http://www.faz.net/-gqe-80ycj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 14.03.2015, 13:14 Uhr

Mammutbehörde Der Koloss für Arbeit

Die Arbeitslosigkeit hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast halbiert. Doch die Bundesagentur für Arbeit beschäftigt heute mehr Mitarbeiter als damals. Warum wird Deutschlands größte Behörde nicht kleiner?

von
© Tobias Schmitt Behörden-Optik aus dem vergangenen Jahrhundert: die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg

Die monatliche Pressekonferenz der Bundesagentur für Arbeit ist eine nüchterne Angelegenheit geworden. Längst vorbei sind die Zeiten, als das Fernsehen Bilder von hektischen Journalisten transportierte, die der Pressesprecherin schon am Aufzug den Papierbericht aus der Hand rissen, um die neuen Schreckensmeldungen sofort in ihre Agentur-Zentralen und Sendezentren durchzugeben.

Sven Astheimer Folgen:

Die neue Nüchternheit liegt zum einen daran, dass der Negativrekord von mehr als 5 Millionen Arbeitslosen ein Jahrzehnt zurückliegt und die zumeist positiven Nachrichten, die seitdem aus Nürnberg verbreitet werden, medial eher unattraktiv sind. Zum anderen hat die Digitalisierung auch die Arbeitsmarktberichterstattung umgekrempelt. Heute werden sämtliche Informationen per Mausklick in der Republik verteilt.

Neulich herrschte in Nürnberg aber plötzlich wieder mal Spannung. Denn Günter Wallraff hatte sich unter die Schar von Stammgästen gemischt. Wallraff, dem gerne das Etikett „Enthüllungsjournalist“ verpasst wird, enthüllte in seinen Fragen an den Vorstandsvorsitzenden Frank-Jürgen Weise, dass er Gespräche mit dessen Vermittlern geführt habe. Viele fühlten sich in den Strukturen der Mammutbehörde alleingelassen und überfordert. Die aus der Zentrale verbreiteten Erfolgsmeldungen stünden im eklatanten Widerspruch zu Wallraffs Recherchen an der Basis.

Weniger Arbeitslose – mehr Mitarbeiter

Weise versuchte zunächst, mit Fakten zu kontern. Mit zunehmendem Verlauf bekam der Dialog jedoch eine für diese Veranstaltung ungewöhnliche Schärfe. Einen gemeinsamen Nenner fanden beide erwartungsgemäß nicht, und es ist anzunehmen, dass Wallraff an seiner Interpretation der Dinge festhalten wird in dem Beitrag, den RTL an diesem Montag ausstrahlt.

Mehr zum Thema

Doch die eigentlich spannende Frage zu den Mitarbeitern wurde gar nicht enthüllt: Warum ist die Bundesagentur für Arbeit heute eigentlich größer als zu den düstersten Zeiten am Arbeitsmarkt? Warum hat der Abbau der Arbeitslosigkeit von mehr als 5 Millionen in Spitzenzeiten auf unter 3 Millionen nicht zu einer deutlich schlankeren Verwaltung geführt? Wäre die Verwaltung innerhalb des vergangenen Jahrzehnts im selben Maß geschrumpft wie die Arbeitslosigkeit, würden dort heute noch rund 60.000 Mitarbeiter – nicht mehr als 100.000 – beschäftigt.

In der Arbeitsagentur werden solche Rechnungen zurückgewiesen: Viel Arbeit müsse unabhängig von der Arbeitslosenzahl erbracht werden: Mitarbeiter berechnen Leistungen, es gibt die Berufsberatung oder den Statistikbereich. Das bestätigt auch der Bundesrechungshof. Tatsache ist, dass der mit dem Arbeits- und dem Finanzministerium abgestimmte Haushalt 2014 Jahr rund 95.000 Vollzeitstellen auswies, knapp ein Zehntel davon befristet. Die Zahl der tatsächlich Beschäftigten liegt wegen der Teilzeitkräfte deutlich über 100.000. Vor zehn Jahren waren es nur 90.500 Planstellen.

Ein Konzern, größer als die Lufthansa

Die Arbeitslosigkeit schrumpft, und Deutschlands größte Behörde wächst – diese Entwicklung ruft Kritiker auf den Plan. „Angesichts der guten Arbeitsmarktlage könnte die Arbeitsverwaltung schlanker werden“, fordert der Freiburger Ökonom Lars Feld, einer der fünf „Wirtschaftsweisen“ im Sachverständigenrat der Bundesregierung. Eine Ausdehnung öffentlicher Verwaltung finde auf Kosten privater Anbieter statt, moniert Feld. „Der Wettbewerb mit den Privaten wird verfälscht.“

Wäre die Arbeitsagentur ein privatwirtschaftliches Unternehmen, würde man von Konzernstrukturen sprechen: Gesteuert aus der Nürnberger Zentrale mit einem Mittelbau aus sieben Regionaldirektionen, deckt ein Netz aus mehr als 150 lokalen Agenturen die gesamte Republik ab. Der Haushalt pendelt seit Jahren um die Marke von 50Milliarden Euro im Jahr. In der Umsatzrangliste der 30 Dax-Konzerne würde sich der Behördenkoloss damit auf Rang zwölf einreihen – noch vor Namen wie Bayer, Thyssen-Krupp oder Lufthansa.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Kontrolle gegen Größenwahn

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

Pekings Regierung wird die auf Pump finanzierte Einkaufstour chinesischer Konzerne zu riskant – und macht dabei auch vor Verhaftungen keinen Halt. Was steckt hinter dem Kurswechsel? Mehr 3 37

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“