11.09.2008 · Der Anteil der Schwervermittelbaren an allen Arbeitslosen lag vor drei Jahren noch bei 57 Prozent. Im Jahr 2009 dürften es schon fast 71 Prozent sein. Insgesamt bleibt die Entwicklung am Arbeitsmarkt aber stabil. Andere Euro-Länder sind vergleichsweise stärker vom Abschwung betroffen.
Von Sven Astheimer und Philip PlickertDie Bundesagentur für Arbeit rechnet damit, dass sich die Chancen für schwervermittelbare Arbeitslose im kommenden Jahr spürbar verschlechtern. Die nachlassende konjunkturelle Dynamik treffe vor allem Langzeitarbeitslose mit geringer Qualifikation und Personen mit persönlichen Vermittlungshemnissen wie Drogenproblemen, heißt es in einer Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem wissenschaftlichen Institut der Bundesagentur.
Diese Menschen gehören in der Regel zu den Beziehern des aus Steuern finanzierten Arbeitslosengeldes II, das mit Inkrafttreten der Arbeitsmarktreform Hartz IV im Januar 2005 aus der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe entstanden ist. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt der vergangenen Jahre hatte die Zahl der Bezieher um rund eine halbe Million auf 2,2 Millionen reduziert.
Insgesamt stabile Entwicklung am Arbeitsmarkt
Doch diese Entwicklung kommt nach Angaben des Instituts nahezu zum Erliegen. Weil die Forscher auch 2009 von einer starken Nachfrage nach qualifizierten Arbeitslosen ausgehen, verschieben sich die Gewichte: Betrug der Anteil der Schwervermittelbaren an allen Arbeitslosen vor drei Jahren noch 57 Prozent, dürften es 2009 schon fast 71 Prozent sein. Der Anteil der Bezieher des aus der Versicherung gespeisten Arbeitslosengeldes I könnte dementsprechend erstmals auf unter 30 Prozent sinken.
Insgesamt ergibt sich daraus eine stabile Entwicklung am Arbeitsmarkt. Ein reales Wirtschaftswachstum von 1 Prozent vorausgesetzt, werde die Zahl der Erwerbstätigen im Jahresdurchschnitt leicht um 100 000 auf 40,4 Millionen steigen, rechnen die Wissenschaftler vor. In diesem Jahr liegt der Zuwachs noch bei rund einer halben Million. Auch der Abbau der Arbeitslosigkeit verlangsame sich deutlich.
Aufschwung am Arbeitsmarkt läuft langsam aus
Erwartet wird ein Rückgang um ebenfalls 100 000 auf 3,16 Millionen. Selbst bei einem Wachstum von lediglich 0,5 Prozent werde die Arbeitslosigkeit noch leicht sinken. Vieles deute darauf hin, dass der Aufschwung am Arbeitsmarkt allmählich ausläuft, heißt es in der Studie. Jedoch sei wegen strukturellen Änderungen durch Hartz IV „zu erwarten, dass eine Phase konjunktureller Schwäche den Arbeitsmarkt weniger hart trifft als in den Jahren vor 2005“.
Wegen der zusätzlichen Entlastung der Arbeitslosenverrsicherung hält das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel eine weitere Beitragssenkung für möglich. Würde diese von derzeit 3,3 auf 3 Prozent sinken, so entstünde zwar im Budget der Bundesagentur ein Minus von 3 Milliarden Euro, sie würde Ende 2008 jedoch immer noch über Rücklagen von 18 Milliarden Euro verfügen – „ein Teil davon lässt sich ohne weiteres auflösen“, schreibt das Institut.
Leichte Rezession in Deutschland
Nach Einschätzung der Kieler Forscher droht Deutschland in diesem Sommer eine leichte Rezession. Wegen der schwächeren Weltwirtschaft haben die Kieler Konjunkturforscher ihre Wachstumsprognosen deutlich gesenkt. In diesem Jahr erwarten sie zwar noch insgesamt 1,9 Prozent Zuwachs (statt der im Juni prognostizierten 2,1 Prozent), vor allem wegen des starken Frühjahrs. Im kommenden Jahr werde die deutsche Wirtschaft jedoch mit 0,2 Prozent Wachstum fast stagnieren. Damit revidiert das Institut seine frühere Prognose von 1,0 Prozent Wachstum deutlich. „Die deutsche Wirtschaft bekommt die Auswirkungen der krisenhaften Entwicklung im Rest der Welt zu spüren“, heißt es in der am Donnerstag vorgestellten Herbstprognose.
Sowohl Produktions- und Nachfragedaten als auch wichtige Stimmungsindikatoren weisen deutlich nach unten. Auch im dritten Quartal sei damit ein leichtes Sinken der Produktion zu erwarten. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal schrumpfte, würde mit einem nochmaligen Rückgang die technische Definition einer Rezession erfüllt. Allerdings dürfte die Konjunktur in Deutschland nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher weniger an Schwung verlieren als in anderen Staaten im Euro-Raum, die zuvor starke konjunkturelle Übertreibungen erlebten.
Abschwung wird auch die öffentlichen Finanzen treffen
Besonders in Spanien und Irland, aber auch in Frankreich belasten sinkende Immobilienpreise die Konjunktur. Insgesamt rechnet das Kieler Institut für 2008 in Europa nur noch mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent und für 2009 mit Stagnation, ohne Deutschland sogar mit einem um 0,2 Prozent schrumpfenden Bruottinlandsprodukt. Damit liegen die Forscher für 2009 deutlich unter der Prognose der Europäischen Zentralbank (EZB) von 0,6 bis 1,8 Prozent Wachstum, die im aktuellen EZB-Monatsbericht beschrieben wird.
Nach Ansicht des Instituts deuten eine Reihe von Indikatoren darauf hin, dass der Abschwung im Euro-Raum in eine „wirkliche Rezession“ führt und die wirtschaftliche Erholung 2009 nur langsam kommen werde. Für Deutschland, dessen Aufschwung in den vergangenen drei Jahren vor allem vom Export abhing, bedeutet das nichts Gutes. Der Abschwung wird auch die öffentlichen Finanzen treffen: In Deutschland werde der gesamtstaatliche Haushalt dieses Jahr noch einen leichten Überschuss von 0,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aufweisen, nächstes Jahr aber ein Defizit von 0,2 Prozent.
Wann ist eine Rezession einen Rezession?
Eine Rezession liegt nach der in Europa üblichen Definition von Ökonomen dann vor, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge sinkt. In Amerika hat das National Bureau of Economic Research eine breitere Definition entwickelt. Es spricht dann von einer Rezession, wenn über mehrere Monate das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP), das Volkseinkommen, die Beschäftigung, die Produktion und der Einzelhandelsumsatz sinken.
Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland ist im Frühjahr gegenüber dem Winter um 0,5 Prozent geschrumpft. Wenn es nun auch im Sommer leicht schrumpft, wäre das nach der technischen Definition eine Rezession. „Aber das tut ja noch nicht weh“, sagt Christian Dreger, der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Noch immer ist die Auslastung der Unternehmen hoch, ihr Auftragsbestand ebenso, auch wenn dieser nun deutlich schrumpft. Die Wirtschaft dürfte im dritten Quartal stagnieren, erwartet Dreger. „Wir pendeln um die Nulllinie.
Liegen wir leicht darunter, hätten wir, technisch gesprochen, eine Rezession, aber ich weigere mich eigentlich, die derzeitige Situation als Rezession zu bezeichnen.“ Zumal das BIP im Winter noch um 1,3 Prozent zum Vorquartal gestiegen war und folglich das Niveau hoch ist. Wenn nun die Wachstumsraten zwar im Quartalswertevergleich (zum Teil auch durch statistische Sondereffekte verzerrt) negativ, aber im Jahresvergleich noch deutlich positiv sind, sei derzeit die Bezeichnung Abschwung angemessener. Philip Plickert
Konjunkturschwäche bedroht - Fenster
Gerhard Leitner FAHA (Australien) (gwlei)
- 12.09.2008, 10:57 Uhr
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,22 | +0,19% |
| Dow Jones | 12.529,80 | +0,27% |
| EUR/USD | 1,2536 | −0,42% |
| Rohöl Brent Crude | 106,99 $ | +0,78% |
| Gold | 1.549,00 $ | −2,12% |
Anonym bewerben? Ist das gut?