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Analyse Zeitgewinn für Privatversicherte

06.07.2006 ·  Gemessen an den politischen Drohungen, ist für die privaten Versicherer und ihre Kunden der größte Schaden ausgeblieben. Doch sie haben ihr Geschäftsmodell nicht auf Dauer gesichert. Das deutsche System - ein Exot.

Von Stefan Ruhkamp
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Kein Grund zur Freude. Die privaten Krankenversicherer zeigen sich nach der Veröffentlichung der Gesundheitsreform betont griesgrämig. Dabei werden sie in der Öffentlichkeit zu den Gewinnern gezählt. Ist die negative Reaktion also Schauspiel, oder ist die Klage, man sei mit zwei blauen Augen davongekommen, berechtigt?

Gemessen an den politischen Drohungen, ist für die privaten Versicherer und ihre Kunden der größte Schaden ausgeblieben. Im schlimmsten Fall hätten die Privatversicherten in den neuen Gesundheitsfonds einzahlen müssen und wären von ihren Versicherern zusätzlich zur Kasse gebeten worden. Das hätte das Ende der privaten Vollversicherung gegen Krankheitskosten eingeläutet. Nach den nun vorgestellten Eckpunkten der Reform zahlen nur die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen in den Fonds. Auch die zweite Befürchtung, die Anhebung der Versicherungspflichtgrenze, ist nicht eingetreten. Dadurch hätten weniger gesetzlich Versicherte ins private System wechseln dürfen, als Folge drohten saftige Preiserhöhungen. Denn die Privaten brauchen junge Neukunden ebenso dringend, wie die gesetzlichen Krankenkassen auf gesunde, zahlungskräftige Beitragszahler angewiesen sind. So bringt die Reform für die Mitglieder des gesetzlichen Systems vor allem eins - höhere Preise.

Mehr Wettbewerb für Privatversicherungen

Vorerst wird es die private Vollversicherung weiterhin geben. Die Privatversicherungen müssen sich aber auf mehr Wettbewerb einstellen. Bisher konkurrieren sie nur beim Vertragsabschluß um die Kunden. Wer sich einmal gebunden hat, für den lohnte sich der Wechsel bisher nicht. Denn das für das Alter angesammelte Kapital durfte der Kunde nicht mitnehmen. Die Versicherer müssen, so sieht es die Reform vor, künftig die Alterungsrückstellung mitgeben. Das läßt sich für schon bestehende Verträge möglicherweise nicht erzwingen, gilt aber mit Sicherheit für das Neugeschäft. Aus Sicht der Verbraucher ist das ein Fortschritt.

Einen Nachteil haben sie allerdings, weil das Kapital künftig auch an Krankenkassen weitergegeben werden muß, wenn ein Versicherter ins gesetzliche System zurückkehrt. Ein weiterer Nachteil für die Privaten ist, daß die beitragsfreie Versicherung für Kinder im gesetzlichen System künftig zunehmend über Steuern finanziert werden soll. Das Geld dafür bringen alle auf, auch die privat Versicherten. Wegen dieser Ungleichbehandlung - privat Versicherte müssen die Versicherung ihrer Kinder selbst bezahlen - dürften die Chancen bestehen, daß die Assekuranz diesen Punkt noch kippt oder eine steuerfinanzierte Versicherung für alle Kinder erzwingt.

Geschäftsmodell nicht auf Dauer gesichert

Alles in allem haben sich also die Bedingungen für die privaten Krankenversicherer und ihre Kunden verschlechtert. Aber beileibe nicht so sehr, wie zuvor befürchtet. Dennoch lehnen die meisten privaten Versicherer die Pläne für die Gesundheitsreform ab. Sie haben zwar Zeit gewonnen, ihr Geschäftsmodell aber nicht auf Dauer gesichert. Das wäre nur gelungen, wenn auch das gesetzliche System auf sichere Beine gestellt worden wäre. Die große Koalition hat das versäumt und nur auf die Einnahmeseite geschaut. Das System der Leistungserbringung wurde nicht angetastet. Krankenkassen, Ärzte, Krankenhäuser, Apotheker und die Hersteller von Medikamenten dürfen weiter Monat für Monat Milliarden verschwenden. Private und gesetzliche Kassen sind in einer Symbiose stetig steigender Ausgaben vereint, solange die Leistungsanbieter im Gesundheitssystem sich kaum um Preise und Kosten scheren müssen. Schafft es die gesetzliche Versicherung nicht, die Kosten in den Griff zu bekommen, steigen die Ausgaben der privaten mindestens ebenso rasch.

Deshalb dürfte die angedrohte Eingliederung der Privaten in das gesetzliche System bald wieder auf die Tagesordnung kommen. Spätestens in vier bis fünf Jahren, wenn die Krankenkassen wieder vor der Wand stehen, wird das Thema zurückkehren. Zwar werden auch die mehr als 100 Milliarden Euro an Alterungsrückstellung der privaten Versicherer nicht ausreichen, um das Gesundheitssystem dann dauerhaft zu sanieren. Aber offenbar ist der politische Druck, eine vermeintliche Gleichbehandlung beim Hausarzt zu erzwingen, unwiderstehlich.

Innerlich von der Vollversicherung verabschiedet

Und so haben sich selbst einige private Versicherer schon innerlich von der Vollversicherung verabschiedet. Das deutsche System ist ohnehin ein Exot. In allen anderen europäischen Ländern gibt es die private Krankenversicherung nur als Zusatz zu einer für alle organisierten staatlichen Grundsicherung. Noch wirken die rund 18 Millionen Zusatzversicherung in Deutschland mit Monatsprämien von häufig weniger als zehn Euro für die Assekuranz wie Brosamen. Doch das wird sich ändern, wenn die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen reduziert werden. Sollte sich die Assekuranz mit dem Ende der Vollversicherung abfinden und nur noch auf Zusatzversicherung setzen, könnte es für die Kunden, die eine Vollversicherung haben, zu zusätzlichen Kostensteigerungen kommen.

Eine einfache Antwort auf die Frage, ob sich der Abschluß einer privaten Vollversicherung immer noch lohnt, ist kaum möglich. Sie hängt - abgesehen von individuellen Umständen wie der Zahl der Kinder - von politischen Unwägbarkeiten ab. Anders als es die Werbung der Assekuranz vorgaukelt, ist die private Versicherung über das gesamte Leben gerechnet schon jetzt für die meisten Versicherten teurer als das gesetzliche System. Der Preisnachteil wird sich künftig eher vergrößern. Zugleich wird jedoch durch die Unterfinanzierung des gesetzlichen Systems der Qualitätsvorteil der Privaten größer werden. Entscheidend ist, wieviel den Privatpatienten die bessere Versorgung wert ist.

Quelle: F.A.Z., 06.07.2006, Nr. 154 / Seite 11
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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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