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Arbeitslos in Rotterdam Irgendwas kann jeder

15.02.2010 ·  Wer in Rotterdam Sozialhilfe bezieht, muss jetzt etwas tun für sein Geld. Jeder bekommt eine Aufgabe. Niemand dürfe „hinter den Geranien verkümmern“, sagt Dominic Schrijer, Beigeordneter für Soziales. Seine Gegner schimpfen über „Zwangsarbeit“.

Von Andreas Ross, Rotterdam
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Aus dem Augenwinkel sieht die Kundin an der Kasse, wie ein Schwarzer nach ihrer Milchtüte greift. Entrüstet blickt sie sich um. Doch da hält David Dallas aus Sierra Leone der älteren Dame schon die Tragetasche hin, in die er den Tetrapack gesteckt hat, und lächelt aufmunternd. Erst jetzt fällt der Holländerin auf, dass an allen zwölf Kassen des Albert-Hijn-Supermarkts im Rotterdamer Süden Männer und Frauen in weißen Sweatshirts Aufstellung genommen haben. Auf ihren Kragen steht „Gratis Service“. Jetzt strahlt die Dame den unerwarteten Dienstleister an. Mit starkem Akzent wünscht er ihr einen schönen Tag. Schon rollen die Tomaten des nächsten Kunden auf ihn zu. Seine Schicht dauert vier Stunden. Übermorgen hat er wieder Dienst.

David Dallas ist ein Sonderfall des niederländischen Arbeitsmarkts. Vor zehn Jahren beantragte er Asyl, jetzt genießt er Bleiberecht. Das Sozialamt forderte ihn kürzlich auf, sich von „Werkland“ einstellen zu lassen. Diese auf „Reintegration“, will sagen: auf die schweren Fälle, spezialisierte Zeitarbeitsfirma zahlt ihm den Mindestlohn. Für etwa 1000 Euro netto im Monat muss er nun mal Einkaufstüten füllen, mal niederländische Grammatik pauken. Das Unternehmen wird dafür von der Stadt bezahlt, die David Dallas ja keine Sozialhilfe mehr überweisen muss. Die Supermarktkette zahlt keinen Cent.

Vorboten einer fleißigeren Zukunft

David Dallas ist zugleich ein Pionier des niederländischen Arbeitsmarkts. Wenigstens die Rotterdamer Stadtregierung sieht in ihm und seinen knapp 30 Kollegen im Supermarkt-Schichtdienst Vorboten einer besseren, einer aktiveren, einer fleißigeren Zukunft. Dominic Schrijer, Beigeordneter für Soziales, will die von der Wirtschaftskrise schwer getroffene Industrie- und Hafenstadt binnen vier Jahren „arbeitslosigkeitslos“ machen. Niemand, wirklich niemand dürfe dauerhaft „hinter den Geranien verkümmern“, sagt Schrijer, der die Sozialdemokraten als Spitzenkandidat in die Kommunalwahl am 3. März führt. „Irgendwas kann jeder.“ Und sei es Tütenpacken.

In Rotterdam erhalten rund doppelt so viele Einwohner Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe wie im Durchschnitt der Niederlande, wo schon die im vorigen Dezember gemessene Arbeitslosenquote von vier Prozent die Politiker alarmiert hat. Dominic Schrijer verspricht nicht, jedem erwerbslosen Rotterdamer eine Stelle auf dem freien, dem „ersten“ Arbeitsmarkt zu verschaffen. Aber er will sich nicht damit abfinden, dass an Schulen oder in Kirchengemeinden, in Nachbarschaftszentren oder Altenheimen viel „vernünftige“ Arbeit unerledigt bleibe, weil niemand dafür bezahlen könne, während zugleich Zigtausende Rotterdamer Geld fürs Nichtstun bekämen. „Als ich vor vier Jahren in die Stadtregierung kam“, empört sich Schrijer, „hat man mir weismachen wollen, von den rund 50.000 Erwerbslosen werde die Hälfte nie wieder arbeiten können. Das ist aberwitzig!“

Der Sozialdemokrat argumentiert nicht so gerne mit Geldmangel, wenn er den traditionellen niederländischen Sozialstaat kritisiert, „in dem wir die Arbeitslosen erst bedauern und dann versorgen“. Er tritt nicht als Anwalt von Steuerzahlern auf, die ihre arbeitslosen Landsleute nicht länger durchfüttern wollen, sondern er nennt es unsozial, die Leute sich selbst zu überlassen: „Ihr ganzes Leben verändert sich: Sie stehen später auf, verlieren den Kontakt zur Gesellschaft, werden links liegengelassen.“

Gern erzählt Schrijer von den neuen Telefonistinnen der Stadtverwaltung. Früher landete jeder Anrufer zunächst in einem von der Stadt beauftragten Call Center. Jetzt klingelt das Telefon in einer von vielen Sozialwohnungen, irgendwo in Rotterdam. Dort leben Frauen, die aus verschiedenen Gründen nicht auswärts arbeiten können, aber Zeit für einige Stunden Heimarbeit haben – und nun die vielleicht dezentralste Telefonzentrale des Landes bilden. Auch die Geschichte des Afghanen, der nach einem Jahrzehnt in Rotterdam zwar kaum Niederländisch spricht, sich aber im Stadtmuseum als Restaurateur unentbehrlich macht, gefällt Schrijer. „Wir bieten jedem einen Job an, der zu seinen Fähigkeiten passt“, sagt er.

Das bezweifeln seine Gegner, Anhänger des herkömmlichen Fürsorgestaats, die sich in der niederländischen Arbeiterpartei allerdings schon länger nicht mehr heimisch fühlen. Ihnen kommt der Rotterdamer Pragmatismus allzu unsozialdemokratisch vor, die ganz Empörten schimpfen über „Zwangsarbeit“. Sie erinnern an jenen Brief, den Schrijer vielen Sozialhilfeempfängern schickte: „Glückwunsch, Sie haben einen Job bei Roteb!“ Hunderten Einwohnern, die sich daraufhin nicht wie bestellt bei dem Stadtreinigungsunternehmen einfanden, wurden die Leistungen gestrichen. „Roteb ist ein tolles Unternehmen“, beharrt Schrijer, „da kann man sich auch weiterentwickeln, zum Fahrer oder Gärtner beispielsweise. Man muss nicht immer nur die Straße kehren.“

Ganze Häuserzeilen aufgekauft und abgerissen

Nun will er sich Stadtviertel für Stadtviertel, Straße für Straße vorknöpfen und Aufgaben verteilen. Und angefangen wird ausgerechnet in der Tarwewijk, einem alten Arbeiterviertel am Südrand des Hafens, dessen Bewohner zu drei Vierteln aus dem Ausland stammen und dessen übler Leumund in seltsamem Kontrast steht zu der Ruhe, die zwischen den Backsteinhausreihen auf seinen verkehrsberuhigten Straßen eingekehrt ist.

Die Stadt hat sich die Grunderneuerung des innenstadtnahen Gebiets in einem übersichtlichen Dreieck aus Maashafen und zwei Ausfallstraßen viel kosten lassen. Dem Fernsehzuschauer ist die Tarwewijk aber noch immer als Ort von Schießereien, Straßenprostitution und Ausschreitungen geläufig. Dabei hat die Gemeinde ganze Häuserzeilen aufgekauft und abgerissen, um Spielplätze und Grünflächen anzulegen. Sie hat Schulen renoviert und Wege verschönert, Rauschgifthändler verhaften lassen und Polizeistreifen verstärkt. Vor allem hat sie zur Jagd auf jene Vermieter geblasen, die ihre landestypisch engen, rund hundert Jahre alten Arbeiterhäuschen wider alle Gesetze und Brandschutzregeln Bett für Bett an Schwarzarbeiter aus Polen oder Aruba vermieteten.

Die ersehnten Mittelklassefamilien aber sind in ihren Häuschen mit Garten in den Schlafstädten rund um Rotterdam geblieben. Viele frisch aufgehübschte oder gar neu errichtete Häuser in der Tarwewijk stehen nun leer, und die Verantwortlichen der Stadt sehen langsam ein, dass sich das Imageproblem des Viertels nicht allein mit Investitionen und Raumordnungsplänen lösen lässt. Jetzt denken sie langfristiger, setzen bei den Schülern an, basteln mit ihnen Modelle für Parks und Spielplätze oder lassen sie Bilder von der Tarwewijk malen, die ihre Eltern dann womöglich beim Integrationskurs in ihrem Sprachlehrbuch wiederfinden: Sie warten nicht länger auf neue Einwohner, sondern stärken das Heimatgefühl derer, die schon da sind.

„Hier müssen wir wohl auch bald mal wieder ran“

„Deshalb ist es auch höchste Zeit, dass wir all die Menschen hier sozial aktivieren“, sagt Piet van Namen, ein Stadtbeamter, dessen Visitenkarte ihn als „Gebietsmanager“ ausweist. Van Namen war früher Polizist und hat seinen Fuß schon hinter viele, wenn nicht die meisten Türen der Tarwewijk gesetzt. Denn wie in allen schwierigen Vierteln von Rotterdam gehen auch hier Stadtbedienstete, Polizisten und Sozialamtsvertreter regelmäßig von Haus zu Haus, bitten nachdrücklich um Einlass und schauen nach dem Rechten.

„Hier müssen wir wohl auch bald mal wieder ran“, sagt der gemütlich wirkende, bärtige Mann, dessen Augen wie automatisch die Front des vierstöckigen Klinkerbaus auf der anderen Seite der Mijnsherenlaan absuchen. „Da zum Beispiel“, sagt er und zeigt auf eine Wohnung im zweiten Stock des Acht-Parteien-Hauses, „da stimmt was nicht.“ Zu sehen ist wenig mehr als ein nachlässig zurückgezogener Vorhang, dahinter eine nackte Fensterbank und ein spärlich möbliertes Zimmer. Das müsse zwar nicht auf etwas Unrechtmäßiges hindeuten, sagt der „Gebietsmanager“, aber gewiss doch auf Bewohner, die Unterstützung benötigten. „Dafür bekommt man einfach einen Blick.“

Wer auch immer es ist, der sich in der Mijnsherenlaan 18 so wenig Mühe gibt mit der Außenwirkung: Erhält er Unterstützung vom Staat, wird er bald brieflich aufgefordert werden, sich mit einem Arbeitsvermittler der Gemeinde zu treffen. Lässt er den Termin verstreichen, wird er Besuch bekommen. „Wir gehen zu den Leuten. Und auch die Erwerbsunfähigen können irgendetwas tun“, bekräftigt Dominic Schrijer, der ohne Umschweife zugibt, dass seine Politik in der „Partij van de Arbeid“ wohl noch heute undenkbar wäre, wenn nicht vor neun Jahren der später ermordete Populist Pim Fortuyn von Rotterdam aus die politische Landschaft umgepflügt hätte. Auf seinen Wahlplakaten hat Schrijer das Parteikürzel neu interpretiert: „Partij van de Aanpak“.

Jeder Rotterdamer wird gebraucht

Für David Dallas geht es in Ordnung, dass nun auch er im Supermarkt anpacken muss. „Manche müssen nicht arbeiten für ihr Geld, ich jetzt eben schon“, sagt er lapidar auf englisch hinter Kasse drei, „aber ich beschwere mich nicht.“ Sein Chef bei „Werkland“, Dick Vink, will bald weitere Geringqualifizierte auf Kosten der Steuerzahler in privaten Unternehmen unterbringen – auf dass die Arbeitgeber sich an die neuen Dienstleister gewöhnen und in den Niederlanden neue Arbeitsplätze entstehen, „wie in Amerika“. Mit Krankenhäusern verhandelt Vink bereits über die Einrichtung eines Parkdienstes: Der Patient eilt zur Notaufnahme, ein Arbeiter von „Werkland“ parkt derweil das Auto. Oder würden große Unternehmen nicht gern eine eigene kleine Kaffeebar einrichten, mit einer günstigen Arbeitskraft am Milchaufschäumer? Die Kritik aus den Gewerkschaften, der Staat werde durch Subventionen bestehende Jobs verdrängen, hält Vink für abwegig. „Gebietsmanager“ van Namen hatte es in der Tarwewijk so formuliert: „Rotterdam ist eine Stadt der Reflexe, nicht der Reflexion.“

Dick Vink verfolgt auch die deutsche Debatte. Er hat mitbekommen, wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch in seiner CDU gescholten wurde, als er forderte, was der Sozialdemokrat Schrijer in Rotterdam längst macht. In Deutschland, sagt Vink bedauernd, gehe es immer gleich um Missbrauch, um Betrug. In Rotterdam klage man nicht wie Koch über die „Perversion des Sozialstaatsgedankens“, sondern bekenne sich zum „full engagement“: Jeder Rotterdamer kann etwas tun, alle werden gebraucht.

Im Supermarkt gibt Jawid Khaleqi an Kasse zwei zu, Tüteneinpacken sei wahrlich nie sein Traum gewesen. Aber immerhin, sagt der Afghane in mühsam zusammengefügten Sätzen auf holländisch, treffe er nach all den Jahren in Rotterdam hier regelmäßig auf „normale“ Niederländer. Man lerne die Sprache besser, auch wenn man immer dieselben Fragen stelle und Antworten höre. Manchmal geht er auch mit den Verkäuferinnen auf einen Kaffee in die Kantine. Aber dass sich die Gewissenhaftigkeit und Freundlichkeit, mit der Khaleqi ans Werk geht, unmittelbar auszahlen könnte, dass ihm der Filialleiter womöglich einmal einen „richtigen“ Job anbietet, als Packer vielleicht oder gar als Kassierer, das kann er sich nicht vorstellen. „Ich kenne den Mann doch gar nicht.“

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