18.10.2004 · Zu den 30.000 Stellen, die deutsche Unternehmen in diesem Jahr abbauen wollen, kommen nun noch Tausende von Opel und Karstadt hinzu. Dennoch gibt es auf dem Arbeitsmarkt gerade kleine Zeichen der Besserung.
Schon vor den Sanierungsbeschlüssen bei Opel und Karstadt-Quelle hatten bekannte deutsche Unternehmen in diesem Jahr angekündigt, mehr als 30.000 Arbeitsplätze abzubauen. Opel mit knapp 10.000 Stellen bis 2005 und Karstadt-Quelle mit 5500 Stellen bis 2007 fügen dieser Zahl noch einmal rund die Hälfte dazu.
Der seit Jahresbeginn insgesamt angekündigte Abbau von mehr als 45.000 Stellen, der nur teilweise mit betriebsbedingten Kündigungen einhergehen soll, fällt paradoxerweise in eine Zeit, in der es am deutschen Arbeitsmarkt kleine Zeichen der Besserung gibt.
Zuwachs an Arbeitsplätzen
Die Zahl der Erwerbstätigen lag im zweiten Vierteljahr um 65.000 über dem Vorjahresquartal, wie die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in europäisch harmonisierter Form zeigt. Die saisonbereinigte Analyse der Deutschen Bundesbank bestätigt, daß sich, bedingt auch durch die konjunkturelle Belebung, die Erwerbstätigkeit im ersten Halbjahr ein wenig erholt hat. Die Zahl der Erwerbstätigen ist danach von Januar bis Juli um durchschnittlich 446 je Tag gestiegen. Im vergangenen Jahr war sie noch um 438 je Tag gesunken.
Die leichte Aufwärtsbewegung der Erwerbstätigkeit reicht freilich nicht aus, die Probleme am Arbeitsmarkt zu lösen. Die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Arbeitslosen steigt weiter und schneller - in den ersten neun Monaten des Jahres um durchschnittlich 686 je Tag, legt man die saisonbereinigten Zahlen der Bundesbank zugrunde. Das leichte Plus der Erwerbstätigkeit verdeckt zudem, daß ein großer Teil der neuen Erwerbstätigen in Mini-Jobs und Ich-AG Beschäftigung findet. Dies ist für sich genommen kein Signal für eine konjunkturelle Erholung, wohl aber ein Zeichen neu gewonnener Flexibilität am Arbeitsmarkt.
Managementfehler und Sonderfälle
Üblicherweise läuft die Entwicklung am Arbeitsmarkt der Konjunktur mit einer Verzögerung von mehreren Monaten hinterher. Es liegt deshalb nahe, die Entlassungen bei Opel und Karstadt-Quelle als Spätfolge der schlechten Konjunktur zu sehen. Arbeitsmarktexperten sprechen dennoch überwiegend von Managementfehlern und Sonderfällen, die nur teilweise auf die schlechte Wirtschaftsentwicklung in den vergangenen Jahren zurückgeführt werden können.
Die Fälle Opel und Karstadt-Quelle ließen sich auch nicht mit dem Strukturwandel in der deutschen Wirtschaft erklären, meint Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). "In beiden Fällen handelt es sich um Branchen, die bisher nicht so wie andere für den Abbau von Arbeitsplätzen gestanden haben."
Von der Produktion zu den Dienstleistungen
Tatsächlich hat der Strukturwandel den Arbeitsmarkt seit der Wiedervereinigung gehörig durcheinandergewirbelt. Zur Jahresmitte 2004 waren in Deutschland 38,2 Millionen Menschen erwerbstätig. Die Dienstleistungen dominieren mit 27,1 Millionen. In der Produktion inklusive der Landwirtschaft sind nur noch 29 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigt. Anfang der neunziger Jahre waren es noch 41 Prozent.
Im Produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) gingen von 1991 bis 2003 fast 3,2 Millionen Arbeitsplätze verloren. Das entspricht in etwa der Bevölkerung von Berlin oder dem Dreifachen der Stellen, die am Bau und in der Landwirtschaft zusammen verlorengingen. Dieser Blick täuscht indes darüber hinweg, daß unter den Branchen des enger gefaßten Verarbeitenden Gewerbes nur der Fahrzeugbau in den neunziger Jahren einen kräftigen Beschäftigungszuwachs aufwies.
Vom Tiefpunkt 1995 bis zum Jahr 2001 schufen die Fahrzeugbauer 180.000 neue Stellen. Danach ging es auch konjunkturell bedingt ein wenig bergab. Im Jahr 2002 - neuere Daten gibt die Erwerbstätigenrechnung des Statistischen Bundesamts noch nicht her - schraubten 26.000 Beschäftigte weniger Autos und sonstige Fahrzeuge zusammen.
Insgesamt aber hat sich der Fahrzeugbau im Strukturwandel, gemessen an der Beschäftigung, deutlich besser gehalten als Branchen wie Maschinenbau, Metallerzeugung, Chemie oder Textil. In diesen Bereichen des Verarbeitenden Gewerbes weist die Beschäftigungsentwicklung stetig nach unten.
Neue Stellen bei unternehmensnahen Dienstleistungen
Beschäftigungszuwächse haben in den Jahren seit der Wiedervereinigung die Dienstleister erzielt. Abwärts ging es hier nur in den Bereichen Verkehr und Nachrichtenübermittlung sowie öffentliche Verwaltung. Zugelegt hat dagegen das Gastgewerbe, in dem von 1991 bis 2003 mehr als eine halbe Million neue Stellen entstanden - selbst in den jüngsten Jahren der wirtschaftlichen Stagnation und der zugeknöpften deutschen Geldbeutel.
Zugelegt hat aber vor allem der Bereich Grundstücksverwaltung, Vermietung und unternehmensnahe Dienstleistungen mit fast 2,3 Millionen neuen Stellen von 1991 bis heute. Diese entstanden weit überwiegend in den unternehmensnahen Dienstleistungen, zu denen Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Unternehmensberater und andere zählen.
Der Handel (inklusive der Reparatur von Kraftfahrzeugen und von Gebrauchsgütern) beschäftigte im vergangenen Jahr trotz der Krise mit 5,871 Millionen Erwerbstätigen immer noch 204.000 mehr Menschen als zu Beginn der neunziger Jahre. Der Einzelhandel baute im Jahr 2002 rund 31.000 Stellen ab und zählte dennoch fast 280.000 mehr Mitarbeiter als 1991. Das belegt, daß der Handel im Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft zu den Gewinnern gehört - und spendet den Beschäftigten von Karstadt-Quelle dennoch keinen Trost.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,83 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.439,50 | −1,12% |
| EUR/USD | 1,2396 | −0,74% |
| Rohöl Brent Crude | 103,49 $ | −3,14% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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