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Arbeitsmarkt Immer weniger Mitarbeiter werden weitergebildet

26.07.2005 ·  Schlagworte wie lebenslanges Lernen, Wissensgesellschaft und mehr Geld für Bildung sind feste Bestandteile fast jeder Politikerrede. Mit der Praxis indes hat das offenbar wenig zu tun.

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Schlagworte wie lebenslanges Lernen, Wissensgesellschaft und mehr Geld für Bildung sind feste Bestandteile fast jeder Politikerrede. Mit der Praxis indes hat das offenbar wenig zu tun. "Der Markt für Weiterbildung sinkt seit Jahren, im vergangenen Jahr noch einmal um 7 Prozent", stellt Heinz Przewodnik, Vorsitzender der Geschäftsführung der IIR Deutschland GmbH, nüchtern fest. Das Unternehmen mit Sitz in Sulzbach bei Frankfurt ist in Deutschland der zweitgrößte Anbieter von Weiterbildung nach Euroforum und vor Management Circle.

Anders als zur Hochzeit Ende der neunziger Jahre werden nun weniger Weiterbildungsmaßnahmen genehmigt und finanziert - vor allem aber immer weiter gekürzt. Was früher fünf Tage dauern durfte, muß mittlerweile in drei Tagen geschafft sein, frühere Dreitagesseminare finden heute nur noch zwei Tage statt. Für das laufende Jahr zeigt sich Przewodnik jedoch wieder etwas optimistischer, denn "2005 wird nach vielen Jahren des Umsatzrückgangs das erste sein, in dem die Branche wieder wächst". Das größte Problem sieht Przewodnik darin, daß immer weniger Mitarbeiter von ihrem Unternehmen eine Weiterbildung finanziert bekommen. Zwar stehe Deutschland mit einem Anteil von 26 Prozent der Weiterbildungsteilnehmer an den Gesamtbelegschaften sehr viel besser da als noch vor 25 Jahren. Damals kam gerade einmal jeder zehnte Mitarbeiter in den Genuß einer Weiterbildung. Vor vier Jahren hatte der Anteil bereits 30 Prozent erreicht - und seitdem sinkt er.

Immer mehr ganz spezielle Problemlösungen

Davon sind vor allem Weiterbildungsveranstaltungen mit allgemeinen Themenfeldern betroffen, die früher auch schon einmal als Belohnung für gute Leistung genehmigt wurden. Die Betriebe fragen immer mehr ganz spezielle Problemlösungen nach. Weltweit, IIR Deutschland ist die Tochtergesellschaft der gleichnamigen amerikanischen Firma, mache man daher schon 60 Prozent des Umsatzes mit rein firmeninternen Schulungen, sogenannten Lehrgängen. Das sei das krisenfesteste Angebot in der Weiterbildung. In Deutschland liegt der Anteil mit 50 Prozent noch etwas darunter.

Diese Trainingsseminare werden im Direktvertrieb an die Firmen verkauft. Ein großer Teil der 200 festen Mitarbeiter von IIR Deutschland ist damit beschäftigt. Je stärker das Seminar auf ganz konkrete Probleme eingehen soll, um so stärker müssen die Anbieter aber auch die Entwicklungen in Technik und Betriebsführung verfolgen. Die Inhalte eines Trainings in der Informationstechnologie sind kaum länger als zwei Jahre im Angebot. Die längste Lebensdauer, so Przewodnik, haben Führungstrainings (Führungstechniken, Konfliktmanagement). Da würden im Jahr nur 15 Prozent des Inhalts gegen neue Inhalte ausgetauscht. "Wir ersetzen im Jahr 50 bis 70 Prozent unserer Veranstaltungen durch neue", beschreibt Przewodnik die allgemeine kurze Lebensdauer von Angeboten im Weiterbildungssektor. Daher ist die Projektentwicklung mit 45 Projektleitern auch personell gut ausgestattet. Sie recherchieren permanent auf den Märkten und entwickeln neue Produkte, also neue Weiterbildungsangebote.

Bar jeder Allgemeinverständlichkeit

Auf eine längere Lebensdauer setzt man bei dem anderen Schwerpunkt von IIR, bei den Konferenzveranstaltungen und Jahreskongressen. Diese Veranstaltungen leben vom Auftritt internationaler Gurus der Branche, die die Besucher hören und sehen wollen. Aber auch sie lassen jede Allgemeinverständlichkeit vermissen und wenden sich an die Spezialisten, wie der seit sieben Jahren erfolgreich durchgeführte Jahreskongreß "EAI - Geschäftsprozeßorientierte Architekturen für Business Integration", das dritte "CTI-Symposion für innovative Fahrzeug-Getriebe" oder "Help Desk, das führende Anwenderforum für User Help Desk und IT-Support im deutschsprachigen Raum".

Von prominenten Zugpferden lebt auch die erstmals in Deutschland durchgeführte Veranstaltung "Leaders in Europe", auf der Manager der ersten Führungsebene sich von Leuten wie Michael Gorbatschow, Madeleine Albright, Donald Trump oder Helmut Kohl inspirieren lassen sollen. "Die erste Führungsebene einer Wirtschaft braucht keine Lösungsvorschläge für technische Schwierigkeiten, die brauchen Kraft, Energie und Ideen von charismatischen Leuten", begründet Przewodnik die Auswahl der Referenten auf der zweitägigen Veranstaltung in München im Dezember dieses Jahres. In Asien und Amerika habe man solche Großveranstaltungen mit 1500 bis 2000 Gästen schon erfolgreich organisiert, in Europa sei es das erste Mal.

Wovon Weiterbildung abhängt

Stärker nach Deutschland kommen aus Amerika Lehrgänge mit modularem Aufbau, die den Teilnehmer bis zum Universitätsabschluß führen können. Hier werden offenbar Entwicklungen sichtbar wie auch in der universitären Ausbildung (Bachelor, Master), daß man auch hierzulande immer stärker die Ausbildung berufsbegleitend wählt und nicht der beruflichen Tätigkeit vorschaltet, wie es bisher üblich war. Die größten Impulse für den Weiterbildungsmarkt würde aber ein nachhaltiger Aufschwung bringen.

Ob in einer Branche viel oder wenig Geld für Weiterbildung ausgegeben wird, hängt nach Przewodniks Worten von dem technischen Innovationsgrad der Branche ab, vom Wachstum und von der subjektiven Befindlichkeit. Hoher technischer Innovationsgrad führt ebenso zu mehr Weiterbildung wie auch starkes Wachstum und ein gutes Gefühl. Die Pharmabranche stehe derzeit objektiv gut da, da sie aber ständig politisch unter Beschuß stehe, fühle sie sich schlecht - und reduziert die Weiterbildungsausgaben. Ob da die Bundestagswahl etwas ändert, bleibt ungewiß. IIR rechnet jedenfalls damit, den Vorjahresumsatz von 37 Millionen Euro in Deutschland zu erhöhen. Weltweit setzte IIR 2004 knapp 573 Millionen Dollar in 70 Ländern um.

Quelle: geg., F.A.Z., 26.07.2005, Nr. 171 / Seite 16
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