05.11.2006 · Nürnberg meldet fast eine halbe Million weniger Arbeitslose im Vergleich zum Vorjahr. So wenige wie schon lange nicht mehr. Damit hatte niemand gerechnet. Dienstleister und Zeitarbeitsfirmen stellen ein wie verrückt.
Von Lisa NienhausDie Deutschen können es kaum fassen. Da hört man jahrelang nur von schließenden Werken, Massenentlassungen und Unterschichtsängsten. Und jetzt das: Die Arbeitslosenzahl ist auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gerutscht.
Im Vergleich zum Vorjahr waren 471.000 Menschen weniger arbeitslos, fast eine halbe Million. Damit hatte niemand gerechnet, und so fragt sich die Republik: Wo kommen die vielen neuen Stellen bloß her?
Manpower hat ihre Ziele noch nach oben geschraubt
Wer genau hinsieht, findet Überraschendes. So haben viele Unternehmen im Verlauf des Jahres angekündigt, daß sie massiv einstellen wollen. Ganz vorne dabei sind die Zeitarbeitsfirmen: Adecco wollte 10.000, Randstad 5000 und Manpower 3500 neue Stellen schaffen.
Mittlerweile hat Adecco im laufenden Jahr bereits etwas mehr als 7600 neue Mitarbeiter eingestellt, Randstad und Manpower haben ihre Ziele noch nach oben geschraubt und wollen 2006 auf je 10.000 Neueinstellungen kommen.
Selbst die Tengelmann-Gruppe bietet 5000 Stellen
Neue Jobs hatten auch andere angekündigt, zum Beispiel Fluggesellschaften wie die Lufthansa (2400 Jobs), Wirtschaftsprüfer wie die KPMG (1200), Unternehmensberater wie Roland Berger (150) und McKinsey (200). Selbst in der Automobilbranche wollte BMW 2000 Stellen schaffen, Porsche bis 2008 in Leipzig 600 neue Arbeitsplätze.
Beim sonst stetig klagenden Handel war die Tengelmann-Gruppe (Plus, Kaiser's, Obi) mit 5000 Stellen dabei. Der Anlagenbaukonzern Linde hat in den ersten neun Monaten dieses Jahres seine Mitarbeiterzahl um 444 gesteigert.
„Das Gros stammt aus dem Dienstleistungsbereich“
Bei so vielen Einzelbeispielen ist es schwierig, den Überblick zu bewahren. In welchen Branchen sind nun besonders viele Jobs entstanden? Volker Treier, Konjunkturexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), weiß: „Das Gros stammt aus dem Dienstleistungsbereich.“ Dazu zählt Zeitarbeit ebenso wie Unternehmensberater, Werbeindustrie und IT-Branche, die alle an Mitarbeitern zugelegt haben.
Der DIHK schätzt, daß in der Dienstleistungsbranche in diesem Jahr 180.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden, davon etwa 80.000 bei Zeitarbeitsunternehmen. Als Basis für diese Schätzung dient die Frühsommer-Konjunkturbefragung des DIHK, in der 21.000 Unternehmen ihre Beschäftigungspläne offenlegten.
Auch Geringqualifizierte waren gefragt
Überraschend findet Treier, daß auch die Industrie in großem Stil Leute einstellt - und sich damit gegen den Strukturwandel wendet. Dort sind es insbesondere der Maschinenbau und die Elektrotechnik, die mehr Mitarbeiter brauchen. Der DIHK schätzt, daß in der Elektrotechnik 25.000 neue Jobs geschaffen wurden, insbesondere in der Medizintechnik.
Beim Maschinenbau rechnet er mit 15.000 neu geschaffenen Arbeitsplätzen. Gründe dafür sind die gute Auftragslage und die Auslastung. Auch die chemische Industrie hat laut DIHK-Schätzungen 20.000 Stellen beschert, hier war besonders die Pharmabranche treibend. Außerdem habe die Telekommunikation für mehr als 20.000 neue Arbeitsplätze gesorgt.
Die meisten dieser Stellen entstanden eher für Facharbeiter und Akademiker. Doch auch Geringqualifizierte waren gefragt, zum Beispiel bei Reinigungsdiensten und in der Sicherheitswirtschaft.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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