Home
http://www.faz.net/-gqg-16711
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arbeitsmarkt Pflegebranche sucht Hartz-IV-Empfänger

03.04.2010 ·  Etwa 300.000 Langzeitarbeitslose könnten als Pflegehilfskräfte in seinen Heimen anfangen, sagt Pflegeheim-Chef Marseille. Doch die Heime vermissen die Motivation der Hartz-IV-Empfänger, sich zu bewerben - und die Unterstützung der Arbeitsagenturen.

Von Kerstin Schwenn, Berlin
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (36)

Die Pflegebranche sucht Tausende von Pflegehilfskräften. Sie vermisst jedoch sowohl die Motivation der Langzeitarbeitslosen, sich zu bewerben, als auch die Unterstützung der Arbeitsagenturen. „Nach unseren Erkenntnissen gibt es unter den Millionen von Langzeitarbeitslosen etwa 300.000, die sofort in unseren Pflegeheimen anfangen könnten“, sagte der Pflegeheimbetreiber Ulrich Marseille der F.A.Z. in Berlin. „Auf der anderen Seite sitzen mehr als 700.000 Leute in den Pflegeheimen, die nur darauf warten, dass jemand ihnen vorliest, einen Apfel schält, sie spazieren führt und sie so aus der Einsamkeit holt. Die Bundesagentur muss ihre Arbeitsämter endlich anweisen, geeignete Langzeitarbeitslose aus ihren Karteien herauszusuchen.“

Marseille betreibt als Vorstandsvorsitzender der Marseille-Kliniken AG in Deutschland 61 stationäre Altenpflege-Einrichtungen mit knapp 9000 Betten und 6000 Mitarbeitern. Er will mindestens 500 Hartz-IV-Empfänger einstellen und ihnen bis zu 400 Euro im Monat zahlen. Bewährt sich ein Arbeitsloser, will Marseille ihm nach zwei Jahren eine feste Arbeitsstelle anbieten. Nach seiner Einschätzung könnte ein Drittel dieser Hartz-IV-Pflegehelfer dauerhaft in der Branche bleiben.

Nur 15.000 „Betreuungsassistenten“ wurden eingestellt

Die bisherigen Bemühungen der Bundesregierung, Hartz-IV-Empfänger in die Pflege zu holen, haben nach Auffassung Marseilles nicht gefruchtet. „Wir haben keinen einzigen Hartz-IV-Empfänger bekommen. Als sogenannte Betreuungsassistenten, die es seit fast zwei Jahren gibt, haben sich immer nur normale Arbeitslose beworben“, berichtet er. Die ehemaligen Bundesminister für Gesundheit und Arbeit, Ulla Schmidt und Olaf Scholz (SPD), hatten im Zuge der Pflegereform 2008 in Aussicht gestellt, dass rund 100.000 Hartz-IV-Empfänger als Pflegehelfer wieder einen Schritt auf den Arbeitsmarkt machen könnten. Diese Zahl hat sich offenbar als zu optimistisch erwiesen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind seit Mitte 2008 nur rund 15.000 „Betreuungsassistenten“ eingestellt worden - vermutlich kamen nur wenige direkt aus dem Hartz-IV-Bezug.

Die Pflegebranche, die ein Marktvolumen von 27 Milliarden Euro für die stationäre und ambulante Pflege umfasst, klagt seit Jahren über Personalmangel. Derzeit wird der zusätzliche Bedarf an qualifizierten Pflegern auf 50 000 geschätzt, zudem werden Tausende Pflegehilfskräfte gebraucht. Es wird damit gerechnet, dass der Mangel sich weiter verstärkt, wenn die Zahl von derzeit 2,2 Millionen Pflegebedürftigen weiter wächst - vermutlich schon bis 2030 auf 3,4 Millionen.

Caritas warnt vor zu großen Erwartungen

Der jüngste Anlauf der SPD-Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft (SPD), Langzeitarbeitslose stärker zur gemeinnützigen Arbeit in Heimen heranzuziehen, stieß auf Widerspruch quer durch alle Parteien, die die Qualität der Pflege gefährdet sehen. Marseille hält entgegen, mehr Helfer erhöhten insgesamt die Qualität der Pflege. Außerdem hätten viele Pflegebetriebe, unabhängig von der Trägerschaft, Weiterbildungseinrichtungen für ihr Personal.

Der Präsident des katholischen Caritas-Verbandes, Peter Neher, warnt derweil vor zu großen Erwartungen an den Einsatz von Hartz-IV-Empfängern. „Eine zentrale Voraussetzung für den Einsatz von Langzeitarbeitslosen in der Pflege ist, dass sie sich freiwillig dafür entscheiden können und entsprechend dafür qualifiziert werden“, sagte er dieser Zeitung. „Wenn sich jemand diese Tätigkeit nicht zutraut oder nicht so eingesetzt werden möchte, darf dies nicht zu Sanktionen führen. Die Tätigkeit der Betreuungskräfte muss klar von der der Pflegekräfte abgegrenzt und zusätzlich sein.“

Auch Marseille hält die Freiwilligkeit für eine zwingende Voraussetzung für den Einsatz von Hartz-Empfängern. Dennoch sieht er auch eine staatsbürgerliche Verpflichtung der Langzeitarbeitslosen, dem Staat, der sie finanziert, auf diese Weise etwas zurückzugeben. Aus seiner Sicht ist die Einstellung Langzeitarbeitsloser für alle Beteiligten ein gutes Geschäft. Er selbst sparte erheblich gegenüber der Anstellung einer regulären Hilfskraft, die bis zu 1800 Euro brutto verdient. Das Argument zählt, denn wie fast alle Pflegeanbieter - gemeinnützig, privat oder öffentlich - drücken ihn die steigenden Kosten noch mehr als der Personalmangel.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Einknicken der Euro-Retter

Von Holger Steltzner

Das Leben auf Pump geht weiter: Der Süden druckt einfach das Geld, das er für Rechnungen braucht. Warum soll sich Griechenland ändern, wenn es doch immer wieder neue Kredite gibt? Mehr 24 105

10.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.692,96 −1,41%
 OK
10.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.692,96 −1,41%
FAZ-INDEX 1.495,13 −1,32%
TecDAX 769,89 −0,43%
MDAX 10.249,10 −1,04%
SDAX 4.985,13 −0,71%
REX 421,06 −0,02%
Eurostoxx 50 2.480,76 −1,65%
F.A.Z. EURO INDEX 80,01 −1,60%
Dow Jones 12.801,20 −0,69%
Nasdaq 100 2.547,32 −0,65%
S&P500 1.342,64 −0,69%
Nikkei225 8.947,17 −0,61%
EUR/USD 1,3195 −0,67%
Rohöl Brent Crude 117,61 $ −0,91%
Gold 1.711,50 $ −2,09%
Bund Future 138,62 € +1,01%