z.-Archivs hervor, in die alle öffentlich bekannt gemachten Einstellungen und Entlassungen einfließen, soweit sie mehr als 100 Personen betreffen. In diesem Jahr sind von Großunternehmen fast 90.000 Mitarbeiter eingestellt und „nur“ 35.000 freigesetzt worden. Eine so gute Relation - auf jeden entlassenen Mitarbeiter kommen fast drei Einstellungen - gab es seit 2005 nicht, dem Beginn dieser Erhebung. Zu dem gleichen Ergebnis kommt auch der ebenfalls seit 2005 berechnete Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit. Er hat im November mit 179 Punkten den höchsten Stand seit 2005 erreicht.
Die zahlreichen Meldungen über Fachkräftemangel aus den Unternehmen, den Verbänden und der Politik kommen dennoch einigen Bewerbern wie Meldungen aus einer anderen Welt vor. Noch immer gibt es junge Studienabsolventen, die 40 Bewerbungen versenden und keine einzige Einladung zu einem Bewerbungsgespräch erhalten. Die Klage über den Fachkräftemangel trifft denn auch nur generell zu, nicht für jede Branche, nicht für jedes einzelne Unternehmen und nicht für jede Region.
Bei immer noch knapp zwei Millionen Arbeitslosen gibt es in vielen Bereichen natürlich auch Stellenknappheit. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes kommen noch immer auf jede offene Stelle mehr als fünf Arbeitslose. In bestimmten Bereichen sieht es aber schon ganz anders aus. In Baden-Württemberg kommen auf jede offene Stelle nur noch 1 bis 2,6 Bewerber. Für Arbeitsmarktexperten ist ein Verhältnis von 1 zu 3 ausgewogen. Nach dieser Definition herrscht im Südwesten eindeutig Arbeitskräftemangel. Aber es gibt auch absolute Knappheit. Auf 100 offene Krankenpflegerstellen kommen nur noch 85 Suchende. Hier gibt es also einen absoluten Fachkräftemangel.
Der lässt sich selbst bei Ingenieuren nicht so exakt feststellen, die immer als Beispielgruppe für den Fachkräftemangel herhalten müssen. Rein statistisch kommen auch bei Ingenieuren noch immer 130 Arbeitssuchende auf 100 offene Stellen. Bricht man die Zahlen auf die vor allem gesuchten Ingenieure für Maschinen- und Fahrzeugbau runter, dann lautet die Relation nur noch 117 Suchende auf 100 offene Stellen. Nach der Definition der Arbeitsmarktexperten ist das Arbeitskräftemangel, zumal dann, wenn man bedenkt, dass die 18.000 immer noch als arbeitslos registrierten Ingenieure vielfach entweder am falschen Ort leben, die falsche Ausbildung haben oder so lange aus dem Beruf heraus sind, dass sie nicht mehr eingestellt werden können.
„Wer schon älter und eineinhalb Jahre aus dem Beruf raus ist, gibt sich oft auf und braucht mindestens sechs Monate, um wieder richtig einsatzfähig zu sein“, sagt Jürgen Dawo, Geschäftsführer der Baufirmenkette Town & Country Franchise-International GmbH im thüringischen Hörselberg-Hainich bei Eisenach. Dawo leitet eine Gruppe von Bauunternehmen, die insgesamt 1000 Mitarbeiter beschäftigen. „Für Fachkräfte gab es früher 10 bis 15 Bewerber auf eine Stelle, heute einen oder gar keinen“, ist Dawos Erfahrung. Dawo sucht erstens Ingenieure und zweitens in einer ländlichen Gegend.
Bauingenieure als Bauleiter seien kaum noch zu bekommen, da müsse man heute auf gut ausgebildete Gesellen und Meister zurückgreifen. „Und dabei fängt das demographische Problem doch gerade erst an. Es ist der Tag absehbar, wo der Einstellende den Bewerber nicht mehr fragt, warum er ihn einstellen soll, sondern wo der einzige Bewerber fragt: Warum soll ich bei Ihnen anfangen?“, ist Dawo überzeugt. Er geht davon aus, dass die Einstiegsgehälter für junge Absolventen in den kommenden Jahren stark steigen werden.
„Der Ingenieurengpass wirkt sich deutlich auf die Lohn- und Gehaltsstruktur in der deutschen Wirtschaft aus“, glaubt auch Willi Fuchs, Direktor des VDI Vereins Deutscher Ingenieure. Dabei verdienen Ingenieure bei Berufseintritt mit durchschnittlich 41.150 Euro schon heute deutlich mehr als andere Akademiker. Das ist bereits Folge dessen, dass in Deutschland so viele Ingenieure gesucht werden wie noch nie, auch wenn die Nachfrage im November (Dezemberzahlen liegen noch nicht vor) konjunkturbedingt leicht auf knapp 97.000 gesunken ist. Diesen offenen Ingenieurstellen stehen 18.000 arbeitslose Ingenieure gegenüber. Die Lücke von knapp 79.000 Ingenieurstellen wäre selbst dann nicht zu füllen, wenn alle Hochschulabgänger ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge eingestellt würden. Gesucht werden allein 33.000 Ingenieure der Fachrichtungen Maschinen- und Fahrzeugbau, aber auch mehr als 19.000 Elektroingenieure.
Immer mehr Unternehmen, darunter auch viele kleine und mittelständische Betriebe wie Town & Country, werben für sich als Arbeitgeber auf sogenannten Ausbildungsmessen. Allein auf den vom VDI ausgerichteten Jobmessen hat sich binnen eines Jahres die Zahl der um junge Ingenieure werbenden Unternehmen von 332 auf 601 fast verdoppelt. Weil die Nachfrage so hoch sei, wird man die Zahl der Veranstaltungen im kommenden Jahr von 14 auf 19 erhöhen. So sei der Wunsch nach einer solchen Recruitingveranstaltung von den Autozulieferern im Raum Ulm und von der IT-Branche im südhessischen Darmstadt so stark gewesen, dass man dort Veranstaltungen plant.
Dazu passt, dass die jüngste gute Nachricht von dem Autohersteller Audi (F.A.Z. vom 28. Dezember) kam, der zusätzlich zu den in diesem Jahr 1350 neu geschaffenen Stellen allein in Deutschland weitere 1200 Stellen schaffen will. Zählt man die mehr als 2000 Einstellungen in Ungarn, China und Belgien mit hinzu, dann hat Audi in diesem Jahr 3500 Mitarbeiter eingestellt und will im kommenden weitere 1200 an sich binden.
Mit der Produktion hierzulande wächst auch die Forschung. Die Fraunhofer-Gesellschaft hat kurz vor Weihnachten angekündigt, im kommenden Jahr 1150 zusätzliche Stellen zu schaffen. Im ausgehenden Jahr 2011 haben die Fraunhofer-Institute 800 zusätzliche Ingenieure und Naturwissenschaftler eingestellt - neben jenen 700, die ausscheidende Mitarbeiter ersetzt haben. Das Wachstum von Fraunhofer wird zwar auch durch öffentliche Förderung finanziert, vor allem aber durch Aufträge aus der Wirtschaft. Rechnet man zu den fehlenden Ingenieuren die gesuchten 50.000 Datenfachleute, die 33.500 Techniker und die gut 4000 Naturwissenschaftler hinzu, die sofort eingestellt würden, dann fehlen allein in den sogenannten Mint-Fächern Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik mehr als 150000 Fachkräfte hierzulande. Diese Zahl hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt.
Aber auch bei Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern steigt der Bedarf. Der Einzelhandel sucht händeringend junge Nachwuchsführungskräfte, die schon nach wenigen Jahren eine Filiale selbständig leiten. Im schlechten Image des Handels, das von Niedriglöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen geprägt ist, sieht auch der künftige Vorstandsvorsitzende der Metro, Olaf Koch, eine große Herausforderung für die kommenden Jahre. Wenn die Branche gute Leute bekommen wolle, müsse sie ihr Image verbessern - und wahrscheinlich auch die Gehälter. Der Handel insgesamt sucht derzeit 15.000 Führungskräfte. „Uns fehlt der unternehmerische Nachwuchs“, beklagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE, Stefan Genth. Der Anteil der Hochschulabsolventen an den Beschäftigten liege mit weniger als 10 Prozent viel zu niedrig im Vergleich mit anderen Branchen.
In einer werden derzeit gerade viele Mitarbeiter entlassen und Stellen gestrichen. Wie eng Freud und Leid beieinander liegen können, zeigen die Banken. Die Deutsche Bank lockt junge Hochschulabsolventen zu Kennenlern-Dinners in teure Restaurants. Gleichzeitig ist die Finanzbranche jener Bereich, der vor allem durch Stellenstreichungen von sich reden macht. In einer Sondertabelle sind die von Banken angekündigten Stellenstreichungen zusammengefasst. Allein die aufgeführten Personalmaßnahmen mit jeweils mehr als 500 betroffenen Personen addieren sich für das laufende Jahr auf einen Arbeitsplatzabbau im Finanzsektor von etwa 150.000 Stellen mit Schwerpunkt in London und New York. Allerdings sind davon auch deutsche Institute betroffen, vor allem die Westdeutsche Landesbank, seit die Zerschlagung der einst großen Bank von der EU genehmigt worden ist (F.A.Z. vom 21. Dezember). Zu den aufgeführten Unternehmen kommen all jene hinzu, die unterhalb der erfassten Schwelle von 500 Personen entlassen.
Die Banken nehmen mit ihren Stellenstreichungen eine Sonderstellung ein. Die Aussichten für Beschäftigte werden insgesamt immer besser. Für das kommende Jahr erwarten die Experten, dass sich die Schere zwischen Einstellungen und Entlassungen weiter zugunsten der Einstellungen öffnet.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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