13.10.2011 · Die Anti-Wall-Street-Demonstranten weiten ihren Aktionsradius aus: Sie marschieren direkt vor die Haustür reicher New Yorker.
Von Roland Lindner, New YorkRupert Murdoch hat offenbar wenig Sympathien für die Anti-Wall-Street-Demonstranten in New York. Die zu seinem Medienkonzern News Corp. gehörende Boulevardzeitung „New York Post“ stellt die Protestbewegung „Occupy Wall Street“ („Besetzt Wall Street“) als eine Art Mob von Herumlungerern dar. Genüsslich wird in dem konservativen Blatt über Menschen geschrieben, die nur deshalb zum Zentrum der Proteste am Zuccotti Park in der Nähe der New Yorker Börse kommen, weil es hier kostenloses Essen gibt. Oder von anderen, die Sex auf offener Straße haben. Oder darüber, wie leicht man am Zuccotti Park an Marihuana oder Heroin herankommen kann.
Am Dienstag findet sich Murdoch auf einmal selbst im Visier. Die Demonstranten eröffnen einen neuen Schauplatz in Murdochs Wohnviertel an der noblen Upper East Side. Sie veranstalten einen „Millionärsmarsch“ zu den Häusern prominenter reicher New Yorker und beschränken sich dabei nicht nur auf Namen aus der Finanzindustrie, die bislang Schwerpunkt der Proteste war. Neben Murdoch stehen auf dem Programm der Protest-Tour: David Koch, Miteigentümer des Mischkonzerns Koch Industries und einer der reichsten Menschen der Stadt; John Paulson, Hedge-Fonds-Manager, der vor ein paar Jahren mit seiner Wette auf fallende Häuserpreise zum Multimilliardär wurde; Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende der Großbank J.P. Morgan Chase; Finanz- und Immobilienunternehmer Howard Milstein. Zum ersten Mal richten die Demonstranten damit ihren Unmut auf konkrete Personen.
Die Demonstranten treffen sich mittags an der südöstlichen Ecke des Central Parks zu einer Kundgebung. Eine von ihnen ist Jane, die ein Plakat mit der Aufschrift „Ihr gierigen Ratten“ hochhält. „Das ist eine Bewegung für alle und nicht nur was für Hippies“, sagt die New Yorker Rentnerin, die ihren Nachnamen nicht preisgeben will. Jane stört sich nicht grundsätzlich an hohen Einkommen, sie habe selbst früher mit ihrer eigenen Werbefirma nicht schlecht verdient. Aber sie regt sich über Unverhältnismäßigkeit auf: „Krankenschwestern und Lehrern müssen mit immer weniger Geld auskommen, und auf der anderen Seite werden dem Typen von Hewlett-Packard die Millionen hinterhergeworfen“, sagt sie in Anspielung auf das Abfindungspaket, das der entlassene Léo Apotheker bei HP kürzlich bekommen hat.
Jonathan Westin, einer der Organisatoren des „Millionärsmarsches“ rechnet nicht allen Ernstes damit, dass sich jemand der ins Visier genommenen Reichen zeigen wird. „Ich werde bestimmt nicht meine Luft dafür anhalten. Aber ich hoffe doch, dass unsere Botschaft ankommt.“ Erste Station der Demonstranten ist das Haus mit der Nummer 834 an der Fifth Avenue, wo Rupert Murdoch wohnt. Er hat sich hier 2004 ein dreistöckiges Penthouse für 44 Millionen Dollar gekauft. Die Demonstranten bleiben rund zehn Minuten vor dem Haus stehen und skandieren „We are the 99 percent“ - „Wir sind die 99 Prozent“, mittlerweile so etwas wie der inoffizielle Schlachtruf von „Occupy Wall Street“. Damit soll die Botschaft vermittelt werden, dass der Wohlstand einer kleinen Gruppe von einem Prozent der Amerikaner zu Lasten der großen Mehrheit der Bevölkerung geht. Von Rupert Murdoch selbst ist erwartungsgemäß weit und breit keine Spur. Laurie Birmingham, eine der Demonstrantinnen, sagt, sie hätte ihm gerne eine Frage gestellt: „Wieviel Geld brauchen Sie eigentlich, Herr Murdoch?“.
Von Murdochs Haus geht es weiter, mit Parolen wie „Hey, there, millionaire, pay your fair share!“ („Hey, Millionär, zahl‘ Deinen fairen Anteil!“). Nächster Stopp ist „740 Park Avenue“, traditionell eine der elitärsten Adressen der Stadt. „Hier wohnt David Koch“, ruft Organisator Westin den Demonstranten zu. Der Marsch verläuft insgesamt friedlich und diszipliniert, so wie das überwiegend in den vergangenen Wochen bei „Occupy Wall Street“ der Fall war. Ein großes Polizeiaufgebot stellt sicher, dass die Demonstranten auf den Gehwegen bleiben. Insgesamt dürften um die 500 Menschen gekommen sein.
Letzte Station ist das Haus von John Paulson. Hier legen die Demonstranten einen riesigen Scheck vor die Tür, ausgestellt an „das oberste ein Prozent.“ „Occupy Wall Street“ dauert nun schon fast vier Wochen. Die Demonstranten protestieren gegen Macht und Gier von Banken und anderen Unternehmen. Sie beklagen, dass Banken von der Regierung gestützt worden sind, während viele Amerikaner ihre Häuser bei Zwangsvollstreckungen verloren haben. Sie äußern Frust über einen Mangel an Perspektiven angesichts des schwachen Arbeitsmarktes. Das Themenspektrum der Proteste ist aber breit, auch Umweltschützer haben sich zum Beispiel der Bewegung angeschlossen. Viele Kritiker werfen den Demonstranten vor, keine klare Botschaft zu haben. Die Proteste haben sich mittlerweile auf viele andere amerikanische Städte ausgeweitet. Präsident Obama und andere Politiker der Demokratischen Partei haben Verständnis für den Ärger der Demonstranten gezeigt, Republikaner äußern sich überwiegend abfällig.
Der Millionärsmarsch zu den reichen New Yorkern hat sogar anders als die etwas diffuse Kapitalismuskritik am Zuccotti Park eine konkrete Botschaft: Es geht um die sogenannte „Millionärssteuer“, eine zusätzliche Steuer von 2 Prozent auf Jahreseinkommen von 200000 Dollar und mehr, die im Bundesstaat New York erhoben wird, aber im Dezember auslaufen soll. Die Demonstranten fordern, die Aufhebung dieser Steuer rückgängig zu machen.
Eines der Zielobjekte der Tour, John Paulson, nimmt die Aktion nicht wortlos hin. In einer Stellungnahme weist er darauf hin, dass das obere ein Prozent der New Yorker 40 Prozent aller Einkommenssteuern zahle, was wiederum der ganzen Stadt zugute komme. „Anstatt unsere erfolgreichsten Unternehmen zu verteufeln, sollten wir sie unterstützen und ermutigen, in New York zu bleiben.“ Bürgermeister Michael Bloomberg wiederum nimmt J.P. Morgan-Chef Jamie Dimon in Schutz: „Jamie Dimon ist einer der großartigsten Banker, und er hat mehr Geschäft in diese Stadt gebracht als vielleicht irgend jemand sonst. Ich weiß nicht, was das bringen soll, bei ihm zu demonstrieren.“
500 Leute ...
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 13.10.2011, 10:36 Uhr
Das Regieren mit BILD, BAMS und Glotze muss endlich ein Ende haben
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 13.10.2011, 10:19 Uhr
es ist schon traurig....,
k. i. (huebbelchen)
- 13.10.2011, 09:55 Uhr
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