Für Marcelas Owens war der vergangene Dienstag ein ganz besonderer Tag. Der 11 Jahre alte Junge stand mit Krawatte, gestärktem Hemd, Weste und mit den Händen in den Taschen im East Room des Weißen Hauses. Neben ihm saß Präsident Barack Obama an einem kleinen Schreibtisch und unterzeichnete mit 22 Füllern das Gesetz, das Vizepräsident Joe Biden kurz zuvor als "a big fucking deal", als "eine verdammt große Sache" bezeichnet hatte. Biden hatte seine Sicht der Dinge Obama ins Ohr geflüstert, ohne zu merken, dass ein Mikrofon in der Nähe war.
Aber der Überschwang des für verbale Entgleisungen berüchtigten Biden war verständlich. Immerhin handelte es sich bei der verabschiedeten Gesundheitsreform um das wichtigste innenpolitische Projekt der Obama-Regierung, dessen Erfolg vor einigen Wochen noch auf der Kippe stand. Es ist die größte Erweiterung staatlicher Sozialfürsorge in den Vereinigten Staaten seit den sechziger Jahren. Aber wenn Jungs wie Marcelas Owens so reden würden wie Joe Biden, würden sie von ihren Müttern garantiert zurechtgewiesen. Im Fall des Jungen aus Seattle sorgt dafür mittlerweile die Großmutter, bei der er mit seinen zwei Schwestern lebt. Marcelas' Mutter ist tot.
Das war der Grund, warum Marcelas am Dienstag bei der feierlichen Zeremonie neben Obama stand. Seine Mutter war vor drei Jahren im Alter von 26 Jahren an Lungenhochdruck gestorben. Tifanny Owens hatte erst ihren Arbeitsplatz als stellvertretende Leiterin eines Schnellrestaurants verloren, weil sie oft wegen Krankheit fehlte. Damit verlor sie auch ihren Versicherungsschutz. "Sie hatte keine Krankenversicherung und konnte die Behandlung nicht bezahlen, die sie brauchte", sagte Obama.
„Pharmaindustrie und Krankenhausbetreiber wurden nicht angetastet“
Kritiker der Gesundheitsreform werfen Obama vor, mit rührseligen Geschichten seine politischen Interessen gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt zu haben. Aber die fatale Lage, in die Tifanny Owens geraten war, ist kein Einzelfall. Zwar sind die meisten Amerikaner, knapp 60 Prozent, über ihren Arbeitgeber, den Arbeitgeber des Ehepartners oder der Eltern privat krankenversichert. Ein Viertel der Bevölkerung nutzt die in den sechziger Jahren gegründeten staatlichen Krankenversicherungen für Senioren (Medicare) und für Arme (Medicaid). Aber der Rest, knapp 46 Millionen Menschen, hat bislang keine Krankenversicherung. Viele Amerikaner sind zudem unterversichert.
Mit der Gesundheitsreform sollen nun alle Amerikaner einen bezahlbaren Schutz vor Krankheitsrisiken erhalten. Bis 2019 werden nach Berechnungen des unabhängigen Budgetbüros des Kongresses 32 Millionen Amerikaner zusätzlich abgesichert sein. "Es ist zweifellos gut, dass so viele Leute bald Versicherungsschutz haben", sagt der erfahrene New Yorker Augenarzt Sam Farah. Für ideal hält er die Reform allerdings nicht. "Es wurde in der politisch zweckdienlichsten Art und Weise gemacht, so wie die Dinge eben laufen in Washington", sagt Farah. Es sei letztlich darauf angekommen, welche Lobbyisten sich am besten durchgesetzt haben. "Die Pharmaindustrie und die Krankenhausbetreiber wurden nicht angetastet", resümiert der Arzt. So würden Krankenhäuser bei geplanten Kürzungen von Medicare-Ausgaben durch eine unabhängige Kommission ausgenommen. Ärzte müssten die Hauptlast der Kürzungen aufbringen, obwohl in Krankenhäusern die meisten Kosten anfielen. An der Börse wurde das ähnlich gesehen. Die Kurse von Pharmakonzernen und Krankenhausketten legten nach der Verabschiedung des Gesetzes deutlich zu. "Die Pharmabranche hat die Punkte vermieden, die sie besonders beunruhigt hatten - Kontrolle der Preise oder zusätzliche Regulierung durch die Bundesbehörden", kommentierte Analystin Barbara Ryan von der Deutschen Bank. Börsianer wetteten darauf, dass die Nachfrage nach Medikamenten und Dienstleistungen mit der steigenden Zahl zahlender Patienten ebenfalls zunehmen wird.
Eine dieser Patienten wird Carrie Heitman sein, die sich von den Marktplätzen für Krankenversicherungen, die im Jahr 2014 eingerichtet werden sollen, günstigere Policen verspricht. Wie für viele Amerikaner ist für die 33 Jahre alte Schauspielerin aus New York die Krankenversicherung ein Reizthema. Heitman hatte dabei noch Glück im Unglück. Sie hatte vor einem Jahr einen Bandscheibenvorfall. Wäre das ein paar Monate später passiert, hätte sie die 12.000 Dollar teure Operation selbst bezahlen müssen. Als die heftigen Rückenschmerzen begannen, war Heitman noch über ihren Lebensgefährten mitversichert. Über dessen Arbeitgeber hatte das Paar einen komfortablen Versicherungsschutz. Für die Rückenoperation kam Heitman mit einem Eigenanteil von 200 Dollar davon. Im August wechselte ihr Freund aber den Arbeitgeber. Danach gab es keine gemeinsame Versicherung mehr. Und aus eigener Kraft kann sich Heitman keine Versicherung leisten. Ihr Einkommen aus Schauspielerei und diversen Gelegenheitsjobs hält sich in Grenzen. Heitman kann nur hoffen, dass sie gesund bleibt. Den Chiropraktiker, den sie zur Anschlusstherapie nach der Operation braucht, zahlt sie selbst. Insgesamt waren es bisher 4000 Dollar. Sie will das Geld aber künftig sparen und stattdessen mehr Sport treiben.
Versicherer dürfen im Krankheitsfall nicht mehr kündigen
Die hohen Kosten für medizinische Leistungen können Leute in den finanziellen Ruin treiben. Nach einer Studie der Harvard-Universität hingen 62 Prozent der Privatinsolvenzen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2007 mit Krankheiten zusammen. Längst nicht nur unversicherte Amerikaner sind bedroht. Mehr als drei Viertel aller krankheitsbedingten Insolvenzen trafen Verbraucher, die versichert waren.
Denn manchmal hilft auch eine Versicherung im Krankheitsfall nicht weiter. Das hat Maria Green schmerzhaft erfahren. Die 53 Jahre alte Spanischlehrerin aus Durham im Bundesstaat North Carolina hat in den vergangenen Jahren insgesamt 20 000 Dollar für die Behandlung ihrer Atembeschwerden ausgegeben. Dabei war sie nie unversichert, seit sie vor 13 Jahren aus Venezuela in die Vereinigten Staaten gekommen war. Die meiste Zeit war Green von der Versicherung gedeckt, die ihr Mann über seinen Arbeitgeber hatte. Allerdings galt da eine Selbstbeteiligung von 5000 Dollar. Deshalb zahlte Green Arztbesuche, Tests und Medikamente in der Regel komplett aus eigener Tasche. Das kann teuer werden. Ein Spezialist stellte Green jüngst 460 Dollar in Rechnung. "Ich war nicht einmal fünf Minuten bei ihm, und er hat mir im Prinzip nur gesagt, dass ich noch mehr Tests machen sollte", berichtet sie.
Vor ein paar Monaten wechselte Greens Mann dann in die staatliche Seniorenversicherung. Green musste sich deswegen um eine eigene Police kümmern - und erlebte eine böse Überraschung: Ihre Symptome wurden von den Versicherern als erhöhtes Krankheitsrisiko eingestuft. Einen halbwegs umfassenden Versicherungsschutz hätte sie nur für 600 Dollar im Monat bekommen. Das wäre rund ein Viertel ihres Einkommens gewesen. Also wählte sie eine Basisversicherung für immerhin 220 Dollar im Monat. Die Selbstbeteiligung liegt wieder bei 5000 Dollar. "Ich vermeide Arztbesuche, wenn es irgendwie geht", sagt Green. Dabei sind die Beschwerden schlimmer geworden. Nachts steht sie alle zwei Stunden auf, weil sie kaum noch Luft bekommt. Green hofft nun, sich nach der Gesundheitsreform endlich ohne Angst vor der Arztrechnung auf die Suche nach einer Lösung für ihr Leiden machen zu können. Vom Jahr 2014 an wird es Versicherungen verboten, bei bekannten Krankheitsrisiken höhere Beiträge zu verlangen oder Kunden abzulehnen. Dafür sei es höchste Zeit, meint Green: "Die Versicherungen machen einen heute wegen jeder Kleinigkeit zum Risikofall."
Versicherer dürfen zukünftig ihren Kunden im Krankheitsfall auch nicht mehr kündigen. Deswegen gehörten die Krankenversicherer an der Börse zuletzt zu den Verlierern.
Die Krankenversicherung wird zur Pflicht
Aber es hätte aus Sicht der Branche schlimmer kommen können. Die zunächst erwogene Einführung einer staatlichen Krankenversicherung wurde verworfen. Auch eine Bundesbehörde zur Kontrolle von Prämienerhöhungen wird es nicht geben. Und die Versicherer werden eine Menge neuer Kunden bekommen. Denn mit der Reform werden Amerikaner verpflichtet, eine Krankenversicherung abzuschließen.
Viele der neuen Kunden dürften jung sein. "Es kommt häufig vor, dass junge Leute, die sich selbständig machen oder Teilzeitjobs haben, keine Krankenversicherung haben", sagt der 26 Jahre alte New Yorker Jeremy Busch. Busch hat selbst auch keine Versicherung - genauso wenig wie seine Verlobte und die meisten seiner Freunde. Er trainiert nebenberuflich die Läufermannschaft einer Privatschule und hat kürzlich einen Laufclub gegründet. Seine Verlobte hat sich als Floristin selbständig gemacht. Bis er 25 Jahre alt war, war er bei seinen Eltern versichert. Länger wäre das nur gegangen, wenn er weiter studiert hätte. Das neue Gesetz erlaubt es nun, bis zum Alter von 26 Jahren bei den Eltern versichert zu sein. In vielen Bundesstaaten lag die Altersgrenze bisher bei 19 oder 20 Jahren. "Ich hoffe, dass ich mir nach der Reform jetzt eine Versicherung leisten kann", sagt Busch. Denn gescheitert ist es bisher am Geld. Die günstigste Versicherung hätte ihn mindestens 300 Dollar im Monat gekostet - ohne Berücksichtigung von Zuzahlungen. Busch ist zum Glück fit und gesund. Deswegen spielt er das Risiko der fehlenden Krankenversicherung etwas herunter. "Ich mache mir keine allzu großen Sorgen", sagt er. An die Möglichkeit eines Unfalls oder an eine ernste Krankheit will er aber lieber nicht denken.
Dafür ist die Geschichte der Mutter von Marcelas Owens wohl eines der schlimmsten Beispiele. Dem Jungen, der im Vorfeld der Abstimmung so etwas wie das Gesicht der Gesundheitsreform geworden war, gibt die Erinnerung an seine Mutter aber immer noch Halt. Deswegen lässt Marcelas auch die Kritik der Reformgegner kühl an sich abprallen. "Meine Mutter hat mir immer beigebracht, dass Leute ihre eigene Meinung haben können. Aber das heißt nicht, dass sie auch recht haben", sagte er.
All umfassende Sicherheit ist eine Illusion nur!
Peter horrex (Eysel)
- 27.03.2010, 13:04 Uhr
Enttäuscht
Carolus Doomdey (Domday)
- 27.03.2010, 13:33 Uhr
Sozialismus in USA
joachim bovier (jbovier)
- 27.03.2010, 14:57 Uhr
Vorteil für Ärzte und Krankenhäuser
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 27.03.2010, 15:00 Uhr
Schön
Leo Bronstein (juvog)
- 27.03.2010, 17:25 Uhr
