08.03.2007 · Einen Anruf vom Headhunter bekamen bislang vor allem begehrte Fach- und Führungskräfte. In Großbritannien soll das jetzt anders werden. Nach dem Willen der Regierung sollen private Personalvermittler demnächst auch Langzeitarbeitslose betreuen.
Von Claudia Bröll, LondonDer Anruf vom Headhunter könnte in Großbritannien bald nicht mehr nur für Fach- und Führungskräfte gang und gäbe sein. Wenn es nach dem Willen der Regierung geht, sollen private Personalvermittler künftig eine bisher wenig gefragte Klientel betreuen: die Langzeitarbeitslosen. Dies ist einer der Vorschläge eines unabhängigen Expertengutachtens, das Premierminister Tony Blair in dieser Woche vorgestellt hat.
Neben der Teilprivatisierung der Arbeitsvermittlung kündigte Blair an, alleinerziehende Mütter und Väter zu einer schnelleren Rückkehr auf den Arbeitsmarkt zu drängen. 1,3 Millionen Langzeitarbeitslose sollen so in Lohn und Brot kommen. „Wenn wir uns unseren Wohlfahrtsstaat auch in Zukunft leisten wollen, wenn wir nicht nur Arbeitslosen Unterstützung zahlen, sondern auch der wachsenden Zahl an Rentnern eine höhere Grundrente garantieren wollen, müssen wir mehr Menschen in Arbeit bringen“, sagte Blair.
Relativ geringe Arbeitslosigkeit
Mit dem Bericht hatte das Sozialministerium David Freud beauftragt, einen früheren Investmentbanker. Seine Vorschläge werden auch in der Labour-Partei nicht unumstritten sein. Gordon Brown, der Blair vermutlich in diesem Sommer als Premierminister beerben wird, versprach schon, die Reformideen in seinen demnächst anstehenden Bericht zum Haushalt aufzunehmen. Freud sollte die Antwort finden, wie die Regierung ihr Ziel erreichen kann, die Beschäftigungsquote - den Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter - von 74,5 auf 80 Prozent zu steigern. Eine Quote in dieser Größenordnung erreicht unter den OECD-Ländern derzeit nur Island. In Deutschland liegt der Anteil etwas unter 70 Prozent. 3,5 Millionen Menschen erhielten auf der Insel eine Art von Arbeitslosenunterstützung, dazu zählten 2,5 Millionen Empfänger einer Invalidenrente und 800.000 alleinerziehende Mütter und Väter.
Die Arbeitslosigkeit in Großbritannien ist im internationalen Vergleich relativ gering. Die Regierung gibt an, in den vergangenen zehn Jahren 2,5 Millionen Menschen in Arbeit gebracht und die Zahl der Hilfeempfänger um 900.000 gesenkt zu haben. Dass sie die Reformen dennoch vorantreibt, hat einen Grund: Großbritannien muss sparen. Vor kurzem prognostizierte die Denkfabrik Institute for Fiscal Studies, dass der finanzielle Spielraum künftig enger werde. Heute bekommen 18 Prozent der Briten staatliche Unterstützung, 1971 waren es 8 Prozent.
Radikaler Wandel
Die Vorschläge Freuds bedeuten einen radikalen Wandel in der Arbeitsmarktpolitik. Die staatlichen Arbeitsagenturen Jobcentre Plus, die bisher vornehmlich Langzeitarbeitslose betreuen, sollen dieses Feld Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen überlassen. Stattdessen sollen sie sich auf Suchende mit guten Beschäftigungschancen konzentrieren. „Es gibt keinen abschließenden Beweis dafür, dass die Privatwirtschaft besser ist als der öffentliche Sektor“, sagte Freud, „aber Wettbewerb unter den Dienstleistern bedeutet potentiell einen Gewinn.“ Bedenken, dass sich Headhunter für dieses Geschäft gar nicht interessieren könnten, wies er zurück. „Ich habe keinen Zweifel, dass daraus ein Milliardenmarkt werden könnte, der eine breite Palette von privaten Personaldienstleistern und Wohlfahrtsorganisationen anzieht.“ Gewerkschaftsvertreter reagierten mit Entrüstung auf Freuds Vorschläge. Sie warnten vor Arbeitsplatzabbau in den Arbeitsagenturen und kündigten Streiks an.
Weitaus heftigere Kritik erntete der Vorschlag, alleinerziehende Mütter oder Väter schneller als bisher in das Erwerbsleben zurückzuholen. Derzeit dürfen Alleinerziehende in Großbritannien bis zum 16. Geburtstag des jüngsten Kindes zu Hause bleiben, ohne die Unterstützung von 86 Euro in der Woche zu gefährden.
Arbeitslose in Großbritannien
Anna Meyer (Emmamotte)
- 09.03.2007, 16:20 Uhr
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