Home
http://www.faz.net/-gqg-rz4h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arbeitsmarkt „Das Kapital hat viel Macht“

11.01.2006 ·  Für Harvard-Ökonom Richard Freeman wird die Debatte über den deutschen Arbeitsmarkt zu sehr von den Konservativen beherrscht: Verringerung der Unternehmensteuern und niedrigere Löhne würden als Allheilmittel dargestellt. So einfach ist es nicht.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Richard Freeman ist Hutträger und gilt als einer der führenden Arbeitsmarktökonomen in den Vereinigten Staaten. An die „unsichtbare Hand“, die nach Ansicht klassischer Ökonomen Angebot und Nachfrage auf den Märkten zum Ausgleich bringt, glaubt der Professor an der renomierten Havard-Universität nicht. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung äußert er sich über schwache Gewerkschaften, bezahlbare Haushaltshilfen und einen Besuch im Berliner Arbeitsamt.

Herr Professor Freeman, sind die Gewerkschaften noch zu retten?

An einer wichtigen Einsicht führt kein Weg vorbei: Die Möglichkeiten zum Abschluß von Tarifverträgen sind im Zeitalter der Globalisierung äußerst begrenzt. Das Kapital hat viel Macht. Die Unternehmen können die Arbeitsplätze jederzeit an einen anderen Ort verlagern. Damit können die Gewerkschaften vieles von dem, was sie einst taten, heute nicht mehr tun.

Das hört sich so an, als sei die Globalisierung allein für deren Niedergang verantwortlich.

Nein, ganz so ist es nicht. Der Einfluß der Gewerkschaften ist auch in vielen Wirtschaftszweigen geschwunden, die von der Globalisierung überhaupt nicht betroffen sind. Nehmen Sie die einst so einflußreichen Fernfahrer hier in Amerika. Ihnen haben Deregulierung und schärferer Wettbewerb die Macht entzogen.

Wie das?

Die Strategie der Gewerkschaften gründete sich traditionell auf die Vorstellung, daß die Arbeitgeber eine Form von Monopolmacht besäßen, die gebrochen werden könne und müsse, um zusätzliches Geld für die Arbeiter herauszuschlagen. Das war lange richtig. Die Globalisierung und eben auch die Deregulierung haben dazu geführt, daß die Gewinne der Unternehmer geringer geworden sind. Darum ist auch weniger Geld vorhanden, das unter den Arbeitern verteilt werden kann.

Das klingt aus Sicht der Gewerkschaften nicht sonderlich ermutigend.

Die Gewerkschaften können es sich einfach nicht mehr leisten, hohe Löhne zu vereinbaren und darauf zu vertrauen, daß das Unternehmen es schon verkraften wird.

Welches Angebot müssen sie denn machen, um künftig noch eine Chance zu haben?

Sie müssen einen Mehrwert für die Arbeitnehmer schaffen. Sie müssen einen Beitrag leisten zum Produktivitätsfortschritt, der dem Unternehmen Gewinne einbringt und es in die Lage versetzt, ein guter Arbeitgeber zu sein und neue Stellen zu schaffen.

Glauben Sie, daß sich die Arbeiter dann für Gewerkschaften begeistern?

Die Erwartungen an die Gewerkschaften sind von Land zu Land höchst unterschiedlich. Hier in Amerika geht es beispielsweise darum, eine Krankenversicherung oder eine Betriebsrente zu bekommen. Auf der einen Seite sind die Erwartungen hoch, weil der Staat in geringerem Maße für die Menschen da ist, auf der anderen Seite werden die Gewerkschaften kaum noch wahrgenommen. Nicht einmal acht Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft in Amerika sind gewerkschaftlich organisiert.

Halten Sie es für klug, multinationale Konzerne wie Wal-Mart ins Visier zu nehmen?

Wal-Mart hat eine Reihe von billigen Waschmaschinen, Trocknern, Herden und Backöfen. Davon profitieren natürlich die Geringverdiener besonders. Wal-Mart könnte aber zweifellos ein besserer Arbeitgeber sein. Die Löhne könnten ein wenig höher, die Krankenversicherung für die Mitarbeiter großzügiger sein, ohne daß gleich die Preise für das Warenangebot in die Höhe schießen müßten. Es ist recht und billig, daß die Gewerkschaften Wal-Mart in diese Richtung drängen.

Und in Europa?

Dort sollten sich die Gewerkschaften auch für einen Bürokratieabbau einsetzen. Es muß einfacher werden, Unternehmen zu gründen und Arbeitsplätze zu schaffen. Ich glaube im übrigen, daß die Europäer im Zuge der fortschreitenden Globalisierung einen wichtigen Vorteil besitzen: Ein staatliches, aus Steuermitteln finanziertes und in Maßen reguliertes Gesundheitswesen ist auf Dauer im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen.

Warum das?

Hier in Amerika schnellen die Kosten der Unternehmen für Krankenversicherungen ihrer Beschäftigten in die Höhe. Das wird sich auf lange Sicht auch in der Zahl neu geschaffener Stellen niederschlagen. Es ist aber sicher richtig, daß die Gewerkschaften, aber auch die Regierung in Deutschland in der Vergangenheit eine Reihe von schweren Fehlern begangen haben.

Woran denken Sie?

Zu meinen, in Ostdeutschland könnten dieselben Löhne wie in Westdeutschland bezahlt werden, wenn doch die Produktivität viel geringer war. Darum ist die Arbeitslosigkeit so hoch im Osten. Auch die Vorstellung, man könne die Arbeitszeit verkürzen, ohne zugleich auch weniger Lohn zu erhalten, war völlig daneben. In einer globalisierten Welt ist für Dinge wie eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich kein Platz.

In Deutschland insgesamt sind offiziell 4,6 Millionen Menschen arbeitslos, die Arbeitslosenquote beträgt 11,1 Prozent. Sind die hohen Löhne schuld daran, daß nicht mehr Arbeit nachgefragt wird?

Die Daten lassen keine einfache Antwort zu. Der hohen Arbeitslosigkeit steht der Umstand gegenüber, daß Deutschland einen Exportüberschuß aufweist. Ganz offensichtlich sind viele Produkte international wettbewerbsfähig, trotz der hohen Löhne. Wenn die Löhne insgesamt ein Problem wären, gäbe es diesen Exporterfolg nicht. Auf der anderen Seite fehlen in Deutschland aber offenkundig Arbeitsplätze für Geringqualifizierte, vor allem bei Dienstleistungen.

Was schlagen Sie vor?

Die Debatte in Deutschland wird mir ein wenig zu sehr von den Konservativen beherrscht. Dort werden eine Verringerung der Unternehmensteuern und niedrigere Löhne allzu häufig als Allheilmittel dargestellt. So einfach ist es nicht.

Sondern?

Sehen Sie mal: Deutsche Frauen arbeiten in der Woche 10 bis 12 Stunden länger im Haushalt als Amerikanerinnen, und das, obwohl sie im Schnitt weniger Kinder haben. Das hat seinen Grund zum einen in den hohen Steuern, mit denen die Einkommen belastet werden, zum anderen aber auch darin, daß Ersatz für die Haushaltsarbeit in Form von Haushaltshilfen oder Gärtnern und dergleichen nicht so billig zu haben ist wie in Amerika. Staatliche Lohnzuschüsse in Form einer negativen Einkommensteuer könnten hier sicher Abhilfe schaffen.

Auf welche Weise?

Ziel muß es doch sein, einen größeren Anreiz zur Aufnahme einer Arbeit zu einem niedrigen Lohn zu geben. Staatliche Zuschüsse würden helfen, ein gewisses Einkommen trotz niedrigen Lohns zu sichern. Die Zuschüsse müssen freilich irgendwie bezahlt werden. Darum tue ich mich mit Steuersenkungen für Unternehmen schwer.

Aber es sind nicht nur Frauen, die arbeitslos sind.

Klar. Ich war vor einigen Jahren einmal auf einem Arbeitsamt in Berlin. Dort hat man mir gesagt, daß es gar nicht das Ziel sei, einen arbeitslosen 50jährigen tatsächlich zu vermitteln. Statt dessen würden sie bis zum Erreichen des Rentenalters in der Arbeitslosenversicherung mitgezogen. Einige Stellen, die verfügbar waren, waren aus den verschiedensten Gründen angeblich nicht zumutbar. Das hat mich wirklich sehr aufgeregt. Diese Menschen können damit doch nicht zufrieden sein. Das ist ein sehr ungesundes System, denn es nährt eine Schattenwirtschaft.

Wäre es dann nicht viel sinnvoller, der Staat mischte sich nicht ein und ließe den Arbeitsmarkt tatsächlich einen Markt sein, auf dem der Preis ein Signal für Knappheit ist?

Der Arbeitsmarkt ist ungeheuer komplex. Ganz sicher aber ist es kein perfekter Markt, auf dem es automatisch zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage kommt. Auf einem perfekten Markt gäbe es nur einen kleinen Platz für Gewerkschaften, und es gäbe sicher keine Tarifverträge. Gewerkschaften wären dann nicht mehr als eine Interessenvertretung der Arbeitnehmer.

Was stört den Marktmechanismus denn?

Eine Vielzahl von Dingen. Zum einen läßt sich die Produktivität einzelner Arbeitnehmer kaum genau messen. Meist hängt sie von der Zusammenarbeit in Teams und damit von anderen Mitarbeitern ab. Damit ist eine "richtige" Entlohnung kaum möglich. Außerdem geschieht es doch eher selten, daß Arbeitnehmer von einem auf den anderen Tag kündigen, weil sie das Gefühl haben, nicht genug zu verdienen. Diese Ungereimtheiten öffnen den Gewerkschaften die Tür, etwas Gutes zu tun.

Läßt sich der Lebensstandard in der westlichen Welt überhaupt sichern angesichts der Konkurrenz aus Ländern wie China oder Indien, wo die Menschen für einen Bruchteil des Lohns arbeiten?

Nur wenn ein staatliches, aus Steuern finanziertes System der Grundsicherung und der Gesundheitsversorgung besteht. Wichtig ist, die Kosten dafür von den Löhnen abzukoppeln. Dann kann man den Menschen zumuten, zu niedrigeren Löhnen zu arbeiten, ohne nennenswerte Abstriche am Lebensstandard in Kauf nehmen zu müssen.

Ein Hutträger in Havard

Richard Freeman ist durch und durch Ökonom: Sein Haus in Cambridge unweit der Harvard-Universität hat er seit einiger Zeit an eine Gruppe wohlhabender Studenten vermietet. Die Mieteinnahmen, so sagt der 62 Jahre alte Wissenschaftler, reichen mehr als aus, um die Hypothek für ein kleineres Häuschen in etwas größerer Entfernung zur Uni zu finanzieren, in dem Freeman zusammen mit seiner Frau lebt.

Freeman ist Hutträger und einer der führenden Arbeitsmarktökonomen in den Vereinigten Staaten. An die „unsichtbare Hand“, die nach Ansicht klassischer Ökonomen Angebot und Nachfrage auf den Märkten zum Ausgleich bringt, glaubt er nicht.

Freeman, der auch einen Lehrauftrag an der London School of Economics besitzt, ist überzeugter Marktwirtschaftler, hält aber staatliche Eingriffe für notwendig, um Unvollkommenheiten der Märkte auszubügeln.

Das Gespräch führte Claus Tigges.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.01.2006, Nr. 1 / Seite 31
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Barrosos Verantwortung

Von Werner Mussler, Brüssel

Die EU-Kommission schaut den EU-Staaten auf die Finger: Sind ihre Haushalte in Ordnung? Wie sie diese Kontrolle ausübt, wird sich in der Politik entscheiden - abhängig davon, ob sich der französische Weg oder der deutsche Weg zur Krisenbekämpfung durchsetzt. Mehr 1 2

30.05.2012 17:16 Uhr
  Vortag
Dax 6.283,58 −1,77%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.369,44 −1,77%
Dow Jones 12.454,00 −1,01%
EUR/USD 1,2398 −0,72%
Rohöl Brent Crude 103,63 $ −3,01%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.