02.02.2005 · Fünf Millionen Arbeitslose - diese Zahl mußte die Bundesagentur für Arbeit an diesem Mittwoch verkünden. Ein FAZ.NET-Spezial über einen traurigen Nachkriegsrekord.
Die Zahl der registrierten Arbeitslosen in Deutschland hat im Januar die 5-Millionen-Marke überschritten - als Folge der Einbeziehung früherer Sozialhilfeempfänger in die offizielle Arbeitslosenstatistik. 5 Millionen Arbeitslose sind für die Bundesrepublik ein Rekord.
Ähnliche Größenordnungen gab es zuletzt in der Weltwirtschaftskrise. Von November 1931 bis zum Mai 1933 waren im Deutschen Reich mehr als 5 Millionen Arbeitslose registriert, mit einem Spitzenwert von 6.128.429 Arbeitslosen im Februar 1932. Freilich lag damals die Arbeitslosenquote mehr als doppelt so hoch wie heute. Insoweit ist die heutige Lage mit der dramatischen Situation Anfang der dreißiger Jahre nicht vergleichbar.
Eigentlich mehr als 6 Millionen Arbeitslose
Der statistische Vergleich gibt ohnehin nur begrenzt Aufschluß, weil die registrierten Arbeitslosen damals wie heute nicht alle Erwerbslosen erfaßten. Wirtschaftshistoriker berechnen für das Jahr 1932 mehr als 7 Millionen Arbeitslose, wenn sie die geschätzte Zahl an "unsichtbaren Arbeitslosen" einbeziehen. Und eigentlich hat auch die Bundesrepublik die Marke von 5, ja sogar von 6 Millionen Arbeitslosen schon lange überschritten.
Rechnet man wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die verdeckt Arbeitslosen mit, hatte Deutschland von 1996 bis 1998 und dann wieder vom Jahr 2003 an mehr als 6 Millionen Arbeitslose. Sozialhilfeempfänger sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Die verdeckt Arbeitslosen, im vergangenen Jahr 1,625 Millionen Menschen, werden nicht als offiziell Arbeitslose geführt. Statistisch gesehen, verschwinden sie in Ausbildungsmaßnahmen, in subventionierter Beschäftigung oder im Vorruhestand, der mehr als eine Million älterer Menschen dem Arbeitsmarkt entzieht. Unter Einbezug der verdeckt Arbeitslosen hätte die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr rund 16 Prozent betragen und nicht 11,7 Prozent wie ausgewiesen.
Sockelarbeitslosigkeit war ein Fremdwort
Unabhängig von allen statistischen Abgrenzungsproblemen offenbaren die Daten die strukturelle Schwäche des heutigen deutschen Arbeitsmarktes. Die hohe Dauerarbeitslosigkeit, gemessen an der Arbeitslosenquote, hat sich seit den siebziger Jahren in mehreren Stufen aufgebaut. Ökonomen sprechen von Sockelarbeitslosigkeit, die ein untrügliches Zeichen für eine Überregulierung und Verknöcherung des Arbeitsmarktes ist. In konjunkturell schlechten Zeiten steigt die Arbeitslosenquote, in guten Zeiten sinkt sie aber nicht mehr gegen Null - auch weil eine kräftig zulangende Lohnpolitik gering Qualifizierte in die Dauerarbeitslosigkeit und in die Abhängigkeit vom Arbeitsamt drängt.
Eine solche Entwicklung ist nicht naturgegeben. In den fünfziger und sechziger Jahren war Sockelarbeitslosigkeit in Deutschland ein Fremdwort; dies gilt auch für die Zeit vor der Weltwirtschaftskrise. Vor der Einführung der Arbeitsmarktstatistik in den zwanziger Jahren sammelten nur die deutschen Gewerkschaften Daten zur Arbeitslosigkeit unter ihren Mitgliedern; die Angaben reichen bis 1887 zurück. Diese Zahlen sind unvollständig, geben aber einen Einblick in das Auf und Ab des Arbeitsmarktes.
3,5 Millionen neue Stellen
Die Arbeitslosenquote unter den Gewerkschaftsmitgliedern stieg und fiel mit der Konjunktur. Von Verkrustungen war damals nichts zu sehen. Der Schluß liegt nahe, daß die heutigen Probleme etwas mit dem gut ausgebauten Sozialstaat zu tun haben, der die Arbeitslosen schützt und ihnen zugleich Anreize nimmt, sich eine Arbeit zu suchen. Die Hartz-IV-Reformen sollen diesen Teufelskreis ansatzweise durchbrechen.
Die Verkrustung des hiesigen Arbeitsmarktes zeigt sich auch in der Erwerbstätigenstatistik. Seit 1970 hat die Zahl der Erwerbstätigen sich in der Bundesrepublik um 11,7 Millionen Menschen erhöht. Rund 8,2 Millionen davon gehen auf die deutsche Einheit zurück; es bleibt ein Plus von 3,5 Millionen neuen Stellen. Im selben Zeitraum fanden in den Vereinigten Staaten 62 Millionen Menschen Arbeit - fast soviel wie die westdeutsche Bevölkerung ohne Berlin. Die ganze Dynamik eines wenig regulierten Arbeitsmarktes zeigt sich indes erst im prozentualen Vergleich: In Deutschland wurden von 1970 bis zum vergangenen Jahr 13 Prozent mehr Erwerbsgelegenheiten geschaffen, in den Vereinigten Staaten 78 Prozent.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.369,44 | −1,77% |
| Dow Jones | 12.454,00 | −1,01% |
| EUR/USD | 1,2398 | −0,72% |
| Rohöl Brent Crude | 103,63 $ | −3,01% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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