Die Krise ist noch nicht richtig überstanden, da schiebt sich hierzulande schon das nächste ökonomische Problem immer stärker in den Vordergrund. Dieses ist freilich schwerwiegender, weil es die Wirtschaft lange beschäftigen wird und weil es schwer wird, es zu lösen. Die Rede ist vom Fachkräftemangel, der die Volkswirtschaft schon heute Milliarden kostet und künftig noch teurer werden wird. Dass es zu wenig gut qualifizierte Menschen in Deutschland gibt, liegt zunächst an der demographischen Entwicklung: Es werden zu wenig Kinder geboren. Doch wird der Mangel dadurch verschärft, dass ein großer Teil der schrumpfenden Bevölkerung nicht in der Lage ist und sein wird, einer qualifizierten Beschäftigung nachzugehen. Fachleute schätzen, dass dies schon auf 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen zutrifft. Sie kommen oft aus sozial schwachen Familien, die meisten haben einen Migrationshintergrund.
Dass sich die Lage verbessern wird, ist nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil: In sozial schwachen Familien werden relativ viele Kinder geboren. Wie ihren Eltern gelingt es auch ihnen selten, den Teufelskreis aus sozialer Schwäche, Bildungsarmut und geringer beruflicher Qualifikation zu durchbrechen. Viele werden nur einer gering qualifizierten Beschäftigung nachgehen können, viele werden vom Staat leben. Dass dieser Weg oft von Generation zu Generation „weitervererbt“ wird, liegt daran, dass zum Beispiel Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wesentlich seltener als andere einen Schulabschluss erreichen und noch seltener eine Berufsausbildung abschließen.
Nicht ausbildungsreif
Rund ein Fünftel der jungen Menschen scheint für den Fachkräfte-Arbeitsmarkt verloren zu sein. Doch die Lage ist noch dramatischer. So hat eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages zutage gefördert, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen zumindest einen Teil der Lehrlinge, die ja einen Schulabschluss haben, zunächst in die Nachhilfe schicken muss. Offenbar haben viele Jugendliche in der (Haupt-)Schule zu wenig gelernt, um ausbildungsreif zu sein. Das liegt zu einem guten Teil auch daran, dass ihnen ihre Eltern nicht vermitteln konnten, wie lohnend es ist, sich anzustrengen.
Immer wieder ist zu hören, dass daran nicht viel geändert werden könne. Wenn das Elternhaus keine Anregungen biete, könnten die Bildungseinrichtungen wenig bewirken. Und die Eltern erreiche man kaum. Mit diesem Fatalismus wird sich ein Mittelständler, der einen Einbruch seines Geschäfts befürchtet, weil er keinen Nachwuchs findet, freilich nur schwer abfinden. Das sollte er auch nicht. Denn solange in kaum einem anderen Industrieland der Bildungserfolg so stark von der Herkunft abhängt wie in Deutschland, muss es möglich sein, Potentiale zu heben.
Modellversuche zeigen: Wirksame Förderung ist möglich
Dass man Kinder aus der Unterschicht wirksam fördern kann, beweisen Modellversuche. Wissenschaftlich gut untersucht ist das Perry-Vorschulprojekt der amerikanischen Bildungsorganisation High Scope. In Michigan kamen zwischen 1962 und 1967 gut 120 afroamerikanische Kinder im Alter von drei und vier Jahren in den Genuss einer qualifizierten Vorschulbildung. Davon profitieren sie noch heute. Sie wurden zwar nicht intelligenter, aber ihre Motivation wuchs so stark, dass sie in der Schule und im Beruf wesentlich erfolgreicher sind als eine Vergleichsgruppe, welche die Vorschule nicht besuchte. Sie leben deshalb deutlich seltener von staatlichen Leistungen. Diese Vorteile geben sie auch an ihre Kinder weiter. Der Ökonom James Heckmann hat ausgerechnet, dass sich jeder Dollar, der in dieses Vorhaben gesteckt wurde, jährlich mit 17 Prozent verzinst hat. Immer wieder hat der Nobelpreisträger frühe und späte Bildungsmaßnahmen verglichen und ist eindeutig zu dem Schluss gekommen, dass frühe Bildung viel mehr bewirkt.
Im Perry-Projekt war die Rendite nach Ansicht von Fachleuten so hoch, weil die Vorschulkinder zum einen von guten Lehrern nach einem ausgefeilten pädagogischen Konzept unterrichtet wurden und weil zum anderen ein enger Kontakt zu den Eltern aufgebaut wurde. Dass ohne Eltern weniger geht, glauben viele Pädagogen. Deshalb müssen gerade Einrichtungen in sozialen Brennpunkten überlegen, wie sie die Eltern ins Boot holen können; von alleine werden sie nicht kommen. Auch in Deutschland zeigt eine kleine, aber wachsende Zahl von Kitas, dass diese schwierige Aufgabe bewältigt werden kann.
Vielversprechend ist der aus Großbritannien stammende Early-Excellence-Ansatz, dem wissenschaftliche Studien Erfolg bescheinigen. Auch er basiert auf einem anspruchsvollen Bildungskonzept und einer engen Zusammenarbeit mit den Eltern. Stiftungen von Unternehmern unterstützen Kindertagesstätten, die nach diesem Konzept arbeiten. Dort weiß man, dass eine volkswirtschaftliche Rendite winkt, weil der Fachkräftemangel entschärft und die Sozialsysteme entlastet werden. Man weiß auch, dass die Teilnehmer selbst profitieren: zum einen ökonomisch, weil sie später wahrscheinlich mehr verdienen, und zum anderen seelisch. Denn ein Leben in Abhängigkeit vom Staat und geringer gesellschaftlicher Teilhabe empfinden viele Menschen als entwürdigend.
Abwanderung
Björn Tobias Eckardt (teddybaxter)
- 03.08.2010, 13:50 Uhr
Es sollte...
Winfried Nöth (wnoeth)
- 03.08.2010, 15:33 Uhr
Kanada und andere holen sich die Besten, die für ihr Land gut sind - und wir?
Gabriele Wurzel (G.Wurzel)
- 03.08.2010, 15:34 Uhr
Kanada
Christian Schneider (C.P.S)
- 03.08.2010, 22:45 Uhr
Sehr geehrter Herr Björn Tobias Eckardt
Erik Staack (E_Staack)
- 04.08.2010, 12:08 Uhr
