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Arbeitsmarkt Starke Zeiten für Arbeitnehmer

13.05.2007 ·  Die Konjunktur brummt, es gibt neue Jobs, doch richtig gemerkt hat das bis jetzt kaum jemand. Dabei sinkt die Arbeitslosigkeit kräftig, und Unternehmen suchen Mitarbeiter. Jetzt fordern Arbeitnehmer mehr Geld. Und lassen sich leichter zum Wechsel verführen.

Von Tim Höfinghoff und Julia Roebke
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Der berufliche Aufstieg wurde jäh gestoppt: Peter Kegel hatte Ärger mit seinem neuen Arbeitgeber. Kein Wunder, dass er die Probezeit nicht überstand. Dabei war der 32-Jährige doch gerade erst aus seinem Bankjob geflüchtet, um in der mittelständischen Firma anzuheuern.

Arbeitsamt, Bewerbungen tippen - Dauerfrust war programmiert, und der plötzliche Knick in der Vita raubte nachts den Schlaf. „Wochenlang hat sich nichts getan“, sagt Kegel, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Doch dann ging alles ganz schnell.“ Ein Beratungsunternehmen wollte ihn einstellen, dazu kam noch die Offerte von einer Bank. Außerdem interessierte sich eine weitere Beraterfirma. Die Firmen buhlten kräftig, überboten sich sogar beim Gehalt und drängten zur Eile: Einige tausend Euro als Extrazahlung waren plötzlich drin, wenn Kegel doch bitte schön schnell den Arbeitsvertrag unterschreibt.

Das ist neu in Deutschland

Bieterschlacht um Arbeitnehmer - das ist neu in Deutschland. Überhaupt: Die Konjunktur brummt, es gibt neue Jobs, doch richtig gemerkt hat das bis jetzt kaum jemand. Wie auch? Lohnerhöhungen bekommen nur wenige, und viele neue Jobmöglichkeiten sprechen sich nur langsam herum.

Dabei sinkt die Arbeitslosigkeit kräftig, und Unternehmen suchen viele Mitarbeiter. Auch Kegel war überrascht, so schnell wieder einen Job zu finden. Zumal er kein hoch spezialisierter Fachmann mit ungewöhnlichen Fähigkeiten ist. „Ich bin ganz normal - ganz ehrlich gesagt, würden die Unternehmen auch ohne mich überleben.“

Vor zwei Jahren waren fast fünf Millionen Menschen ohne Arbeit. Im April waren es noch 3,9 Millionen. Das Angebot an offenen Stellen summiert sich bei der Bundesagentur für Arbeit auf 651 000. Offerten in Zeitungen und Internet hinzugerechnet, sind es nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft sogar 1,7 Millionen.

Jahrelang waren die Kräfteverhältnisse in der Arbeitswelt klar geregelt: starker Arbeitgeber, schwacher Mitarbeiter: „Doch als Arbeitnehmer ist man derzeit in einer sehr guten Verhandlungsposition“, sagt Kegel.

Die Headhunter jagen wieder

Immer mehr Menschen erleben in Sachen Job ein ungewohntes Hochgefühl: Wer nach einer Stelle sucht, findet plötzlich mehrere Angebote im Briefkasten. Dabei gehörte doch in den vergangenen Jahren gerade für die Generation Praktikum das Warten auf bessere Zeiten zur Überlebensstrategie. Und wer tatsächlich einen Job hatte, der ackerte fleißig, um nicht rauszufliegen und womöglich in die Hartz-IV-Welt abzurutschen.

Natürlich ist Deutschland mit knapp vier Millionen Arbeitslosen immer noch weit entfernt von Vollbeschäftigung. Auch gibt es wie bei der Deutschen Telekom viel Streit und sogar einen Streik um die Auslagerung von bis zu 50.000 Stellen. Und 4,1 Prozent mehr Geld, wie es die Metaller gerade durchgeboxt haben, ist in anderen Branchen auch nur ein Traum. Doch die Zeiten bessern sich: „Drei, vier Jahre lang hat sich nichts getan“, erzählt ein Werber, „aber nun werfen die Headhunter schon wieder mit Jobs um sich.“ Und die Personalerin eines Dax-Konzerns berichtet: „Ich selbst bekomme jeden Monat drei neue Angebote.“ Der Markt zieht eben an, sagt sie, „gerade wir Recruiter sind gefragt, weil die Unternehmen immer mehr neue Stellen zu besetzen haben“.

Kienbaum-Berater sieht „deutliche Trendwende“

Für Kenner des Jobmarktes ist die Lage klar: „Wir sehen eine deutliche Trendwende“, sagt Jürgen Siebert, Partner bei der Personalberatung Kienbaum. „Die Leute sind offener für Veränderungen, und es wird zunehmend schwieriger, geeignete Führungskräfte zu finden.“ Und sie zu halten wird auch nicht leichter: Eine Bankerin aus Frankfurt erzählt: „Ich habe zum September gekündigt.“ Eine Stelle hat sie noch nicht, „doch bis dahin finde ich doch locker einen neuen Job“. Ihr Arbeitgeber bot der Frau 30 Prozent mehr Gehalt - sie hat trotzdem Lust auf etwas Neues.

Lediglich mehr verdienen - das ist längst nicht mehr das einzige Motiv der Wechselwilligen, obwohl für Jobhopper auch schon mal fünfzehn Prozent mehr Lohn drin sind, heißt es bei Kienbaum. Bei guter Konjunktur werden Faktoren wie das Betriebsklima immer wichtiger. Ebenso die persönlichen Entwicklungschancen im Job: „Unternehmen, die qualifizierte Fachkräfte suchen, profitieren davon, dass viele Arbeitnehmer mit ihrem Chef unzufrieden sind“, erklärt Christian Flesch vom Internet-Karriere-Portal Jobware. „Das sind 70 Prozent der Wechselwilligen.“

Die Sorge um das Wohl der Angestellten wächst

Gerade die Bereitschaft der Fach- und Führungskräfte, den Job zu wechseln, ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag von Jobware zeigt: Im Dezember vergangenen Jahres planten sieben Prozent der Mitarbeiter einen Wechsel des Arbeitgebers in den nächsten Monaten. Aktuell sind es schon zehn Prozent.

Dabei warnt der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz die Arbeitnehmer vor Selbstüberschätzung: „Die Arbeitsplatzsicherheit wird immer größer, doch sie ist nicht zementiert.“ Deutschland erlebe gerade lediglich den Abbau „der konjunkturell bedingten Arbeitslosigkeit“. Zumal viele Unternehmer längst erkannt hätten, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen. „Dazu gehörten nicht nur ein besseres Gehalt, attraktive Weiterbildungsmaßnahmen, sondern auch mal ein Sabbatical zu gewähren“, sagt Franz.

Dass sich viele Chefs in Zeiten des Booms zunehmend um das Wohl ihrer Angestellten sorgen müssen, bestätigt auch Kienbaum-Partner Siebert: „Das wird beim Wettbewerb um die besten Köpfe immer wichtiger.“

Auch ältere Arbeitnehmer können sich freuen

Die gute Lage am Arbeitsmarkt bringt aber nicht nur Chancen für Arbeitslose und neue Möglichkeiten für Wechselwillige. Auch ältere Arbeitnehmer können sich freuen: „Ich komme gerade von einem Kunden, der sucht jemanden im Alter Mitte Vierzig“, berichtet Kienbaum-Partner Siebert. „Mitte Fünfzig ist auch noch drin, Hauptsache, er macht einen guten Job“, sagt der Personalexperte.

Solche Kandidaten sind nicht nur gefragt, weil sie viele Jahre an Berufserfahrung mitbringen. Positiver Nebeneffekt für den zukünftigen Arbeitgeber: „In diesem Alter ist die Gefahr geringer, dass jemand gleich wieder wechselt“, sagt Siebert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.05.2007, Nr. 19 / Seite 21
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Jahrgang 1975, Redakteur in der Wirtschaft.

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