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Arbeitsmarkt Ausgerechnet Gelsenkirchen

06.04.2006 ·  Mit einer Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent gilt Gelsenkirchen als hoffnungsloser Fall. Ein lokales Bündnis soll vor allem älteren Arbeitslosen wieder eine Perspektive geben - und die Firmen zeigen erstes Interesse.

Von Sven Astheimer
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Die Anspannung im Gelsenkirchener Jobclub ist an diesem Vormittag deutlich spürbar. Prominenter Besuch hat sich angesagt: Rudolf Anzinger, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Kaffee und Plätzchen stehen für den Gast aus Berlin bereit, die Belegschaft ist vollzählig anwesend und verbreitet emsige Betriebsamkeit. Das Bild soll stimmen, wenn einer der wichtigsten Mitarbeiter von Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) dem unscheinbaren Büro in der Gelsenkirchener Innenstadt seine Aufwartung macht. Doch Anzinger kommt nicht. Es heißt, er sei schon auf dem Weg zum nächsten Termin.

Stefan Lob nimmt die Absage äußerlich gelassen hin. Aber natürlich hätte der Geschäftsführer der Gafög GmbH die Chance gern genutzt, Anzinger zu erklären, wie er hier etwas schaffen will, was eigentlich unmöglich klingt: Wie er mit dem Beschäftigungspakt „Best ager“ („Menschen im besten Alter“) innerhalb von zwei Jahren mindestens 1.500 arbeitslosen Menschen über 50 wieder eine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt bauen will. Ausgerechnet hier, ausgerechnet in Gelsenkirchen.

Arbeitslosenquote über 20 Prozent

Wenn Ökonomen erklären wollen, warum der große Graben auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr zwischen West- und Ostdeutschland verläuft, sondern quer durch die Republik, werden als Kronzeugen regelmäßig zwei Städte im Westen des Landes herangezogen: Bremerhaven und eben Gelsenkirchen. Die Stadt, die ihre überregionale Prominenz vor allem dem Fußballverein aus dem Stadtteil Schalke verdankt, hat den Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte im Ruhrgebiet deutlich schlechter verkraftet als benachbarte Kommunen.

In Zahlen bedeutet das seit Jahren eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent. Allein in den neunziger Jahren gingen im produzierenden Gewerbe mehr als 30.000 Arbeitsplätze verloren. So viel Not macht erfinderisch: Längst ist der „City-Service“ nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Die Leute in den blauen Uniformen sind Langzeitarbeitslose, Ein-Euro-Jobber, an die sich Einwohner und Besucher mit ihren Problemen wenden können. Immerhin findet fast jeder zweite anschließend einen festen Arbeitsplatz, sagt Dirk Sußmann, Leiter der örtlichen Arbeitsgemeinschaft. Aber auch er weiß, daß dies nur Tropfen auf den heißen Stein der Arbeitslosigkeit sind.

„Interessante Herausforderung“

Viele junge Leute haben der Stadt mangels Perspektiven bereits den Rücken gekehrt. Seit 1990 sank die Einwohnerzahl Gelsenkirchens um 20.000 auf derzeit noch 270.000. Zwar sei mittlerweile die Talsohle der Umstrukturierung durchschritten, sagt Peter Schnepper vom Industrie- und Handelskammertag und verweist auf Pläne wie die des Öl-Konzerns BP, der eine Milliarde Euro in eine „Vorzeigeraffinerie“ in Gelsenkirchen investieren wolle. „Fatalerweise hat das aber kaum Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.“ Im Gegenteil, viele Unternehmen wollten weitere Stellen streichen.

Stefan Lob kennt dieses Szenario. Er spricht deshalb von einer „interessanten Herausforderung“ und grinst dabei. „Wenn wir das hier hinkriegen, geht es anderswo auch“, sagt der promovierte Soziologe. Als die rot-grüne Bundesregierung den Wettbewerb „Perspektive 50plus“ zur Förderung von Älteren am Arbeitsmarkt ausrief, mußte Lob nicht lange überlegen: Zusammen mit der lokalen Arbeitsgemeinschaft stellte die Gafög - eine gemeinnützige GmbH, deren Träger zur einen Hälfte die Stadt Gelsenkirchen, zur anderen private Unternehmen sind - ein Konzept auf die Beine.

Beamte sind überlastet

„Best ager“ basiert auf der Annahme, daß auch in einer Gesellschaft mit mehr als 5 Millionen Arbeitslosen die Vorzüge von Älteren wie Disziplin und Berufserfahrung noch gefragt sind. Man muß nur Angebot und Nachfrage optimal zusammenbringen oder, wie Arbeitsmarktexperten es nennen, das „Matching“ verbessern. Deshalb setzt das Gelsenkirchener Modell direkt bei den Akteuren an: Ein ständiger Kontakt zwischen potentiellen Arbeitgebern und Bewerbern soll helfen, „paßgenau“ zu vermitteln. Daneben sollen kleinere qualifikatorische Defizite der Arbeitslosen behoben werden.

„Kein revolutionäres Konzept“ ist das, wie Lob einräumt, denn so sollten die öffentlichen Arbeitsverwaltungen eigentlich auch funktionieren. Aber vielerorts sind die Beamten dazu schlicht nicht in der Lage; viele Arbeitsgemeinschaften klagen auch ein Jahr nach der Hartz-IV-Reform noch über Personalmangel, zudem gilt das Hauptaugenmerk dem Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Da kommt ein bißchen Entlastung am anderen Ende der Altersskala gerade recht.

5 Millionen Euro Fördergeld für das Konzept

Von den staatlichen Förderinstrumenten für die Beschäftigung älterer Arbeitsloser, an denen Arbeitsminister Müntefering trotz teilweise vernichtender Beurteilung aus der Wissenschaft weiter festhalten will, ist nur am Rande die Rede. Wenn sich eine Vermittlung anbahne, könnten mit Hilfe von Zuschüssen sicherlich letzte Zweifel des Arbeitgebers zerstreut werden, sagt Lob. „Aber wo noch kein Kuchen ist, da brauche ich über das Sahnehäubchen gar nicht zu reden.“

Das Konzept hat auch andernorts überzeugt. Als eines von 62 prämierten Modellen in ganz Deutschland bekommt Lob nun 5 Millionen Euro Fördergeld aus Steuermitteln und zwei Jahre Zeit, um zu beweisen, daß es funktioniert. Beispielsweise im Fall von Klaus Hegemanns: Der gelernte Staplerfahrer ist 55 Jahre alt und seit drei Jahren arbeitslos. Hoffnung? „Die habe ich längst nicht mehr“, sagt Hegemanns und erzählt von seinem Schwager. Der sei immerhin Facharbeiter, aber schon seit neun Jahren arbeitslos und kein Einzelfall im Bekanntenkreis, sagt Hegemanns.

Mehr als 1.000 Firmenkontakte

Auch die Vermittler bei der Arbeitsgemeinschaft wußten zunächst nicht weiter. Dann schickten sie ihn in den Jobclub. Hier führt er gerade sein zweites Beratungsgespräch. Claudia Klasing erstellt zunächst ein Bewerbungsprofil des Kunden. Vielen muß sie erst mal klarmachen, daß sich die Ansprüche der Arbeitgeber im Laufe der Zeit geändert haben. „Einfach bei der nächsten Firma anklopfen und nach Arbeit fragen, das geht heute nicht mehr“, sagt Klasing. Hegemanns Pessimismus teilt sie nicht. Immerhin hat er einen Führer- und einen Gabelstaplerschein und ist „erst“ drei Jahre arbeitslos. Sie hat auch Fälle, in denen sind es 15 Jahre. „Das wird dann wirklich schwierig.“

Am Nachbartisch durchsucht Andre Jost Stellenmärkte im Internet. Er ist ein „Jobscout“ - er soll offene Stellen aufspüren und mit den passenden Bewerbern zusammenbringen. Dafür muß der Verwaltungswirt vor allem „tüchtig Klinken putzen“. Jost klappert ebenso wie seine drei Kollegen Unternehmen im Radius von 50 Kilometern ab und erfragt den Bedarf an älteren Arbeitnehmern. Mehr als 1.000 Firmenkontakte haben die vier Scouts seit November geknüpft.

Kellnern während der WM

Von der positiven Resonanz ist Jost selbst überrascht. Nur 20 Prozent der Befragten winkten sofort ab. Immerhin fast ein Viertel meldete einen generellen Bedarf an älterem Personal an. „Viele Unternehmen trauen sich aber noch nicht, jemanden einzustellen.“ Deshalb geht es in der zweiten Projektphase um das Nachhaken. Jetzt muß durch viel Überzeugungsarbeit aus dem Interesse ein Jobangebot werden. Dies werde nicht von heute auf morgen geschehen. „Aber ich bin mir sicher, daß im Lauf des Jahres einiges herauskommt“, hofft Jost.

Wem die Jobscouts nicht sofort ein Angebot machen können - bislang ist das die große Mehrheit -, der wird nach Möglichkeit in einem von sieben Teilprojekten qualifiziert. Der Einzelhandelsverband leitet zum Beispiel das „Gastronomieprojekt zur Unterstützung des WM-Standortes Revier“. Zwar können sich die Teilnehmer keine Hoffnungen machen, während des Fußball-Turnieres im Sommer in der Arena Auf Schalke zu servieren. Aber viele Gastwirte suchten angesichts des erwarteten Andrangs ausländischer Fans derzeit händeringend nach qualifiziertem Personal, sagt Ausbilderin Dorothea Holler.

Erwartungen sind hoch

Sie führt gerade eine Gruppe von knapp 40 älteren Arbeitssuchenden in die Feinheiten von Hygiene- und Hackfleischverordnung ein, damit sie schon bald Erfahrungen im Praktikum sammeln können - verbunden mit der Hoffnung auf eine anschließende Übernahme. Andere Teilprojekte bemühen sich um Vermittlungen ins benachbarte Ausland, als haushaltsbezogene Alltagshilfen oder über einen Vertretungspool für Sekretariatstätigkeiten.

Bislang sind die Erfolge des Gelsenkirchener Projekts mit 15 Vermittlungen noch überschaubar. Doch die Erwartungen sind hoch, und die örtliche Arbeitsgemeinschaft will gern alle Erwerbsfähigen unter den mehr als 6.000 Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre in die Jobclubs schicken. Michael Böckler warnt bereits davor, das Projekt zu überfrachten. Er geht davon aus, daß die angepeilte Vermittlungsquote von zwei Drittel aller Kunden nicht erreicht wird, sagt der Arbeitsmarktfachmann vom Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik (IAT), welches das Projekt „Best ager“ in der Umsetzung in die Praxis begleitet.

In zwei Jahren müssen Ergebnisse vorliegen

„Schließlich reden wir über die schwierigste Gruppe auf dem Arbeitsmarkt.“ Die Führungsmannschaft um Stefan Lob weiß jedoch genau, daß sie in knapp zwei Jahren konkrete Ergebnisse vorlegen muß - wie die anderen 61 Beschäftigungspakte auch. Sollte sich das Konzept als wirksam erweisen, dürfen sich die Träger Hoffnungen auf eine Fortführung machen. „Wenn es ein Rohrkrepierer wird, verbleiben nur ein paar Ansätze“, sagt Lob.

Quelle: F.A.Z., 06.04.2006, Nr. 82 / Seite 10
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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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