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Veröffentlicht: 31.01.2014, 05:09 Uhr

Arbeitsagentur korrigiert Statistik Zahl der Niedriglöhner seit Jahren überschätzt

Die Korrektur einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit liefert ein überraschendes Ergebnis: In Deutschland sind weitaus weniger Vollzeitarbeiter auf Hartz IV angewiesen als bisher vermutet.

von , Berlin
© Caro / Hechtenberg Fassadenreiniger am Bundestag: Der Beruf gilt als schlecht bezahlt, hat aber längst einen Mindestlohn

In Deutschland sind weitaus weniger vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer auf ergänzendes Arbeitslosengeld II angewiesen als bisher in der politischen Auseinandersetzung über Mindestlöhne unterstellt wurde. Dies ist das überraschende Ergebnis einer aktuellen Revision der entsprechenden Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Wie eine dieser Zeitung vorliegende statistische „Hintergrundinformation“ der Behörde zeigt, ist die Gesamtzahl der Vollzeitbeschäftigten, die wegen eines niedrigen Arbeitslohns die staatliche Einkommensaufstockung beziehen, um fast ein Drittel geringer als bisher vermutet. Die Zahl der allein lebenden Vollzeitbeschäftigten, die eine Aufstockung benötigen, ist sogar um 41 Prozent geringer.

Dietrich Creutzburg Folgen:

Die Neufassung der Statistik bringt politischen Zündstoff, da sie eines der zentralen Argumente der Befürworter des gesetzlichen Mindestlohns deutlich relativiert. Dieses besagt, dass ein immer größerer Teil der Arbeitnehmer trotz Vollzeitarbeit nicht von seinem Lohn leben kann. Genau deswegen verknüpfen CDU/CSU und SPD ihre Pläne für einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde auch mit dem grundsätzlichen Anspruch, dass jeder Mensch durch Vollzeitarbeit mindestens seinen eigenen Lebensunterhalt sichern können soll.

Drastische Verschiebungen

Legt man die nun revidierte Aufstockerstatistik der Bundesagentur für Arbeit als Maßstab zugrunde, dann war dieser politische Anspruch zur Jahresmitte 2013 für genau 46.814 von 21,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Vollzeitarbeit nicht erfüllt; das ist ein Anteil von 0,2 Prozent. Sie hatten keine Familie zu versorgen und brauchten dennoch neben der Vollzeitarbeit Hartz IV. Vor der Revision war die Bundesagentur von 80.000 Betroffenen ausgegangen.

Bezogen auf die insgesamt 1,2 Millionen abhängig erwerbstätigen Aufstocker machen die alleinstehenden Vollzeitbeschäftigten nun 3,9 Prozent aus, statt 6,4 Prozent wie zuvor vermutet. Ähnlich drastisch ist die Verschiebung in der Gesamtgruppe der Vollzeitbeschäftigten, die eine Aufstockung erhalten: Sie umfasst laut den neuen amtlichen Daten noch 218.000 Personen. Das sind fast 113.000 weniger als vor der Revision; ihr Anteil beträgt damit 16,6 Prozent und nicht 26,3 Prozent.

Aufstockung bei mehr als 12 Euro Stundenlohn

Abgesehen von den 46.814 Alleinstehenden haben diese Vollzeitbeschäftigten vor allem deshalb Anspruch auf die Aufstockung, weil sie auch eine Familie versorgen müssen und ihr Arbeitslohn deswegen unter den sozialrechtlichen Bedarfssätzen liegt. Beispielsweise hat ein Paar mit drei Kindern, bei durchschnittlichen Wohnkosten, Anspruch auf 2088 Euro je Monat. Daraus folgt, dass in dieser Konstellation ein Alleinverdiener auch noch bei einem Stundenlohn von mehr als 12 Euro eine Aufstockung beziehen kann.

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Ursache der einschneidenen Statistikrevision der Bundesagentur ist eine verbesserte Datenerhebung für die allgemeine Beschäftigungsstatistik. Wie in der zwölfseitigen Statistikinformation erläutert wird, diente die Änderung eigentlich dazu, von den Unternehmen genauere Informationen über Tätigkeit und Qualifikation der Beschäftigten zu gewinnen. Nach der Umstellung, die Anpassungen in den Lohnabrechnungsprogrammen der meldenden Unternehmen erforderte, habe sich eine insbesondere für die Aufstockerstatistik relevante Verschiebung auch der erfassten Daten zur Arbeitszeit gezeigt.

Spiegelbildlich zur verringerten Zahl der Vollzeit-Aufstocker hat sich die Zahl der Aufstocker mit Teilzeitstelle stark erhöht: Sie belief sich nach dem neuen Datenstand auf 363.000 zur Jahresmitte 2013. Das sind 119.000 mehr als bislang vermutet. Auch Teilzeitbeschäftigte haben Anspruch auf Hartz IV, falls das Arbeitseinkommen nicht reicht. Ein Teil des Problems kann zwar auch in diesen Fällen ein niedriger Stundenlohn sein, doch würde in der Regel schon wegen der zu geringen Arbeitszeit selbst ein zweistelliger Stundenlohn nicht für den Lebensunterhalt ausreichen. Jenseits der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Teilzeitkräfte übt etwa eine halbe Million Aufstocker nur einen Minijob aus.

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