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Ansturm : Die Renten-Hotline ist ewig belegt

Ratsuchende Rentner: Nicht alle wollen sich auf schriftliche Auskünfte verlassen, viele möchten persönliche Beratung Bild: dpa

Bei der Rentenberatung ist die Hölle los. Viele ältere Damen hoffen auf eine Mütterrente. Doch sie bleiben in der Telefon-Warteschleife hängen. Derweil bastelt die Politik am nächsten Rentenpaket.

          Die Telefone klingeln pausenlos, die E-Mail-Konten quellen über: Das Rentenpaket der großen Koalition bringt die Berater der Deutschen Rentenversicherung in diesen Tagen auf Hochtouren. Die höhere Mütterrente und die abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren haben die Zahl der Nachfragen vervielfacht. Von 1. Juli an gelten die milliardenteuren Neuregelungen, denen die Rentenversicherung umfassende Interneterläuterungen und eine neue Broschüre widmet. Das Wichtigste in Kürze: Die neue Frührente muss der Arbeitnehmer beantragen; die höhere Mütterrente hingegen wird die Rentenversicherung automatisch überweisen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Nicht alle Ratsuchenden wollen sich auf allgemeine schriftliche Auskünfte verlassen, viele möchten persönliche Beratung. Von der ewig belegten Telefon-Hotline können sie ein Lied singen. Helga Berthold etwa hat in den zurückliegenden Wochen oft vergeblich versucht, die Deutsche Rentenversicherung ans Telefon zu bekommen. Die 81 Jahre alte Leverkusenerin bezieht bisher keine Rente. Nach der Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin in den fünfziger Jahren arbeitete sie nur kurz in ihrem Beruf, heiratete und war dann Jahrzehnte für die Familie da. Weil sie die nötigen fünf Beitragsjahre nicht zusammenbekam, erhielt sie dann auch keine Rente. Ein typischer Lebenslauf von Frauen ihrer Generation.

          In den meisten Fällen ist keine Beratung nötig

          Das könnte sich jetzt ändern: Für die beiden Töchter werden ihr künftig vier statt zwei Jahre bei der Rente angerechnet. Zusammen mit der kurzen Beitragszeit könnte das zum ersten Mal für eine eigne Rente reichen. Doch vor einem Antrag will Helga Berthold noch viele Fragen bei der Rentenversicherung loswerden. Nach Tagen in der Telefon-Warteschleife reagierte die Rentenstelle erst auf ihr ärgerliches Fax. Die Mitarbeiterin schilderte die Arbeitsbelastung mit den Worten, es sei „die Hölle los“. Einen persönlichen Beratungstermin hat Frau Berthold im September. Weil ihr das noch zu lange dauert, hat sie jetzt ein Fax an die Deutsche Rentenversicherung nach Berlin geschickt, um Druck zu machen.

          In Berlin bestätigt der Sprecher der Rentenversicherung, Dirk von der Heide, ein „erhöhtes Beratungsaufkommen durch das Rentenpaket“ in den 600 Beratungsstellen der Rentenversicherung und bei den 4.220 ehrenamtlichen Versichertenberatern. Einen zeitlichen Vorlauf von zehn Wochen bis zu einem Beratungsgespräch hält er allerdings nicht für den Regelfall in den rund 1.000 Beratungsstellen im Land. Er rät deshalb, auf „andere Kommunikationskanäle“ auszuweichen, etwa E-Mail und Chats zu nutzen. In den meisten Fällen sei ohnehin keine Beratung nötig, weil die Rentenversicherung sich automatisch um die höheren Mütterrenten kümmere. Rund 9,5 Millionen Mütter und rund 20.0000 Väter werden nach Angaben der Bundesregierung von der höheren Mütterrente profitieren. Bis alle sie auf dem Konto haben, kann es jedoch ein paar Monate dauern. Der Präsident der Rentenversicherung, Axel Reimann, hat es für das vierte Quartal versprochen.

          Lohnt sich die Rente mit 63?

          Auch die Rente mit 63 weckt bei manchen Begehrlichkeiten. Bis Jahresende rechnet die Bundesregierung mit 200.000 neuen Frührentnern. Die Rentenversicherung spricht von bislang 12.000 Anträgen. Unternehmen berichten aber, ein großer Ansturm auf die Rente mit 63 sei bisher ausgeblieben. So sagte Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth, bei Daimler seien es „vermutlich nicht so viele“. Die meisten Arbeitnehmer hätten mit 63 Jahren nicht die nötigen 45 Beitragsjahre zusammen oder seien über Altersteilzeit bereits früher in den Ruhestand gegangen. Ähnlich klingen Mitteilungen des Chemieunternehmens BASF, des Versicherungskonzerns Allianz oder des Frankfurter Flughafenbetreibers. Wolfgang Brezina, Personalvorstand von Allianz Deutschland, sagte: „Für die Allianz Deutschland wird die neue Altersrente kurzfristig keine nennenswerten Auswirkungen mit sich bringen.“

          Im Staatskonzern Deutsche Bahn und in den früheren Staatskonzernen Telekom und Post sind die Effekte der Rente mit 63 „sehr überschaubar“, wie zu hören ist. Vorruhestands- und Abfindungsprogramme hätten die Reihen älterer Mitarbeiter schon in den vergangenen Jahren merklich gelichtet, heißt es bei der Telekom. Bahn und Post versuchen außerdem seit längerem, älteren Mitarbeitern das Arbeiten durch attraktive Teilzeitprogramme zu erleichtern. Dadurch sinke das Interesse am früheren Ruhestand, der trotz der Abschlagsfreiheit Einbußen bei der Rente mit sich bringe. Für manche Unternehmen ist der Verlust von Fachkräften indes nur eine Seite der Medaille. Sie sehen auch, dass die Rente mit 63 „Flexibilität“ schafft – nicht nur für die Übernahme von Auszubildenden, sondern auch für eventuelle Personalanpassungen im Zuge von Werksschließungen.

          Allerdings können viele Unternehmen noch gar nicht einschätzen, ob und wie die Rente mit 63 ihr Geschäft belasten wird, denn viele Arbeitnehmer sind selbst noch dabei auszurechnen, ob sich die Rente mit 63 für sie lohnt. Beim Chemiekonzern Bayer ist man sich darüber im Klaren, dass die Rente mit 63 durchaus zu Engpässen bei den Fachkräften führen kann. Dort heißt es: „Theoretisch können rund 30 Prozent der bei Bayer im Personalverbund beschäftigten Mitarbeiter (Jahrgänge 1950 bis 1963), die sich in der entsprechenden Altersgruppe befinden, von der Neuregelung Gebrauch machen.“

          Befristete Weiterbeschäftigung ist attraktiv

          Die Politik legt unterdessen nach der Verabschiedung des Rentenpakets keine rentenpolitische Atempause ein. Am Donnerstag trafen sich zum ersten Mal die Mitstreiter der Koalitions-Arbeitsgruppe zur „Flexi-Rente“. Jeweils sechs Abgeordnete von Union und SPD wollen zusammen mit Spitzenbeamten aus dem Finanzministerium, Arbeitsministerium und dem Kanzleramt sowie Vertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften die Möglichkeiten für einen flexibleren Rentenbeginn ausloten. Konflikte sind aber programmiert: Während der Wirtschaftsflügel der CDU/CSU unter Führung des Abgeordneten Carsten Linnemann Erleichterungen für eine Beschäftigung nach Rentenbeginn anstrebt, will die SPD an der Seite der Gewerkschaften vor allem eine frühere Teilrente durchsetzen – möglichst eine Teilrente ab 60 Jahren. Sie möchte in der Arbeitsgruppe über die Einführung eines „Altersübergangs-Kurzarbeitergelds für leistungseingeschränkte Beschäftigung“ sprechen, so heißt es in einem Papier der Abgeordneten Martin Rosemann und Dagmar Schmidt. Sie wenden sich gegen Forderungen des Wirtschaftsflügels der Union, Arbeitgeber bei der Beschäftigung von Rentenbeziehern von Sozialbeiträgen zu entlasten.

          Nach dem aktuellen Zeitplan soll die Arbeitsgruppe bis Herbst Vorschläge für flexiblere Übergänge in den Ruhestand präsentieren. Für Arbeitnehmer, die nach Rentenbeginn weiterarbeiten wollen, hat die Koalition schon mit dem Rentenpaket eine Verbesserung beschlossen. Sie können mit ihrem Arbeitgeber eine befristete Weiterbeschäftigung vereinbaren. Für Arbeitnehmer ist das attraktiv: Jeder Monat Arbeit über das Renteneintrittsalter hinaus wird mit einem Bonus in der Rentenhöhe von 0,5 Prozent belohnt. Der entsprechende Abschlag bei vorzeitigem Ruhestand liegt bei 0,3 Prozent.

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