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Arbeitsmarkt Der endgültige Abschied vom Traumarbeitsplatz

19.08.2004 ·  Aus Angst vor Hartz IV nehmen immer mehr Erwerbslose einen geringeren Lohn und harte Arbeit in Kauf. Eine bundesweite Tendenz läßt sich allerdings noch nicht ableiten.

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Gemüse sortieren in einem Großmarkt - für solche Arbeiten fanden sich in der Vergangenheit häufig wochenlang kaum Interessenten. Als ein Leipziger Großmarkt vor kurzem 25 Stellen im Schichtbetrieb der Zeitarbeitsgesellschaft Manpower anbot, erlebte das Unternehmen eine Überraschung: Sämtliche Positionen konnten besetzt werden, und das innerhalb von eineinhalb Tagen.

Private Personaldienstleister berichten derzeit von den ersten spürbaren Auswirkungen der Hartz-IV-Reform, allen voran die Zeitarbeitsunternehmen. Eine bundesweite Tendenz läßt sich daraus allerdings noch nicht ableiten. Mit verstärktem Andrang von Bewerbern rechnen die Vermittler erst vom 1. Januar kommenden Jahres an, wenn das Arbeitslosengeld II zum ersten Mal ausgezahlt wird und die Menschen die Einbußen auf ihrem Konto feststellen. Auch die Agenturen für Arbeit richten sich derzeit schon auf ein verstärktes Interesse für Stellen ein, für die sich bisher allenfalls ausländische Kräfte fanden. So könnte der Einsatz als Erntehelfer in der Landwirtschaft wieder attraktiver werden, heißt es in einigen Ämtern.

"Man wartet nicht mehr auf den Traumarbeitsplatz"

"In Leipzig erhalten wir zur Zeit doppelt so viele Bewerbungen auf Anzeigen wie früher", berichtet die Sprecherin der Zeitarbeitsgesellschaft Manpower, Katja Hartmann. Ähnlich sei die Lage in anderen Niederlassungen in Deutschland. Deutlich mehr Arbeitsuchende kämen tagtäglich in die Filialen und erkundigten sich nach neuen Angeboten. Auch die Zeitarbeitsgesellschaft Adecco spricht von verstärkten Anfragen und schätzt, daß sich 5 bis 10 Prozent mehr Arbeitslose für Zeitarbeitsstellen interessierten als vor der Hartz-IV-Diskussion. Von einer "Flucht in die Arbeit" könne aber noch keine Rede sein, wiegeln beide Unternehmen ab.

"Früher haben die Leute auf ihren Wunscharbeitsplatz gewartet, heute sind sie eher bereit, Abstriche von den Löhnen oder von der Position zu machen", erklärt Brigitte Dessel, Niederlassungsleiterin der vermittlungsorientierten Zeitarbeitsfirma Start in Siegen. Sie sieht darin einen direkten Zusammenhang zur Debatte um Hartz IV. Insbesondere Arbeitsuchende im Alter von Mitte 40 an und Jüngere nähmen Arbeitsangebote an, die vor einiger Zeit noch verschmäht worden wären. "Man wartet nicht mehr auf den Traumarbeitsplatz."

„Was uns fehlt, ist Wirtschaftskraft - und genügend Arbeitsplätze“

Ein gelernter Maschinenschlosser, der zuvor die Position eines Betriebsleiters innehatte, habe etwa nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit wieder eine Stelle als Maschinenschlosser angenommen und sei damit wieder auf die unteren Sprossen der Karriereleiter zurückgekehrt. Auch Lohneinbußen würden zunehmend hingenommen, beobachtet Dessel. Ein gelernter Industriemechaniker arbeite jetzt als Produktionshelfer für 7,50 Euro in der Stunde. Die Tarife für Industriemechaniker lägen dagegen zwischen 10 und 11 Euro.

So mancher nimmt vorübergehend auch geringere Einkünfte als aus der Arbeitslosenunterstützung in Kauf, nur um wieder den Sprung in Beschäftigung zu schaffen. Ein Zimmermann und Bauzeichner aus Südthüringen suchte fast ein Jahr lang eine Stelle, bevor er als Zeitarbeitskraft bei Adecco angestellt wurde. Jetzt werkelt der 42 Jahre alte Familienvater als Produktionshelfer in Nordbayern - für 640 Euro im Monat. Das sind gerade einmal 40 Euro mehr als seine vorherige Arbeitslosenunterstützung, abzüglich der Fahrtkosten stellt er sich damit sogar schlechter als in der Arbeitslosigkeit. "Ich habe Angst, daß ich wegen Hartz IV in ein soziales Loch falle", sagt er, "daher mache ich eigentlich jeden Job."

In den Arbeitsagenturen dagegen hält man die Beispiele für Einzelfälle. "Es ist nicht so, daß plötzlich alle aufgewacht sind, nur weil jetzt das Arbeitslosengeld II kommt", meint der Sprecher der Arbeitsagentur in Cottbus, Roland Neumann. In dem Bezirk lag die Arbeitslosenquote im Juli abermals bei mehr als 22 Prozent. Daß sich deutsche Arbeitslose bislang für einige Arbeiten zu schade seien, hält er für eine Mär. Helfer für die Gurkenernte - einen Knochenjob - etwa fänden sich in der Region schon seit langem. In den vergangenen Jahren sei der Anteil der deutschen Helfer von rund 20 auf jetzt 30 bis 35 Prozent gestiegen. "Die Leute hier suchen Arbeit und wollen auch Arbeit, das ist nicht erst seit Hartz IV so. Was uns fehlt, ist Wirtschaftskraft - und genügend Arbeitsplätze."

Quelle: clb. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2004, Nr. 192 / Seite 11
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