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Arbeitsmarkt Alt und raus

16.03.2005 ·  Alter beginnt auf dem Arbeitsmarkt früher als in der persönlichen Wahrnehmung. Unter den über 55jährigen arbeiten in Deutschland gerade einmal 40 Prozent - Ergebnis einer über Jahre hinweg verfehlten Politik.

Von Claudia Bröll
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Wer älter als 50 Jahre ist, hat auf dem deutschen Arbeitsmarkt schlechte Karten. Darauf hat jetzt auch der Bundespräsident in seiner Grundsatzrede hingewiesen. Viel zu wenige ältere Menschen gingen einer Beschäftigung nach, dabei könne man auf ihr Wissen und ihre Erfahrung nicht verzichten. Alle Regelungen für den Arbeitsmarkt, ob gesetzlich oder tariflich, müßten daraufhin überprüft werden, ob sie die Beschäftigung förderten.

Was sich in Köhlers Worten relativ einfach anhört, läßt Politiker seit Jahren kapitulieren. Jeder vierte der 5,2 Millionen Arbeitslosen ist älter als 50 Jahre. Zählt man diejenigen dazu, die sich im Vorruhestand befinden oder der Vermittlung durch die Arbeitsagenturen nicht mehr zur Verfügung stehen wollen, fällt die Zahl noch höher aus. Eine Besserung zeichnet sich ungeachtet zahlreicher Appelle und gesetzlicher Reformen nicht ab - zumindest nicht in naher Zukunft. Daß Alter nicht zwangsläufig ein Beschäftigungshemmnis sein muß, zeigt dagegen der internationale Vergleich. Unter denjenigen im Alter über 55 Jahren arbeiten in Deutschland gerade einmal 40 Prozent. Die benachbarte Schweiz kommt auf eine Quote von 70 Prozent.

Nicht nur übersteigerter „Jugendwahn“

Grundsätzlich sind Ältere von Entlassungswellen stärker betroffen als Jüngere, zudem haben sie es schwerer, wieder den Sprung auf den Arbeitsmarkt zu schaffen. Der Grund mag an einem teils übersteigerten "Jugendwahn" in den Unternehmen liegen, daneben sind es vor allem die überdurchschnittlich hohen Kosten ihres Arbeitseinsatzes. Viele tarifliche Regelungen richten sich nach wie vor nach dem Alter oder der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Wer älter ist, verdient automatisch mehr. Gleichzeitig schätzen Unternehmen die Kosten für die Fortbildung älterer Mitarbeiter höher ein als für jüngere. Vorzüge wie längere Berufserfahrung dagegen werden eher unterschätzt.

Nach einer Studie ist fast jedes zweite Unternehmen nicht bereit, einen Älteren bedingungslos einzustellen (Studie: Ältere Arbeitnehmer bei vielen Firmen chancenlos). Angesichts dieser trüben Aussichten darf es nicht verwundern, daß viele mittlerweile resigniert haben. Sie finden sich damit ab, daß ihr Berufsleben nicht mit 65 Jahren, sondern mit 50 oder 55 Jahren endet, und manövrieren sich damit endgültig aus dem Markt.

Verfehlte Tarif- und Arbeitsmarktpolitik

Daß sich Ältere vor allem auf dem deutschen Arbeitsmarkt so schwer tun, liegt an einer über Jahre hinweg verfehlten Tarif- und Arbeitsmarktpolitik. Sie zielte darauf ab, Ältere auszugrenzen, statt sie zu integrieren. Großzügige Vorruhestandsregelungen, ein 32 Monate langer Bezug von Arbeitslosengeld und die Möglichkeit, ab 58 Jahren nicht mehr den Arbeitsagenturen zur Verfügung zu stehen, machten es Unternehmen leicht, sich von älteren Mitarbeitern zu trennen. Sie verschwanden ohne großes Aufheben in trautem Einvernehmen von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Arbeitsämtern und der Politik. Damit war das Problem zwar nicht gelöst, aber zumindest verschleiert. Die Quittung für diese Politik: Die Sozialversicherungssysteme können den Belastungen kaum noch standhalten, die überzogene Vorruhestandspraxis hat einen Mentalitätswandel befördert, der die Arbeitslosigkeit der Älteren noch verfestigt hat.

Mit den Hartz-Reformen wurde zumindest ein erster Schritt getan, um der jahrzehntelangen Praxis ein Ende zu bereiten. Die kürzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes erschwert eine geräuschlose Trennung von älteren Mitarbeitern. Gleichzeitig sorgt Hartz IV für ein Umdenken bei den Betroffenen selbst. Wer nach einem Jahr nur noch mit dem auf Sozialhilfeniveau liegenden Arbeitslosengeld II rechnen kann, wird es sich zweimal überlegen, ob er einem Vorruhestandsangebot sofort zustimmt. Auf der anderen Seite verbessert die faktische Abschaffung des Kündigungsschutzes für Ältere die Einstellungschancen dieser Gruppe. Arbeitgeber dürfen mit Älteren künftig beliebig viele befristete Arbeitsverträge abschließen, ohne dafür einen sachlichen Grund angeben zu müssen.

Es hilft nur ein einziges Mittel

Angesichts der langen Übergangsfristen wird es allerdings noch einige Jahre dauern, bis die Neuerungen Wirkung zeigen. Zu viel sollte man auch davon nicht erwarten. Auf der Arbeitgeberseite ist ungewiß, inwieweit eine Lockerung des Kündigungsschutzes die Bereitschaft zu Einstellungen tatsächlich erhöht. Auf der Arbeitnehmerseite läßt sich bisher noch nicht abschätzen, wie die Betroffenen auf die kürzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes und die Einkommenseinbußen reagieren werden. Der umgekehrte Versuch, ältere Arbeitslose mit Lohnzuschüssen dazu zu bewegen, eine schlechter bezahlte Arbeit anzunehmen, ist bisher zumindest gescheitert. Zu wenig setzen die Reformen am Haupthindernis, den Arbeitskosten, an.

Letztlich hilft auch gegen die hohe Arbeitslosigkeit Älterer nur ein Mittel: eine gefestigtere Konjunktur, die den Arbeitsmarkt insgesamt entlastet und mehr Stellen schafft. Der Weg dorthin kann nur über Kostenentlastung, einen flexibleren Arbeitsmarkt und eine Entkoppelung der Sozialversicherungssysteme von den Arbeitsverträgen führen. In spätestens zehn oder fünfzehn Jahren könnte sich zudem auch der demographische Wandel auf dem Arbeitsmarkt entlastend bemerkbar machen. Damit werden nicht nur weniger Bewerber um Stellenofferten buhlen. Unternehmen könnten Ältere auch wieder mehr zu schätzen wissen, wenn ihre Kunden im Durchschnitt älter werden. Darauf zu warten wäre jedoch fatal.

Auf dem "Jobgipfel" besteht die Möglichkeit, die Weichen für ein stärkeres Wachstum zu stellen. Das Augenmerk von Regierung und Opposition sollte sich nicht nur auf das zweite traurige Kapitel des Arbeitsmarktes, die Jugendarbeitslosigkeit, richten.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2005, Nr. 64 / Seite 11
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