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Arbeitslosigkeit : Ein historischer Trend

Angespannter Arbeitsmarkt - ein Jahrhundert-Trend Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Laufend verschwinden Berufe und Stellen vom Arbeitsmarkt - und werden nicht ersetzt. Eine Studie zeigt, daß das Arbeitsvolumen in Deutschland seit Beginn der Industrialisierung vor rund 120 Jahren ständig fällt.

          Die Löhne sind zu hoch, sagen die einen. Die Binnennachfrage ist zu schwach, sagen die anderen. Für beide Behauptungen gibt es ein gemeinsames Ziel: die Erhöhung der Zahl normaler Vollzeitarbeitsplätze.

          Der Braunschweiger Sozialgeschichtler Gerhard Schildt hat gerade Berechnungen zur historischen Entwicklung der Arbeitsmenge in Deutschland vorgelegt, die geeignet sind, diese Wunschvorstellung zu relativieren. Seit 120 Jahren, so weit reichen verläßliche Statistiken zurück, sinkt ihnen zufolge in Deutschland die jährliche bezahlte Arbeitszeit pro Kopf.

          1887: Die 65-Stunden-Woche

          1882 hat die erste aussagekräftige Berufszählung im Deutschen Reich stattgefunden, die auf gut 17 Millionen Erwerbstätige und knapp 1,2 Millionen „Dienende“, also Haushaltspersonal, kam. Einer Erhebung von Gewerkvereinen im Jahr 1887 lassen sich Angaben über die damals typischen täglichen Arbeitszeiten entnehmen.

          Ein Computer vernichtet mehr Stellen als zu seiner Herstellung nötig sind
          Ein Computer vernichtet mehr Stellen als zu seiner Herstellung nötig sind : Bild: picture-alliance / dpa

          Sie lagen zwischen neun Stunden für Bergarbeiter und zwölf Stunden für Schneider, Schuhmacher und Porzellanarbeiter; vor allem in den armen Handwerksberufen wurde am längsten geschuftet. Im Durchschnitt lag die Arbeitszeit bei 10,8 Stunden am Tag, Pausen nicht miteingerechnet, und bei etwa 65 Stunden in der Woche. Ähnlich lange arbeiteten, derselben Erfassung zufolge, die Kaufleute, die meisten davon auch am Sonntag.

          Im landwirtschaftlichen Sektor, der damals noch rund vierzig Prozent der gesamten Beschäftigten umfaßte, sind die Schätzungen schwieriger, elf Stunden im Sommer und acht im Winter scheinen vernünftige Werte, die man dann je nach regionalen Gepflogenheiten hochrechnen muß: in Bayern gab es damals 16 offizielle katholische Feiertage und 35 inoffizielle.

          Heute: 670 Stunden Arbeit im Jahr

          Da das Vieh auch am Sonntag versorgt werden mußte, fiel aber selbst dann Arbeit an. Dasselbe galt für das Dienstpersonal, denn auch die Herrschaften wollten am Sonntag versorgt werden. Wie hoch man die Arbeitszeit der Militärs ansetzt, scheint hingegen Ansichtssache. Sie selber hätten wohl behauptet, immer im Dienst zu sein. Vergleichbare Unschärfen hat man auch heute noch bei Fragen wie der, ob ein Lehrer oder ein Journalist, der zu Hause ein Buch liest, gerade arbeitet.

          Alles in allem kommt Gerhard Schildt bei 2,6 Prozent Arbeitslosigkeit um 1880, worin Krankheitsausfälle enthalten sind, auf ein Arbeitsjahr pro Kopf, das etwa 1470 Stunden hatte. Noch vor dem Ersten Weltkrieg sank diese Zahl, in den Tarifverträgen näherte man sich der 48-Stunden-Woche. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde außerhalb der schrumpfenden Landwirtschaft der Achtstunden-Tag wirklich, bei steigender Arbeitslosigkeit, einem gesetzlichen Jahresurlaub von sechs Tagen und einem durchschnittlichen Krankenstand von 12,5 Tagen.

          Reduzierte die Massenarbeitslosigkeit Ende der zwanziger Jahre das Arbeitsvolumen drastisch, so erhöhten es die Kriegsvorbereitungen und andere Formen des Anheizens der Binnennachfrage durch die Nationalsozialisten. 1950, als die Bundesanstalt für Arbeit mit ihren Berechnungen begann, lag man dann bei etwa 1000 Arbeitsstunden im Jahr pro Einwohner, 1968 bei etwa 860 und 1990 noch bei 750. Gegenwärtig liegt der offiziell erhobene Wert bei ungefähr 670 Stunden.

          Gleiche Leistung in kürzerer Zeit

          Das alles sind Zahlen, in denen die Schattenwirtschaft nicht erfaßt ist. Der Braunschweiger Historiker hält ihren Umfang aber nicht für groß genug, um dem von ihm errechneten Trend zu widersprechen. Maximal handele es sich um 20 bis 30 Stunden Schwarzarbeit pro Kopf der Bevölkerung - für den Steuerstaat eine relevante Größe, aber für den Arbeitsmarkt kein Vollbeschäftigungspotential.

          Es sei, mit anderen Worten, nicht so, daß der technische Fortschritt, der es erlaubt, bestimmte Güter schneller herzustellen, die frei werdenden Arbeitskräfte in andere Produktionen entläßt. Eigentlich, meint Schildt, habe sich nur der Zeitbedarf für die Erziehung von Kindern nicht vermindert.

          Ob dieser Bereich aber gegenüber anderen technologisierten Haushaltstätigkeiten wirklich eine Ausnahme darstellt, hängt davon ab, wie man die Stellung von Fernsehgeräten und anderen elektronischen Medien einschätzt.

          Spätfolgen der Industrialisierung

          Die Intensivierung des Arbeitsprozesses ist für den Historiker der eine große Grund des geschrumpften Arbeitsvolumens. Der Computer ersetzt beispielsweise mehr Sekretariatspersonal als zu seiner eigenen Herstellung Köpfe nötig sind; sofern diese Herstellung überhaupt dort stattfindet, wo er Arbeitsstunden entbehrlich macht. Den anderen Grund finde man in der Tätigkeit der Gewerkschaften und ihrem Kampf um mehr Freizeit für die Beschäftigten.

          Sind also tatsächlich die Löhne zu hoch? Schildt gibt zu bedenken, daß sie dann seit 120 Jahren schon zu hoch sind. Andererseits führt jede weitere Verkürzung der Lebensarbeitszeit zu einer Belastung der Sozialkassen, weil die soziale Sicherung an der Arbeit hängt.

          Und eine deutliche Absenkung der Sozialleistungen führe in soziale Krisenlagen zurück, die dem Historiker vielleicht vertrauter seien als dem Volkswirt. Das lakonische Fazit der Berechnungen: Die Industrialisierung sei ein weltgeschichtlich einmaliger Vorgang gewesen, man dürfe sich nicht wundern, daß es ihre Spätfolgen auch sind und die Gesellschaft sich mit ihrer Bewältigung überfordert zeigt.

          Gerhard Schildt, „Das Sinken des Arbeitsvolumens im Industriezeitalter“, in: Geschichte und Gesellschaft 32/1 (2006).

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.2006

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