24.08.2008 · Für die Gewerkschaften gibt es zwei Sorten Zeitarbeitsunternehmen: gute und böse. Die einen verdammen sie als moderne Sklaverei, die anderen feiern sie als Arbeitsplatzmaschine. Die Lebenswirklichkeit der Zeitarbeiter ist aber viel komplexer.
Von Henrike Roßbach, Karlsruhe/WörthWolfgang R. ist Realist. „Ich bin seit neun Jahren Leiharbeiter“, sagt der Einundfünfzigjährige mit dem rotblonden Haarschopf, „sonst wäre ich seit neun Jahren arbeitslos.“ Er spricht mit saarländischem Einschlag, ruhig und unaufgeregt. Er erzählt von sich, seinen Erfolgen und Enttäuschungen auf dem Arbeitsmarkt und erweckt dabei durchaus den Eindruck, als sei er mit sich und seiner Situation im Reinen. „Ich komm' damit zurecht“, sagt er, „ich krieg' 10 Euro in der Stunde und 20 Euro Fahrgeld, das ist nicht ganz schlecht.“
Bei fünf Zeitarbeitsunternehmen war der gelernte Schlosser schon angestellt; ausgeliehen wurde er an rund 25 Betriebe. Seit 16 Monaten arbeitet er in einem saarländischen Metallbetrieb, zu dessen Belegschaft viele Zeitarbeiter gehören. „Mein Chef behandelt mich fair“, sagt Wolfgang R. Eine Lohnerhöhung habe er ausgehandelt, von 10 auf 11 Euro in der Stunde. „Man muss nur ein bisschen Mut haben“, sagt er. „Ich kenne meine Pflichten, ich kann jeden Morgen aufstehen. Aber ich kenne auch meine Rechte.“ Sicher, eine feste Anstellung hätte er schon gerne. „Aber ich bin schon über fünfzig.“
Der „Mensch zweiter Klasse“
Die Zeitarbeit ist eine schwierige Branche. Die einen verdammen sie als moderne Sklaverei, die anderen feiern sie als Arbeitsplatzmaschine. Doch es ist kaum möglich, die Welt der Zeitarbeiter in eindeutige Kategorien einzuteilen. Das hat auch Michael Sommer, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), erlebt. Er widmete seine diesjährige Sommerreise der Zeitarbeit. Die Bösen und die Guten, schwarz und weiß, sollten ihren Auftritt haben. Tatsächlich aber erlebte Sommer jede Menge Grau, mal heller, mal dunkler schattiert.
Peter H. aus Thüringen zum Beispiel. Der 57 Jahre alte Gas-Wasser-Installateur mit dem schwarzen Vollbart und dem Pferdeschwanz ist seit zehn Jahren Zeitarbeiter. In Westdeutschland bekomme er mit 9,48 Euro in der Stunde 4 bis 5 Euro weniger als seine festangestellten Kollegen, im Osten beträgt die Differenz 2 Euro. Manchmal ließen sie ihn auf den Baustellen schon spüren, dass er ein „Mensch zweiter Klasse“ sei, sagt er. Aber in vielen kleinen Handwerksbetrieben in Thüringen sei eine Anstellung prekärer als in einem Zeitarbeitsunternehmen. Vor diesem Hintergrund empfindet er die Zeitarbeit für sich persönlich als keine so schlechte Sache. Sorgen macht sich Peter H., der Betriebsrat in seinem Unternehmen ist, eher um die jungen Menschen, die kaum Alternativen zur Zeitarbeit hätten und zusätzlich noch zu niedrig eingruppiert würden.
Den Gewerkschaften hat der Boom nie geschmeckt
Oder Uwe H. Er ist erst recht der Falsche, um die Zeitarbeit in den schwärzesten Farben zu schildern. Im Gegenteil: Der Mannheimer ist seit 25 Jahren Zeitarbeiter. Aus freien Stücken, wie er betont. Der Elektriker mit dem Schnurrbart und der Lesebrille wollte herumkommen, wählte deshalb die Montage und eine „Leasingfirma“, wie er die Zeitarbeitsbetriebe stets nennt. „Ich habe kein Haus, kein Auto, keine Schulden, aber eine gesunde Familie“, sagt er. „Und mein Beruf ist mein Hobby.“ Es werde immer nur darauf geschaut, wie sich die Ent- und Verleihfirmen benähmen, kritisiert er. Manche Zeitarbeiter vergäßen jedoch, morgens in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen, wie sie selbst sich verhielten. Er jedenfalls habe sich in zwei Jahren von 7,90 auf 11 Euro in der Stunde hochgearbeitet und sei „rundum zufrieden“.
Im Jahr 2007 gab es nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit rund 715.000 Zeitarbeitnehmer in Deutschland. Zum Stichtag 31. Dezember registrierte die Nürnberger Behörde mehr als 21.200 Verleihbetriebe, ein knappes Drittel von ihnen beschäftigte jedoch weniger als 10 Zeitarbeiter. Den Gewerkschaften hat der Boom der Zeitarbeit, der nach der Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes einsetzte, nie geschmeckt - auch, weil es sich als extrem schwierig erwies, die wachsende Zahl der Arbeitsnomaden gewerkschaftlich zu organisieren.
Ein missbräuchliches Hintertürchen
Mittlerweile allerdings scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass es wenig bringt, die Beschäftigungsform als solche grundsätzlich zu verdammen. Armin Schild etwa, Leiter des IG-Metall-Bezirks Frankfurt, sagt von sich, er gehöre zu denen, die Zeitarbeit intelligent nutzen wollten. Nicht intelligent findet er, wenn Zeitarbeiter „billige Hansel sind, die unter dem Hochofen das giftige Zeug wegputzen und die man dann wegschmeißt“. Doch im Fall von Auftragsspitzen, Krankheit oder Urlaub halten mittlerweile viele Funktionäre die Zeitarbeit für sinnvoll. „Es geht nicht darum, die Zeitarbeit schlechtzumachen“, sagt DGB-Chef Sommer.
Nur die herrschenden Bedingungen passen den Arbeitnehmervertretern in vielerlei Hinsicht nicht. Ein Dorn im Auge sind den DGB-Gewerkschaften vor allem die Christlichen Gewerkschaften, die sowohl einen niedrigeren Flächentarifvertrag für die Zeitarbeit abgeschlossen haben als auch teilweise noch niedrigere Haustarifverträge. In Deutschland gilt, dass Zeitarbeiter genauso bezahlt werden müssen wie die Stammbelegschaft - es sei denn, es gibt einen Tarifvertrag für sie.
Die günstigeren Tarifverträge der Christlichen sieht die DGB-Seite vor diesem Hintergrund als missbräuchliches Hintertürchen, das direkt in die Ausbeutung führe. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit plus einen Zeitarbeitsmindestlohn lautet deshalb die Forderung. „Schmutzbeseitigung“ nennt Sommer das. „Dazu brauchen wir politischen Geleitschutz“, verlangt Schild. Den aber verweigert zumindest die Union - noch.
Saubere Zeitarbeit bei Mercedes-Benz
Dass es auch „weniger schmutzig“ geht, dass es eine saubere Zeitarbeit gibt, wollte Sommer im rheinland-pfälzischen Wörth besichtigen. Das dortige Mercedes-Benz-Lkw-Werk beschäftigt rund 11.000 Mitarbeiter, darunter 900 Zeitarbeiter. Die Zeitarbeit bräuchten sie, sagt Werkleiter Martin Daum, um massive Schwankungen aufzufangen. Manchmal bestehe Reaktionsbedarf über Nacht. Zum Großteil kommen die Mercedes-Zeitarbeiter von der Gabis GmbH, einer gemeinnützigen Arbeitnehmerüberlassung aus Speyer, zu deren Gesellschaftern kirchliche Einrichtungen, der DGB und die Stadt Speyer gehören. Zwar muss Gabis kostendeckend arbeiten, Gewinn muss aber nicht herauskommen - das unterscheidet den Betrieb von anderen, nicht gemeinnützigen Verleihfirmen.
Wer als Zeitarbeiter bei Gabis arbeitet, verdient nach dem Tarif des Unternehmens, in dem er eingesetzt wird. Im Fall des Mercedes-Benz-Werks sind das 15,98 Euro. Auf Weihnachts- und Urlaubsgeld müssen die Zeitarbeiter allerdings verzichten. Im Schnitt hat das Werk in Wörth seit 2003 etwas mehr als die Hälfte seiner Zeitarbeiter in eine - zunächst befristete - Anstellung übernommen, viele ohne Ausbildung. Neue Mitarbeiter werden mittlerweile zu 90 Prozent über die Zeitarbeit rekrutiert. In Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und ohne prosperierende Großkonzerne - samt starker Betriebsräte - dürfte es Gabis jedoch schwer haben gegenüber anderen, gewinnorientierten und billigeren Zeitarbeitsunternehmen.
Zeitarbeit beläßt die externe Kosten bei der Gesellschaft
Paul Rabe (heidelpaul)
- 25.08.2008, 12:16 Uhr
Zeitarbeit ...
Martin Buchwald (Denken)
- 25.08.2008, 15:43 Uhr
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