09.10.2007 · Die verbesserte Lage am Arbeitsmarkt macht die Suche nach Fachkräften schwierig und teuer. Und begrenzt das Wirtschaftswachstum. Eine neue Erhebung der F.A.Z. zeigt: Es wird mehr eingestellt als entlassen. Von Georg Giersberg.
Von Georg GiersbergDer Oktober hat mit einem Paukenschlag für den Arbeitsmarkt begonnen: Der Osnabrücker Autobauer Karmann hat die Streichung von 1800 Arbeitsplätzen an den Standorten Rheine und Osnabrück angekündigt. Ein Mangel an Aufträgen sei der Grund. Der Küchenhersteller Alno will bis zum Jahresende 400 von 700 Stellen bei der Tochtergesellschaft Wellmann streichen, teilte er am gleichen Tag mit. Das sind nach einigen positiv verlaufenen Monaten wieder erste Hiobsbotschaften für den Arbeitsmarkt.
Die bis dahin letzte Ankündigung eines größeren Stellenabbaus war die von Nokia-Siemens im Juni und davor die von Axa, Deilmann-Haniel und Astra Zeneca im April. Dass Karmann jetzt mit mehr als 1000 Stellenstreichungen aufwartet, dürfte jedoch an der veränderten Geschäftspolitik seiner Automobilkunden liegen, die auch Kleinserien zunehmend im eigenen Haus fertigen, und kein Ausdruck einer sich verschlechternden Konjunktur sein.
1,6 Millionen offene Stellen
Die von der F.A.Z. regelmäßig erhobenen Daten über Einstellungen und Stellenstreichungen der Unternehmen geben zum 30. September weiterhin ein erfreuliches Bild. Für den Zeitraum Januar bis September 2007 übersteigen die geplanten Einstellungen die geplanten Stellenstreichungen um mehr als das Doppelte. Diese von Unternehmen veröffentlichten Zahlen korrespondieren mit den Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft und der Arbeitsverwaltung. Das Institut hat zuletzt 1,6 Millionen offene Stellen in Deutschland registriert und schätzt den durch den Fachkräftemangel entstehenden Schaden auf 3,5 Milliarden Euro.
Den Unternehmen entgeht aber nicht nur Umsatz und Wachstum. Die Suche neuer Mitarbeiter wird immer teurer. Selbst Firmen in beliebten Branchen und in attraktiven Regionen bekommen keine Mitarbeiter. Die Dentsply Detrey GmbH in Konstanz am Bodensee ist Teil eines internationalen Konzerns mit Sitz in Amerika und als Lieferant von Füllmaterial für Zähne (außer Amalgam) in einer zukunftsträchtigen Branche tätig. Dennoch sucht Personalchef Jochen Häuptle seit zehn Monaten einen Marketingleiter, seit sechs Monaten den Leiter für die Reklamationen und einen Produktionsplanungsingenieur, seit vier Monaten den Technikleiter für Investitionsprojekte und seit drei Monaten einen Verpackungsingenieur sowie zwei Qualitätsingenieure.
Zu wenig qualifizierte Bewerber
Auf eine Ausschreibung der Stelle für die zwei Qualitätsingenieure in einer überregional geschalteten Anzeige hätten sich elf Bewerber gemeldet, von denen einer zum Gespräch eingeladen worden sei. Genommen werden konnte keiner, weil nach Häuptles Aussagen die Qualifikation gefehlt hat. Auf die Stelle des Technikleiters hätten sich zwar 60 Personen beworben. Hier sei es aber nicht mit einem einzigen zum Gespräch gekommen, weil niemand die vorausgesetzte Erfahrung im Umgang mit Leanmanagement gehabt habe. „Es gibt in Deutschland eindeutig einen Arbeitnehmermarkt“, stellt Dentsply-Deutschland-Chef Claus-Peter Jesch fest.
Der Mangel an Bewerbern mit der richtigen Qualifizierung mache sich nicht nur bei studierten Ingenieuren bemerkbar. Die seit März dieses Jahres offenen Stellen von Anlagenführern und Maschinenbedienern seien zwischenzeitlich mit Zeitarbeitern besetzt worden, weil „keiner der 62 Bewerber das richtige Qualitätsprofil aufwies“. Dabei seien die Bedingungen nicht schlecht. Dentsply gehört zu einer amerikanischen Muttergesellschaft, die neben marktgerechter Entlohnung und „einer ausgeprägten Betriebsrentenregelung“ auch die Möglichkeit des Wechsels bietet. Mitarbeiter haben die Möglichkeit, von Konstanz an andere Standorte wie Hanau, München, Mannheim oder den Genfer See zu wechseln.
„Das ist ein echtes Luxusproblem“
Aus den negativen Erfahrungen bei der Mitarbeitersuche zieht Dentsply die Konsequenz, dass heute Anzeigen allein nicht mehr reichen. „Man muss ins Internet gehen, man muss auf Homepages gehen, und vor allem muss man heute bis auf die Ebene qualifizierter Sachbearbeiter herunter einen Headhunter einschalten“, ist sich Häuptle sicher. Das verteuere zwar die Personalsuche, denn die Einschaltung eines Headhunters koste zwischen 20.000 und 30.000 Euro plus Nebenkosten für die Vorstellungsgespräche, aber anders sei es immer schwieriger, an qualifizierte Mitarbeiter heranzukommen. Zumal Dentsply einen Nachteil auszugleichen habe, den viele andere deutsche Mittelständler auch oder in noch höherem Maße haben: den Standort.
Konstanz am Bodensee ist zwar eine beliebte Urlaubsregion. „Aber bevor ein junger Mensch hier eine Arbeitsstelle antritt, zieht er mit dem Zirkel einen 50-Kilometer-Kreis um Konstanz und sieht vor allem Wald“, beschreibt Jesch das Verhalten junger Bewerber. Es fehle die Großstadt. Stuttgart mit einer Stunde Fahrzeit und Zürich mit fünf Viertelstunden Fahrzeit seien zu weit weg, Zürich zudem zu teuer. Ein junger Ingenieur wolle in seinem direkten Umfeld ein gleichgesinntes Milieu aus Hochschulabsolventen. „Das ist zwar ein echtes Luxusproblem, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen“, sagt Jesch.
Durch Ausbildung gegensteuern
Dentsply versucht außerdem durch eigene Ausbildung dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Seit vier Jahren bildet das Unternehmen in den Berufen Chemikant (Produktionschemiker), Chemielaborant, Industriekaufmann und Lagerlogistikfachkraft aus. Seit diesem Jahr bietet das Unternehmen zudem ausgebildeten Mitarbeitern die Möglichkeit an, neben der Arbeit an einem Bachelor-Studiengang an der Berufsakademie teilzunehmen.
Die Kosten der Unternehmen für Aus- und Weiterbildung steigen immens in diesen Monaten. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Pricewaterhouse-Coopers (PWC) gibt 120 Millionen Euro im Jahr dafür aus. „Ein junger Mitarbeiter, der nach der Hochschule zu uns gekommen ist und uns nach vier Jahren verlässt, hat uns 150.000 Euro an Weiterbildung gekostet“, sagt Vorstandssprecher Hans Wagener. Weil PWC gut ausbildet, sind die Mitarbeiter sehr gefragt. 1100 Mitarbeiter verlassen das Unternehmen jährlich.
Personalakquise wird teurer
Weil die größte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deutschlands aber wächst, muss nicht nur die Fluktuation ausgeglichen, sondern auch das Wachstum bewältigt werden: PWC stellt im laufenden Geschäftsjahr 1500 Mitarbeiter ein. Das werde immer schwieriger, obwohl PWC zu den beliebten Arbeitgebern im Land gehört. Auch PWC bietet die Möglichkeit, neben der Arbeit ein Aufbaustudium zu absolvieren. Wer den Bachelor-Abschluss hat, kann so den Masterabschluss erlangen.
Außerdem hat PWC erstmals 100 gute Absolventen aus anderen als den Wirtschaftswissenschaften eingestellt. Von den fachfremden Kräften verspreche man sich zweierlei. Zum einen wolle man sein Akquisitionsfeld erweitern und somit aus dem direkten Wettbewerb der Prüfungsgesellschaften, der Banken und Versicherungen ausbrechen. Zum anderen erhoffe man sich von fachfremden Talenten neue Ideen und Anregungen.
Die Kosten der Personalakquise und der Weiterbildung werden weiterhin steigen. Zwar wird auch die Übersicht über den Stellenabbau länger, aber eher im mittleren und unteren Bereich. In der Tabelle der Neueinstellungen gibt es immer mehr Unternehmen, die sich auch im oberen Drittel der Liste ansiedeln, die also mehr als 1000 Mitarbeiter einstellen wollen.
Je höher die Anforderungen,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 08.10.2007, 21:39 Uhr
Es fehlt an allem, allen voran Mut.
Henriette Kaschulke (Wissibesser)
- 08.10.2007, 21:59 Uhr
Dieser Beitrag sei Beck und Münte... zwecks......
wolf haupricht (emilgilels)
- 08.10.2007, 22:25 Uhr
Es gibt keinen qualifizierten Nachwuchs mehr?
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 09.10.2007, 00:52 Uhr
die eierlegende Wollmilchsau....
Michael Meier (never1)
- 09.10.2007, 01:33 Uhr
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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