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Arbeitsmarkt : In Osteuropa werden die Arbeitskräfte knapp

Vollbeschäftigt: Arbeitnehmer in Tschechien brauchen sich nicht vor Arbeitslosigkeit zu fürchten. Bild: Picture-Alliance

Hierzulande soll bis 2025 Vollbeschäftigung herrschen. In Tschechien ist das schon heute der Fall. Für die Menschen ist das gut - für die Wirtschaft weniger.

          Angesichts der sinkenden Arbeitslosigkeit warnt die deutsche Wirtschaft in Ostmitteleuropa vor einer gravierenden Knappheit an Mitarbeitern. Besonders kritisch ist die Lage in der Tschechischen Republik, dem Land mit der geringsten Arbeitslosenquote in der EU, wo praktisch Vollbeschäftigung herrscht. „So wünschenswert eine geringe Arbeitslosigkeit ist: Der Fachkräftemangel gefährdet das Wachstum unserer Unternehmen“, sagt Bernard Bauer, der Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Prag. „Sie müssen Aufträge ablehnen und Investitionen überdenken, weil sie nicht genügend Leute finden.“ Ähnlich sieht es in den anderen Ländern der sogenannten Visegrád-Gruppe aus, in Ungarn, Polen und der Slowakei. Damit wird die Kehrseite der guten Beschäftigungslage deutlich, die sich auch in Teilen Westeuropas zeigt. Die Warnung aus Osteuropa kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich in Deutschland CDU und CSU in ihrem Wahlprogramm die Vollbeschäftigung zum Ziel gesetzt haben. Eine Definition dafür geben sie nicht, aber sie versprechen, bis 2025 die Zahl der Arbeitslosen auf weniger als 1,3 Millionen zu halbieren.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit beträgt die Quote derzeit 5,5 Prozent, die EU weist für Deutschland 3,9 Prozent aus. Legt man als Messlatte für Vollbeschäftigung drei Prozent an, dann hat die Tschechische Republik dieses Ziel im Mai erreicht. Damit ist das Land Spitzenreiter in der EU vor Deutschland, Malta, Ungarn, Großbritannien und Polen. Auffällig ist, dass sich die Situation in den meisten östlichen Mitgliedstaaten viel besser darstellt als im EU-Durchschnitt von 7,8 Prozent, und erst recht als im Euroraum mit 9,3 Prozent.

          „Das gilt nicht nur für Fachkräfte“

          Wie die deutsche Kammer in Tschechien, so klagen auch die Schwesterinstitute in Budapest, Warschau und Pressburg (Bratislava) über fehlende Mitarbeiter in ihren Mitgliedsunternehmen. In den aktuellen Kammerumfragen zählt der Fachkräftemangel zu den größten und am schnellsten wachsenden Hemmnissen. „Die Situation hat sich dramatisch verschlechtert“, sagt Gabriel Brennauer, Geschäftsführer der deutschen Kammer in Ungarn. Drei von vier befragten Unternehmen seien mit der Verfügbarkeit von Fachkräften unzufrieden. Am stärksten litten die großen exportorientierten Industriebetriebe.

          Auch in der Slowakei, vor allem im industrialisierten Westen, sei der Arbeitsmarkt „leergefegt“, sagt der dortige Kammerchef Guido Glania. „Das gilt nicht nur für Fachkräfte, sondern auch für Ungelernte. Und natürlich treibt es die Löhne hoch.“ Besonders deutlich zeigt sich das in der Automobilindustrie. Kein anderes Land der Welt produziert je tausend Einwohner so viele Fahrzeuge wie die Slowakei, derzeit baut Jaguar Land Rover ein neues Werk in Nitra. „Die Hersteller werben sich gegenseitig die Leute ab, und die können entsprechend hohe Forderungen stellen“, sagt Glania.

          VW, der größte ausländische Investor und Arbeitgeber, kann ein Lied davon singen. Weil der Konzern die Mitarbeiter im Werk Pressburg unbedingt halten will, musste er ihnen kürzlich Lohnerhöhungen von 14 Prozent zugestehen. Seit das Land die duale Berufsausbildung eingeführt hat, nimmt zumindest das Qualifikationsniveau zu: Seit 2016 betreibt VW gemeinsam mit Siemens und dem slowakischen Zulieferer Matador ein eigenes Berufsschulzentrum, in das neun Millionen Euro geflossen sind. Jedes Jahr sollen 100 Absolventen die „Duale Akademie“ in Pressburg verlassen – mit einer Arbeitsplatzgarantie für VW.

          Je nach Nettoumsatz 10 oder 19 Prozent

          Deutschland mit seinen großen Industriegruppen und Handelsketten ist in Ostmitteleuropa der führende Investor sowie Partner für Handel und Wissenstransfer. Der überdurchschnittliche Beschäftigungsaufbau in den Visegrád-Ländern hat mit der geographischen Lage, mit der EU-Förderung und mit der Integration in die Lieferketten zu tun. Aber bisher natürlich auch mit der Verfügbarkeit von gutem Personal und den niedrigen Arbeitskosten. Bei vergleichbarer Produktivität betragen die Löhne in der Industrie nur etwa ein Drittel des deutschen Niveaus.

          Doch dieser Abstand verringert sich, weil die Reallohnsteigerungen in Ostmitteleuropa höher sind. In Polen stellen sich die deutschen Unternehmen für dieses Jahr auf eine Zunahme von fünf Prozent ein. In Tschechien erwartet ein Viertel der deutschen Unternehmen sogar Lohnkostenerhöhungen von mehr als acht Prozent. Nicht zuletzt deshalb rechnet die Kammer in Prag trotz einer exzellenten Geschäftslage mit einem Rückgang der Neueinstellungen und mit einer stagnierenden Investitionsbereitschaft.

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          Damit der Standortvorteil niedriger Kosten nicht schwindet, steuern einige Regierungen gegen. Ungarn senkt in diesem Jahr den Arbeitgeberbeitrag zu den Sozialabgaben von 27 auf 22 Prozent und führt zugleich einen Einheitssatz in der Körperschaftsteuer von neun Prozent ein. Das ist der niedrigste Wert in der EU und der zweitniedrigste in der OECD. Bisher mussten die Betriebe je nach Nettoumsatz 10 oder 19 Prozent zahlen.

          Als eine der Hauptschwierigkeiten auf den östlichen Arbeitsmärkten gilt der hohe Akademikeranteil. Bis zu 90 Prozent der Schulabgänger nehmen ein Studium auf und stehen deshalb für eine Lehre nicht zur Verfügung. Die Unternehmen versuchen die Lücke mit Automatisierung zu schließen. Auch deshalb gelten Länder wie Tschechien als Vorreiter in der Digitalisierung und der Industrie 4.0.

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