05.08.2010 · In den neuen Bundesländern schnappt die demographische Falle früher zu als anderswo. Wegen des Geburtenausfalls nach der Wende und der hohen Abwanderung fehlen der Wirtschaft Arbeitskräfte. Die betroffenen Länder reagieren mit unterschiedlichen Strategien.
Von Sven AstheimerDie Zukunft hat in Bitterfeld schon begonnen. Armin Schenk will sie mit einem halben Dutzend Mitarbeitern gestalten. Dazu braucht er 40.000 Euro, die ihm der Kreistag Ende August genehmigen soll. Mit dem Geld will die Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, deren Geschäftsführer der 49 Jahre alte Schenk ist, die Region auf ein Problem vorbereiten, das viele Unternehmen seiner Meinung nach „noch immer nicht richtig wahrgenommen haben“: den drohenden Arbeitskräftemangel.
Wenn sein Projekt genehmigt wird, will Schenk ein Netz für die heimischen Metallunternehmen und speziell die Automobilzulieferer knüpfen, um deren künftigen Personalbedarf überhaupt erst einmal zu ermitteln. „Die meisten Kleinbetriebe haben doch gar kein Personalmanagement.“ Mit diesem Wissen will er dann in die Schulen gehen und gezielt für die gefragten Ausbildungsgänge werben. Am Ende, so sein Ziel, soll kein Abgänger mehr ohne Ausbildungsplatz bleiben.
Den Arbeitgebern fehlt der Nachwuchs
Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung bildet Sachsen-Anhalt das Zentrum des demographischen Wandels in Deutschland. Hier altert und schrumpft die Bevölkerung am stärksten. Demnach sinkt die Einwohnerzahl in den Jahren 2006 bis 2025 um 400.000 oder 17 Prozent auf 2 Millionen. Am Ende dieses Prozesses werde Sachsen-Anhalt „das älteste Bundesland“ sein, wenn jeder zweite Bürger 54 Jahre oder älter ist. Während die Prognosen für die kreisfreien Städte Magdeburg und Halle noch halbwegs moderat ausfallen, wird es einige Landkreise umso stärker treffen. Am düstersten sieht es für Anhalt-Bitterfeld aus. Rund ein Viertel der derzeit knapp 180.000 Einwohner dürfte in 15 Jahren verschwunden sein. Die Zahl der Einwohner in der „Elterngeneration“ zwischen 22 und 35 Jahren halbiert sich. Weniger Eltern und sinkende Geburtenraten bedeuten weniger Kinder, später weniger Jugendliche und weniger Arbeitskräfte.
Die ersten Auswirkungen dieses tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels sind schon zu spüren. Nach Angaben des Landes wurden in Anhalt-Bitterfeld während der vergangenen vier Jahre gleich sechs allgemeinbildende Schulen aufgrund fehlender Schülerzahlen geschlossen. Dass der Nachwuchs ausbleibt, bekommen auch die Arbeitgeber zu spüren, berichtet Schenk.
Zwar sei etwa eine Stelle, die der Bayer-Konzern für sein Werk im Chemiedreieck ausschreibe, immer noch am nächsten Tag besetzt. Schließlich sind solche Arbeitsplätze, in denen hohe Tarifvergütungen gezahlt werden, immer noch rar, wird doch die ostdeutsche Wirtschaft noch viel stärker als die westdeutsche von Klein- und Kleinstbetrieben – häufig ohne Tarifbindung – dominiert. Und deren Strahlkraft auf potentielle Bewerber ist begrenzt. So schrieben einige Unternehmen noch kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres offene Lehrstellen in den Zeitungen aus, berichtet Schenk über die aktuelle Entwicklung. „Das gab es früher nicht.“ Im Gegenteil: Aus Mangel an Kapazitäten seien viele junge Leute zur Ausbildung in den Westen geschickt worden.
„Die wirtschaftliche Dynamik geht zurück“
Der Osten steht mit seinen Problemen keineswegs alleine da, denn Deutschlands Bevölkerung schrumpft insgesamt. Er ist aber früher dran. Laut Statistischem Bundesamt sinkt die Zahl der Bundesbürger von heute knapp 82 Millionen auf weniger as 79 Millionen im Jahr 2025. Weitere zehn Jahre später werden es dann noch einmal rund 3 Millionen weniger sein. Gleichzeitig altert die Bevölkerung: Während die Gruppe der über 64-Jährigen innerhalb des nächsten Vierteljahrhunderts von 17 auf 24 Millionen anschwillt, sinkt die der Kinder und Jugendlichen um 2 auf 13 Millionen. Die Gruppe der Personen im erwerbsfähigen Alter nimmt sogar um 8,4 Millionen ab. Kommen heute auf einen Rentner noch rechnerisch drei Erwerbsfähige, sind es bald nur noch zwei.
Auf die Konsequenzen aus dieser Veränderung weist das Baseler Prognos-Institut in seinem „Deutschland Report 2025“ hin. „Die wirtschaftliche Dynamik geht zurück“, sagt dessen Geschäftsführer Christian Böllhoff. Die Schweizer sehen die deutsche Wirtschaft nur noch mit einer jährlichen Rate von einem Prozent wachsen – und das im günstigsten Fall. Dazu müsste es gelingen, möglichst viele Potentiale für den Arbeitsmarkt zu erschließen. Das bedeute längere Lebensarbeitszeiten, eine stärkere Beteiligung der Frauen, Älteren und Migranten sowie sinnvolle Bildungsinvestitionen.
Was diese globalen Betrachtungen nicht zeigen, sind die erheblichen Unterschiede innerhalb Deutschlands. So können westdeutsche Ballungszentren wie das Rhein-Main-Gebiet oder die Großräume München und Hamburg, aber auch weite Teile Baden-Württembergs sogar insgesamt mit Bevölkerungszuwächsen rechnen, wenngleich auch hier die jüngeren Kohorten schrumpfen. Dagegen schneidet der Osten fast durchgehend schlecht ab. Lediglich für das brandenburgische Umland von Berlin und einige urbane Kerne fallen die Prognosen positiv aus.
Der Aufholprozess zum Westen gerät in Gefahr
Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schrumpft in den neuen Bundesländern die Bevölkerung im Erwerbsalter von 10 Millionen im Jahr 2008 auf rund 7 Millionen im Jahr 2025. Das hat mehrere Gründe. Vor allem führen die Wissenschaftler Johann Fuchs und Gerd Zika den Geburtenausfall nach der Wende an, als sich viele Menschen aufgrund der unsicheren Zukunftsaussichten häufiger gegen Kinder entschieden und sich die Geburtenzahlen halbierten. Zudem verliere der Osten eine Viertelmillion Arbeitskräfte an den Westen und übt weniger Attraktivität aus auf Zuwanderer.
Kurzfristig hat dieser Rückgang sogar zu einer Entspannung am Arbeitsmarkt geführt. So sank die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern schon im vergangenen Jahr trotz Krise: Für die Zukunft erwarten Arbeitsmarktforscher eine deutliche Abnahme der Unterbeschäftigung. Gleichzeitig beeinträchtigt ein Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften aber die Attraktivität des Standortes. „Dadurch besteht die Gefahr, dass Ostdeutschland in einen Teufelskreis aus geringeren Einnahmen, geringeren Infrastrukturinvestitionen, sinkender Standortattraktivität und ständig abnehmender Einwohnerzahl gerät“, warnen die IAB-Forscher. Der ohnehin schwierige Aufholprozess zum Westen gerät in Gefahr.
Nicht zu einer Party einladen, zu der keiner kommt
Die ostdeutschen Länder versuchen deshalb gegenzusteuern. Brandenburg etwa will aus seiner geographischen Lage Kapital schlagen und wirbt vor der Öffnung des Arbeitsmarktes im Mai verstärkt um Auszubildende aus Polen, was angesichts der guten Konjunktur im Nachbarland allerdings kein leichtes Unterfangen werden dürfte. Schließlich werben grenznahe Städte wie Stettin schon auf Stellenbörsen in Ostdeutschland um Personal. Brandenburgs Arbeitsminister Günter Baaske (SPD) hat deshalb schon davor gewarnt, zu einer Party einzuladen, zu der keiner kommt. In Sachsen-Anhalt haben Regierung, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Arbeitsagentur im Juni einen „Fachkräftesicherungspakt“ unterschrieben, der Bildungssystem und Arbeitsmarkt enger miteinander verzahnen soll. Das vorhandene Angebot an Arbeitskräften soll besser genutzt werden. Die Botschaft lautet: Jeder wird gebraucht.
Dafür braucht es wiederum Leute wie Armin Schenk, die den Kontakt zur Wirtschaft halten. Schließlich kann sich deren Bedarf auch schnell ändern, wie Schenk am eigenen Leib erfahren hat. Gleich nach der Wende wechselte der gelernte Elektrotechniker zur Wirtschaftsförderung in Bitterfeld. „Damals“, erinnert er sich, „waren meine Qualifikationen nicht sonderlich gefragt am Arbeitsmarkt“, deshalb orientierte er sich um. Heute wäre er damit wohl ein begehrter Mitarbeiter.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.369,09 | −1,80% |
| Dow Jones | 12.451,50 | −1,03% |
| EUR/USD | 1,2398 | −0,72% |
| Rohöl Brent Crude | 103,63 $ | −3,01% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?